Prozeß: 17-Jähriger bleibt weiter in Haft - neue Verhandlung am 20. November
Bruder fordert "Freiheit für Marco"
Anwalt will jetzt Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einschalten.
Antalya. Im Missbrauchsprozess gegen den deutschen Schüler Marco W. (17) aus Uelzen in der Türkei ist weiterhin kein Ende in Sicht. Das Schwurgericht im Urlaubsort Antalya verlängerte am Freitag erneut die Untersuchungshaft des Schülers und vertagte das Verfahren auf den 20. November.
Marcos türkischer Anwalt kündigte einen abermaligen Einspruch gegen die Haft an. "Wir werden Widerspruch einlegen", sagte Mehmet Iplikcioglu. Sein Mandant werde bei der Fortsetzung des Verfahrens siebeneinhalb Monate hinter Gittern verbracht haben. Ein erster Einspruch der Verteidigung war vor wenigen Wochen abgeschmettert worden. Wird auch der zweite Einspruch abgelehnt, geht der Anwalt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Marcos Bruder Sascha W. (20) reagierte enttäuscht auf die schlechten Nachrichten aus der Türkei. Er organisierte eine Mahnwache in Uelzen, die "Freiheit für Marco" fordert. Dem Schüler, der seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft sitzt, soll im Osterurlaub die 13 Jahre alte Britin Charlotte M. sexuell missbraucht haben.
Er bestreitet die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft wirft Marco vor, er habe sich im April in Side bei Antalya an Charlotte vergangen. Marco hat intime Kontakte zu dem Mädchen zugegeben, dabei aber betont, es seien Zärtlichkeiten auf beiderseitigen Wunsch gewesen. Charlotte spricht nach Angaben ihres Anwaltes Ömer Aycan dagegen von Vergewaltigung. Aycan legte dem Gericht am Freitag ein 170-seitiges Protokoll ihrer Video-Aussage vor. Das Dokument, dass in Manchester erstellt wurde, ist in englischer Sprache und muss noch ins Türkische übersetzt werden. Auch die deutschen Anwälte von Marco erhalten eine "deutsche Version" der Aussage.
Da es in der nächsten Sitzung am 20. November vor allem um eine Bewertung der Aussage des Mädchens gehen dürfte, kann Marco voraussichtlich frühestens kurz vor Weihnachten mit einem Ende des Verfahrens rechnen. Sein Anwalt will aber erreichen, dass Charlotte von ihm direkt befragt werden kann. Das scheiterte bisher, weil das Mädchen ein Attest vorlegte: Sie leide psychisch, sei in ärztlicher Behandlung.
Also dürfte der Prozess bis ins neue Jahr dauern. Kommt es trotz der entlastenden Aussagen eines medizinischen Gutachters, wonach Charlotte noch Jungfrau ist, zu einer Verurteilung wegen Vergewaltigung, drohen Marco maximal acht Jahre Jugendhaft.
Auf die Frage nach dem Handeln des Auswärtigen Amtes sagte der zuständige Staatsminister Günter Gloser (SPD), es sei manchmal dienlicher, diskrete Schritte zu unternehmen als eine Initiative öffentlich zu machen. Er betonte, sein Ministerium habe sich eingeschaltet, "aber unter Wahrung der jeweiligen innerstaatlichen Rechtsordnung". Bisher hatte die Regierung in der Türkei die Forderungen deutscher Politiker nach einer Freilassung Marcos als Einmischung zurückgewiesen.



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