Freizeit: Solange es Papier gibt, regt es die Fantasie der Menschen an - seit dem 16. Jahrhundert auch in Europa
Die Kunst der vielen Kniffe
Seinen Ursprung hat das Papierfalten in Japan. Heute hat es längst den Alltag erobert. Es gibt sogar offizielle Weltrekorde - wie den des amerikanischen Papierfliegers, der es auf 64 Meter brachte.
Hamburg. Die Regeln beim Internationalen Paperboat-Wettbewerb der Universität Rostock sind präzise: Die Konstruktionen dürfen höchstens zehn Gramm wiegen und werden mit Bleikügelchen so lange aufgefüllt, bis sie untergehen.
In diesem Jahr siegte Johannes Wittke aus Waren: Sein 9,8-Gramm-Frachter "DIVA 2" schaffte eine Last von 2762 Gramm.
Papier ist geduldig - nicht nur literarisch, auch physikalisch: "Ich kann nicht sagen, wo die Grenze ist", meint der Erfinder dieser akademischen Konkurrenz in Rostock, der Schiffbauspezialist Prof. Robert Bronsart. "Es hängt sehr von dem Material ab und von der Präzision, mit der die Schiffe gebaut werden. Ich würde keine Grenze vorhersagen wollen."
Wie auch immer: Der leichteste Werkstoff der Welt fordert den Homo ludens, den spielerisch interessierten Menschen, zu immer neuen Höchstleistungen heraus. Schon die Kleinsten schicken Papierboote in Badewannen und Bäche, lassen Papierflieger durch Stuben und Fenster segeln, falten Kurzlebiges und Dauerhaftes aus dem preiswerten Material. "Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt, ist so bequem, man weiß doch, was man hat", sagt Goethes "Mephisto" - als Seelenfänger, nicht als Bastler, aber darum doch nicht weniger wahr.
Je trügerischer das Element, desto ehrgeiziger, aber auch leichter erfüllbar der Wunsch, es per Papier zu bezwingen. Beim letzten Rostocker Paperboat-Treff erprobten achtzig Tüftler auch ihre physikalisch-mathematischen Kenntnisse.
Prof. Bronsart bevorzugt das Prallluftprinzip schlauchbootähnlicher Fahrzeuge, die sogar das 600-Fache ihres Eigengewichts tragen könnten - Ozeanfrachter schaffen gerade das Zehnfache. Jedoch, grau ist alle Theorie: Sein Favorit sackte bei 2300 Gramm weg, der neue Champion siegte in der konventionellen Kahn-Form.
Die Ursprünge dieses Wettbewerbs, der Leichtes schwernimmt, finden sich in der Heimat des Materials: Um 105 n. Chr. beschreibt Chinas Ackerbauminister Tsai-Lun das erste Verfahren, Papier im heutigen Sinn herzustellen. Schon kurz darauf startet, so Geschichtsforscher aus dem Reich der Mitte, ein Papierflieger die erste Luftreise eines künstlichen Flugobjekts.
Offizielle Weltrekorde registriert allerdings erst eine Zeit, die alles wiegt und misst. Die größte Weite eines DIN-A4-Fliegers liegt bei 64 Metern, die längste Flugzeit schafft der Amerikaner Ken Blackburn 1998 im Georgia Dome mit 27,6 Sekunden. Seine Vorbereitungen dauern sechs Monate, jede Woche probiert der spätere Champion mindestens fünf neue Varianten aus, bis er die beste gefunden hat - sie besteht aus ordinärem 80-Gramm-Schreibmaschinenpapier.
Deutsche Papierbieger sind seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesen, allerdings schicken sie ihre Objekte nicht auf Luftreise, sondern schmücken damit die Tafeln des Adels: Sie basteln Papierservietten. Das kunstvolle Falten heißt "Servietten brechen" und entwickelt sich zur Kunstform: Die Universität Padua richtete damals sogar einen Lehrstuhl ein.
Die schönsten Produkte zeigt jetzt eine Ausstellung des Kunstgewerbemuseums im Dresdner Schloss Pillnitz. Der katalanische Faltkünstler Joan Sallas falzt, knickt und plissiert dort Tischdekorationen, wie sie repräsentative Festmähler zuerst in Italien, dann aber auch nördlich der Alpen schmückten: etwa meterlange Schlangen, schlossartige Käfige für weiße Kaninchen oder sprudelnde Tischbrunnen.
Auch diese Kunst findet ihre Pioniere in Fernost, das japanische Origami (von oru = falten und kami = Kunst) beginnt mit zeremonieller Papierartistik in der kriegerischen Muromachi-Zeit der Jahre 1333-1568, als die Herrschaft in den Händen eines Shogun liegt. Eine ähnliche Tradition wandert im 16. Jahrhundert von Ägypten über Spanien nach Europa. Der Pädagoge Friedrich Fröbel (1782-1852), der Erfinder des Kindergartens, setzt die knifflige Kunst bereits als pädagogisches Lehrmittel ein.
Die Origami-Asse konzentrieren sich jahrhundertelang auf einige wenige Motive, etwa den Kranich. Erst der japanische Großmeister Akira Yoshizawa (1911-2005) überwindet die starre Tradition, erfindet das Nassfalten und kreiert eine Fülle von Neuschöpfungen. In den 1990er-Jahren führt der US-Physiker Robert J. Lang mit anderen Origami-Künstlern gar einen "Bug-War"- einen Wettstreit um möglichst lebensechte Insekten mit allen Beinen und Fühlern aus einem einzigen Stück Papier.
Auch in Deutschland hat die Kunst des Faltens längst Fuß gefasst: Der 1989 in Freising gegründete Verein zur Förderung des Papierfaltens Origami Deutschland liefert seinen 300 Mitgliedern Faltanleitungen zu Objekten wie Koala oder Spielzeugauto, statt des Kranichs stehen heute Pegasus oder Tyrannosaurus rex auf den Schreibtischen der Origami-Jünger. Doch auch der gute alte Papierflieger nimmt am modernen Formenreichtum teil: Es gibt ihn inzwischen in über hundert Variationen vom Albatros über den Bumerang, den Helicopterix oder die Menschliche Kanonenkugel bis zum besonders stabilen Teebeutelsegler.


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