Die im Schatten sieht man nicht
Friedrich Ani schreibt nicht über Morde. Er schreibt über Menschen, die vermisst werden. Auch das hat den Münchner zu einem der besten deutschen Krimiautoren gemacht.
Wer seine Geschichten liest, lernt anders denken. Die Dinge scheinen in einer neuen Ordnung zu stehen, die Koordinaten des Alltags verschieben sich. Der Blick auf die Menschen wird achtsamer.
Friedrich Ani, 1959 in Kochel am See geboren, ist ein genauer Beobachter und ein großer Geschichtenerzähler. Es sind Geschichten von Menschen, die vermisst werden, und es sind Kriminalgeschichten. "Die Idee, über vermisste Menschen zu schreiben, entstand, als ich feststellte, dass fast alle Geschichten, die ich in den letzten zehn Jahren geschrieben hatte, von Personen handeln, die ihr Zimmer verlassen wollen, um ihre alte Wirklichkeit gegen eine neue zu tauschen." Ani mag diese Menschen, und er versteht sie. Und er hat ihren Biografien eine Figur zur Seite gestellt, die ebenfalls versteht: Tabor Süden, Hauptkommissar in der Vermisstenstelle der Münchner Kripo.
Tabor Süden ist ein eigenwilliger Mensch und ein guter Polizist, er ist ein "Schicksalsversteher", wie ihn ein Kollege in "Süden und der Straßenbahntrinker" nennt. Der Mann schweigt lieber, als dass er spricht. "Mit diesem Schweigen", sagt Ani, "stemmt er manchmal die Räume der Zimmerlinge auf, mit denen er es zu tun hat und die ihn anlügen, wo sie nur können." In Friedrich Anis Romanen wohnt die Wahrheit in den Leerstellen zwischen den Worten, sie ruht im Dunkel des Nichtgesagten. Selten war ein Schweigen beredter als das jener Schattenexistenzen, denen Ani eine Ahnung von Leben zurückgibt.
Auch in "Süden und das Geheimnis der Königin", dem vierten der auf zwölf Bände angelegten Tabor-Süden-Reihe, bricht das Schweigen erst spät auf. Als in einem leer stehenden Gasthof die Leiche eines Mannes entdeckt wird, ergibt sich eine neue Spur zu einem Fall, der zehn Jahre zurückliegt. Damals war eine Frau aus ihrem offenbar wohl behüteten Leben verschwunden - spurlos, seitdem ist der Fall eine unerledigte Nummer in den Vermisstenakten. Ob die Frau noch lebt oder längst tot ist, wissen Tabor Süden und seine Kollegen Sonya Feyerabend und Martin Heuer nicht, als sie in der Hitze eines friaulischen Dorfes der neuen Spur nachgehen. Süden will den Fall abschließen, und mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit blättert er Seite um Seite auf im Lebensbuch der vermissten Frau. Was er zu lesen bekommt, ist von schicksalhafter Wucht, wie er damit umgeht, das ist frei von Tabus und Konventionen.
Dieser jüngste Tabor-Süden-Roman ist gewiss der bislang bedeutendste in der Reihe, wenngleich auch "Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels" (ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2002), "Süden und der Straßenbahntrinker" und "Süden und die Frau mit dem harten Kleid" Friedrich Ani als einen der wichtigsten deutschsprachigen Kriminalschriftsteller ausweisen. Seine präzise Prosa, der fein austarierte Humor in den geschliffenen Dialogen und nicht zuletzt das unsentimentale Mitfühlen an der Not jener anderen, das Ani seiner Hauptfigur in die Charakteristik geschrieben hat, machen ihn zu einem Autoren von Rang.
Die Geschichten durchzieht eine leise melancholische Strömung, ein Verzagen, denn sie erzählen von Verlust und von Sehnsucht, von der Suche nach dem Neuen und von dem Verhängnis des Alten. "Oft sind es kleine Fluchten", sagt Ani, "sie führen ans nächste Meer, in die nächste Stadt, in eine Illusion." Die Menschen in den Geschichten sind "oftmals desorientierte Leute, solche, die man auf der Straße nicht beachtet". Es sind Menschen, von denen nicht mehr existiert als ihr Schatten, sollte das Licht auch auf sie einmal scheinen. Der Schatten ist ihnen zum Wesen geworden, weil sie im Gestaltlosen eine letzte Chance für sich sehen. Indem Ani ihre Geschichten der Verzweiflung ausbreitet, lässt er sie aus dem Schatten heraustreten.
In nur einem Jahr sind die ersten vier Süden-Romane entstanden. "Wenn ich einen Roman begonnen habe", erzählt Friedrich Ani, "versuche ich jeden Tag zu arbeiten, außer Sonntag, und zwar jeden Tag bis zur Erschöpfung." So ist auch sein Held.
Tabor Süden ist einer, der niemals aufgibt, er ist nicht nur ein Schicksalsversteher, sondern ein Schicksalsucher, der anderer Menschen Leben braucht für das eigene Leben, das ihm nicht selten zu eng ist. Wohl auch deshalb erträgt er es nicht, durch einen Tunnel zu fahren. Zu vage ist ihm die Hoffnung, dass Licht am anderen Ende wartet. Stattdessen nimmt er lieber die strapaziöse Reise über einen Berg in Kauf. Beharrlichkeit zahlt sich halt aus, auch wenn sie aus einem psychischen Versagen, einem Unvermögen heraus entstanden ist. So sind die Geschichten des Friedrich Ani immer auch Geschichten des kleinen wie des großen Scheiterns - und des Versuchs, sich in diesem Scheitern einzurichten, es als zum ganz normalen Leben zugehörig zu betrachten. Oft ist das schwierig genug.
Mit seiner Kommissarsfigur ist der in München lebende Autor zurzeit zwar einzigartig im deutschsprachigen Raum. Doch Vorbilder hat Friedrich Ani auch - Georges Simenon etwa ("man kann ihn so wunderbar anhimmeln, weil man ihn niemals erreicht") und vor allem Anton Tschechow ("ohne ihn möchte ich nicht auf eine einsame Insel verbannt werden"). Aber letztlich, sagt Ani, "nutzen einem Vorbilder nichts: Sie schweigen einen bloß an, wenn das Schreiben wieder einmal nicht geht."
Das Schweigen der Vorbilder wusste Friedrich Ani bislang jedoch immer produktiv zu deuten. Im März kommenden Jahres erscheint der nächste Roman mit seinem wunderbar eigenwilligen Kommissar: "Süden und das Lächeln des Windes".
Genügend Zeit also, um die vier bislang erschienenen Kriminalromane zu lesen.
Friedrich Ani: Süden und das Geheimnis der Königin / Süden und der Straßenbahntrinker / Süden und die Frau mit dem harten Kleid / Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels. Alle erschienen im Knaur-Verlag, alle 208 Seiten; alle 7,90 Euro.



Branchenbuch Hamburg
100. Geburtstag
Axel Springer






Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



