Hamburger Geschichte(n)
Der Wortakrobat
Dierk Strothmann über den großen Sprachkünstler und Hamburger Arno Schmidt
Er war ein wenig kauzig, wie Genies es häufig sind, und er war ein Künstler. Einige behaupten, er war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Oder war Arno Schmidt ein Scharlatan, der mit der Sprache und seinen Mitmenschen dreist Schabernack trieb? Auch diese Meinung wird ernsthaft vertreten.
Ich will mich da nicht einmischen, das sollen die Literaturpäpste unter sich ausmachen, was hier zählt, ist, dass Arno Schmidt Hamburger war, geboren am 18. Januar 1914 als Sohn von Clara und Friedrich Otto Schmidt, sie Hausfrau, er Polizeioberwachtmeister. Sie waren zu viert in der Wohnung in Hamm, Arno das Nesthäkchen, Schwester Luzie drei Jahre älter als er. Schon mit drei konnte Arno lesen, verschlang Jules Verne und Karl May, Autoren, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Die ersten Jahre in Hamburg vergisst er nicht. In seine Sprache fließt Hamburger Schnack ein, wie die "zue Tür". In seiner Sprache, die sich kaum an Regeln hält, heißt Kreislauf "Blutstrom". Menschen singen nicht, sondern "liedern" - gewöhnungsbedürftig, aber ausgesprochen fantasiereich, bunt und witzig.
Arno Schmidt war 14, als der Vater starb und er mit Mutter und Schwester nach Lauban in Schlesien zog, aber er widmete sich weiter seiner Heimatstadt. Es gibt nicht viele Schilderungen, die das Leben in und nach dem Ersten Weltkrieg so plastisch beschreiben. Hier eine Kostprobe: "Auf dem Küchenherd (für Kohlenfeuerung; vorausgesetzt, daß welche da waren ... so die erstn 6=7 Jahre meines Lebms war das gâr keine Selbstverständlichkeit!; Wir haben im Kriege & danach nicht nur gehungert, sondern auch gefror'n): auf dem Herd also stand ein kleines GasKocherchen: kein Elektrisch! Eine Wohnung 'mit Elektrisch' war noch 10 Jahre später eine begehrte Rarität. - 'Bad'? Wir waren stolz & verwöhnt, daß Wir 'n WC hatt'n! Wasser gab ein Hahn über dem kleinen, durchaus eisernen Ausguß in der Küche. Einen Keller hatten Wir nicht; dafür einen BodenRaum, (...). Eines muß noch betont werd'n zur Charakterisierung unsres Lebens dort: die Mentalität meiner Eltern war so gruselich, daß Wir die 'Gute Stube' vorn, (die mit dem Balkong), nie benützten! Wir hausten, jahraus=jahrein, nur in der Küche! (...) In drangvollster Enge; in Koch= und WäscheDunst, (die näm'ich in der Küche getrocknet ward: unter der Decke zogen sich Leisten mit eingeschraubten Haken hin, wo die Leinen gezogen wurdn. Ich seh's ungefähr noch vor mir: die weder geräumijen noch reinlichen Gemächer, die Fenster mit gutem festem Papier verklebt; das TafelService wie von Blohm & Voß; die 'SteckrübmWinter', (und noch lange nach dem Kriege war 'LungenMus' oder Haschee aus Euter & Gedärmseln ein SonntagsEss'n - wozu bei Uns freilich noch gravierend hinzutrat, daß meine Mutter vom Kochen keine Ahnung hatte: wo hätt' Se's auch, als 15=16 jähr'je Mutti, gelernt habm soll'n?!). Die Folge solcher Verhältnisse: Ich kann, als Resultat so enger dürftijer Kindheit, nich großzügich denk'n. Ich habe nie gelernt, mich richtich zu benehmen, in keiner Gesellschaft - aber das teile ich ja auch mit den Meist'n."
In den letzten Jahren seines Lebens, die er in Bargfeld bei Celle verbrachte, wo er im Garten seines Häuschens begraben wurde, trat Hamburg in Gestalt eines Mäzens noch einmal tatkräftig in Erscheinung. Jan Philipp Reemtsma stiftete dem Dichter einen Betrag von 350 000 Mark, was nicht rein zufällig die Summe ist, die man für den Literatur-Nobelpreis erhält.
Arno Schmidt starb am 3. Juni 1979.



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