Junge Leute, die Internetseiten mit ihren Stiltipps füllen, sind die neuen Trendsetter. Sie kommunizieren rund um den Globus. Auch zwei Hamburgerinnen machen den Modemagazinen Konkurrenz.

Blog

Modebloggerinnen aus Leidenschaft: Lara Natascha Leipholz (links) und Alena Klappstein.
Foto: privat

Beim kleinen Foto-Shooting mit dem Fotografen greift Lara Natascha Leipholz wie auf Knopfdruck an den Kragen ihrer Jeansjacke. Jetzt verweilen die angewinkelten Arme in Halsnähe. Laras Blick, sie trägt eine Brille, ist eher scheu und nicht ansatzweise kokett, sie lächelt erst auf Zuruf. Bestimmt nicht nur, weil sie schüchtern, sondern weil ihr Style ganz schön cool ist. Lächeln gehört nicht dazu. Und Style, also die modische Aufmachung, ist ihr alles.

Mehr zum Thema

Lara ist 17 Jahre alt, sie hat einen eigenen Modeblog im Internet. Er heißt "Vintage Jesus Fashion". Später, wenn sie nach Hause zurückkehrt nach einem wie immer vollgepackten Tag, nach Schule und Tanzen, wird sie sich an ihren Laptop setzen - natürlich eines dieser schicken Dinger von Apple - und ihre eigenen Fotos von diesem Tag online stellen. Da lehnt sie im selben Outfit vor einer Litfaßsäule, nur diesmal mit Sonnenbrille. Unter dem Bild steht ziemlich genau, was sie trägt: einen senfgelben Rock von American Apparel, ein COS oversized Shirt, eine Vintage Jeansjacke, Vintage Budapester, H&M Schmuck und Strumpfhose, einen DIY Schal und eine Vintage Sonnenbrille. Wie in einem Modekatalog. Und das ist ja auch das, was Lara macht: Sie stellt einen virtuellen Modekatalog zusammen, in dem sie ihre Kollektionen vorführt. Ihre Models? Sie selbst - "Meistens muss ich den Selbstauslöser benutzen, meine Mutter und meine Schwester sind nicht immer zur Stelle" - und die Leute von der Straße. Unbekannte, die nur eines sein müssen: gut gekleidet. Vor etwa fünf Jahren fingen die ersten Laien an, im Netz über Mode zu schreiben. Damit machen sie selbst den Modemagazinen Konkurrenz. Manche haben so viele Leser, dass sie davon leben können. Modeblogger schaffen Stilikonen. "Ich habe mich schon immer für Mode interessiert", sagt Lara wenig überraschend, sie lächelt dabei und erzählt erst einmal, wie das anfing mit ihrem Hobby, das überhaupt nicht selten ist - in den unendlichen Weiten des World Wide Web haben Hunderte, ach was: Tausende solcher privat, unkommerziell und euphorisch betriebener Blogs Platz. Das wusste auch Lara, darum meldete sie über einen Internet-Anbieter ihre Domain www.vintagejesusfashion.blogspot.com an. Seit Oktober vergangenen Jahres hat sie ihren Blog. Ein Blog (eigentlich: Weblog) ist ein auf einer Webseite geführtes Tagebuch oder Journal, bei dem der oder die Herausgeber regelmäßig (oft täglich) bloggen, also ihr eigenes Erleben, ihre eigene Meinung und Informationen bestimmte Themen betreffend kundtun. Oft sind Blogs monothematisch - so wie im Fall von Laras Blog. Und dem von Alena Klappstein. Die 19-Jährige ist auch Bloggerin, ihre Fashion-Seite heißt "street-inspiration". Die beiden sind miteinander vernetzt, auf der jeweiligen "blogroll" tauchen auch noch viele, viele andere Modeblogs auf. "Das ist toll", erklärt Lara, "durch das Internet kommt man mit so vielen Leuten in Kontakt, die dieselben Interessen haben wie man selbst."

Nämlich Klamotten, Klamotten, Klamotten. Die Leser goutieren alles: von der informierten Berichterstattung über Designerkollektionen bis zu individuellen Modetagebüchern. So schnell die Moderichtungen wechseln, so schnell ist das Internet. Weshalb sich Betrachtungsgegenstand und Medium vortrefflich verbinden. Am wichtigsten sind natürlich die Bilder. Bei Lara und Alena geht es um "Streetstyle", also um Straßenkleidung und nicht um die Glamour-Welt der Laufstege und Modeschauen. Wenn die meisten Kleidungsstücke, die die beiden tragen, "Vintage" sind, dann zeigt das: Marken und Labels sind eigentlich egal. "Vintage" sind gebrauchte Kleidungsstücke oder Retro-Klamotten, die schon in früheren Zeiten getragen wurden. Lara ist keine Konsumgöre, sondern eine leidenschaftliche Secondhand-Laden-Shopperin. "Und auch sonst finde ich die Kleidung, die ich mag, bei den preiswerten Modeketten", sagt Lara.

Lara Natascha Leipholz geht auf das Gymnasium Bondenwald in Niendorf. Später will sie als Modedesignerin arbeiten, jetzt probiert sie auf "Vintage Jesus Fashion" schon einmal ihre Geschmackssicherheit aus. Wer ihre eigenen Fotos auf dem Blog betrachtet, sieht eine charmant unprofessionelle, noch ein wenig unsichere Schülerin, die ganz sicher authentisch ist. Und damit ein Merkmal erfüllt, dem viele Modelabels auf großflächigen Anzeigen und Magazinstrecken erfolglos nahezukommen suchen. Herrlich unverstellt tauschen sich die Mode-Aficionados in den Fashion-Blogs aus. Weil die manchmal den Charakter eines Fanzines haben. Liebeserklärungen werden gerne auf Englisch gemacht, und die Begehrensobjekte sind für einen Click die wichtigste Sache der Welt: "I'm so in love with this leggins." Lederjacken und Rüschensöckchen sind süße Versuchungen, die oft zu teuer sind, aber wenigstens im kollektiven Seufzen angehimmelt werden können. Zu Spitzenzeiten hat "Vintage Jesus Fashion" 1300 Besucher täglich, und auch auf Alenas Blog schauen regelmäßig einige 100. Aber was bedeutet ihnen das Modebloggen genau? Ist es Hobby, Leidenschaft oder gar Leben? Ganz einfach, sagen die beiden und schütteln gleichzeitig den Kopf, "es ist ein schöner Zeitvertreib, der täglich maximal anderthalb Stunden in Anspruch nimmt".

Nichts ersetzt das Stöbern in Secondhand-Läden in der Schanze. Auf nichts kann man sich mehr freuen als das Shoppen, alle zwei Wochen mal und mit dem sauer ersparten Geld im Portemonnaie. Lara gibt Nachhilfe und passt auf die Kinder anderer Leute auf. "Das wirkliche Leben ist mir wichtiger als das virtuelle im Internet", sagt sie bestimmt. Und trotzdem hat sie im Netz viele "Freunde" gefunden. Heute, am Sonnabend, ist ein Blogger-Treffen anberaumt. Letztens traf sie erstmals die leibhaftige Alena, die sie vorher nur im Netz kannte. Die hat gerade auf dem Gymnasium Dörpsweg Abitur gemacht und studiert bald in Hamburg Kommunikationsdesign und Art Direction. Alena ist so natürlich wie Lara, obwohl sie sich für ihren Blog auch mal die Model-Posen der Profis abschaut. Alena ist dezent geschminkt und hübsch gekleidet. Alles an ihr ist Stilwillen, sie fasst das genauso wie Lara als Kompliment auf, "jemand ist dann gut gekleidet, wenn er etwas ausstrahlt". Es gibt klare Grenzen für sie, was ihre Fotos angeht: "Ich würde mich nicht im Bikini fotografieren lassen." Den grundsätzlichen (Seelen-)Exhibitionismus unserer Zeit, das freizügige Selbstdarstellen im Internet, in Foren, Communitys und Blogs beobachten die beiden jungen Damen kritisch. Bei Facebook sind sie zwar angemeldet, nutzen es aber kaum. Und Heidi Klums "Topmodels" stehen sie auch kritisch gegenüber, viel zu kommerziell sei das.

Was nicht heißt, dass sie die Sendung nicht schauen.