Garanten des Überlebens sind fast immer die Frauen
Familien: Deutschlands Bevölkerung schrumpft, weil es Jahrzehntelang als schick galt, kinderlos zu sein. Keine Kinder, keine Zukunft. Familie war und ist die beste Garantie für das Überleben. Die Geschichte eines Siedler-Trecks beweist die These.
Hamburg. Was haben wir gelacht, in den 80er Jahren, wenn unser Bundeskanzler Helmut Kohl von der "Famillje" sprach. Wie spießig, gestrig und hausbacken klang das in der damaligen Spaßgesellschaft, in der es politisch korrekt war infantil und Single zu sein, als das Leben eine einzige Party war, die allenfalls durch einen GAU, also Atomunfälle à la Tschernobyl beendet werden könnte. Grauenhafte Endzeitvisionen wurden jedenfalls auch als Argument dafür benutzt, daß man keine Kinder mehr "in diese Welt" setzen wollte. Vor allem aber wollte man keine Spaßbremse, nichts, was nach Bindung oder Verantwortung aussah, schon gar nicht, wenn es gelegentlich eine Rotznase und volle Windeln hatte und morgens um 6 Uhr aufwachte. Kinder zu haben, Altruismus aus Gründen der Arterhaltung - das Selbstverständlichste seit Adam und Eva - wurde als abnorm definiert. Sinnbilder der neuen Leitkultur waren Konsum, Karriere und Karibikreise "all inclusive". 1985 erschien Neil Postmans Buch "Wir amüsieren uns zu Tode", in dem er das ununterbrochene Entertainment ohne Sinn und Verstand kritisierte. Der Titel wurde zu einem geflügelten Wort. Richtig verstehen wollte ihn keiner.
Zwei Jahrzehnte später ist uns das Lachen vergangen. Jetzt dämmert uns, daß wir mit dem hedonistischen Single-Modell unsere Zukunft verspielt haben könnten. Familie ist ein Auslaufmodell unter den Lebensentwürfen. Und plötzlich wieder gefragt. Denn Deutschland verödet, verblödet, vergreist. Die Sozialsysteme implodieren, nicht nur in Großstädten wie Hamburg, wo jeder zweite Haushalt ein Singlehaushalt ist und jedes siebte Kind unterhalb der Armutsgrenze lebt, merkt man, daß ganz viel ganz schief gelaufen ist. "Die demographische Lage der Nation", eine Untersuchung über die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung in Deutschland, die in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, zeichnet ein desaströses Bild. Ganze Landstriche in Deutschland werden unbewohnt werden, der Bevölkerungsschwund nimmt zu, die reproduktionsfähige Altersklasse nimmt dramatisch ab, denn der geburtenstärkste Jahrgang, 1965, ist nun auch schon 40. Heute werden nur noch halb so viele Kinder geboren wie vor 30 Jahren. Es fehlen Frauen, die überhaupt noch Kinder bekommen könnten. Männer, jedenfalls wenn sie gut ausgebildet sind, wollen in der Mehrzahl schon lange keine Kinder mehr und fallen deshalb als Partner aus. Gerade die, die am wenigsten Zukunftssorgen haben müßten, sind besonders lebensängstlich.
Die Zahl der kinderlosen Ehen ist in den letzten zehn Jahren um 18 Prozent gestiegen. Mitschuld, so hat das Institut für Weltbevölkerung herausgefunden, ist auch das unmoderne Paarverhalten in Deutschland, das oft genug, zumindest, wenn Kinder da sind, keine egalitären Beziehungen zwischen Partnern kennt. "Heute ist die Fertilität der Frauen in den Ländern höher, in denen sie ein größeres Maß an Gleichberechtigung erreicht haben", sagt der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann. "Elternschaft ist weiblich", heißt es diese Woche in der ZEIT, und das heißt, daß die Erziehungsarbeit von Frauen fast allein bewältigt werden muß. Bei uns behält meist der Mann seine Arbeit, die Frau soll mit Kindern zu Hause bleiben und ihr ganzes Leben ändern. So etwas wird in Deutschland vom Finanzamt gefördert. Als ob durch ein Kind nicht sowieso schon alles ganz anders werden würde. Oft genug verabschiedet sich der aushäusige Mann dann aber mit einer weniger anstrengenden, weniger muttihaften Büroliebe. Die Ehefrau bleibt zurück mit den Kindern, zuweilen auch unabgesichert. Knapp eine Milliarde muß der Staat - also wir alle - für Väter auslegen, die keinen Unterhalt bezahlen wollen.
Bereits 2010 wird in deutschen Großstädten die Hälfte der Bevölkerung unter 40 Jahren aus Einwandererfamilien stammen. Heute bekommen 1000 Frauen im Schnitt nur noch 670 erwachsene Töchter, dann 450 Enkelinnen und nur 300 Urenkelinnen. Wohin das führt, kann sich jeder ausrechnen. "Sterben die Deutschen aus?" titeln die Tageszeitungen angesichts der Tatsache, daß Deutschland unter 190 Staaten der Welt bei der Geburtenrate auf Platz 185 liegt. Und es ist damit ja keinesfalls allein gemeint, daß uns schon in fünf Jahren qualifizierte Arbeitnehmer fehlen werden. Unser Land wird allein schon deshalb zurückfallen, weil das Gros aller Innovationen und Erfindungen von Menschen unter 35 gemacht wird.
Nach den Debatten um Kindergartenplätze und Ganztagsschulen, um marode Schulsysteme und Pisa-Studie, um Tagesmütter und Super-Nannys sind die Deutschen ratloser denn je, was das Thema Kinder und Familie angeht. Warum nur? Verliebt sich etwa niemand mehr, weil eine Trennung schmerzhaft ist? Kinder sind zwar teuer, sie machen Dreck und Krach, sie nerven, aber sie machen vor allem auch Spaß. Gerade weil sie Chaos ins Leben bringen. Denn ist es nicht das, was wir Leben nennen, Dreck, Angst, Wut, Liebe, Zorn, Fürsorge, Anteilnahme, Erschöpfung, Glück? Mit Kindern fühlt man, daß man lebt. Und vor allem weiß man, warum.
Zwei Drittel aller Deutschen glauben, daß sich Karriere, Selbstverwirklichung und Wohlstand nur erringen lassen, wenn man auf Kinder verzichtet. Als ob nicht Selbstverwirklichung ganz ursächlich, nämlich genetisch, etwas mit Kindern zu tun hätte. Wer sich nicht fortpflanzt, der hat im Genpool der Zukunft eine Niete gezogen.
Ganz vorn bei der Debatte um Kinder, Karriere und kollektive Aufgaben liegt nun Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit seinem Buch "Minimum". Wie schon bei seinem 700 000mal verkauften Bestseller "Das Methusalem-Komplott", in dem er erschütternde Fakten über das Altwerden präsentierte, trifft er den Zeitgeist punktgenau. Schirrmacher entwickelt und belegt in "Minimum" die These, daß es Familien sind, die uns das Überleben sichern. Und diese These ist eingängig wie ein Ohrwurm. Denn wir alle können beobachten, daß mit den großen Familien in Deutschland auch Mitgefühl und Solidarität schwinden. Eine Gesellschaft, in der Kinder nicht mehr zum Alltag gehören, in der es für Kinder kaum noch Geschwister, Cousins oder Tanten gibt, wird egozentrisch. Oder anders gesagt, ist dekadent, zum Tode verurteilt.
Schirrmacher, der selbst nur einen Sohn hat, von dem er getrennt lebt, erzählt in seinem Buch als Paukenschlag-Beispiel die Geschichte vom amerikanischen "Donnerpass", an dem 1848 ein Siedlertreck monatelang vom Schnee eingeschlossen war und ums Überleben kämpfen mußte. Während fast alle - weitgehend alleinstehenden - Männer starben, überlebten die meisten Frauen, weil sie in ihre Familien eingebunden waren. Ähnliches passierte bei einem Großbrand im englischen Hotelkomplex "Summerland", bei dem 67 Prozent der Familien, aber nur ein Viertel der anwesenden Freunde, überlebt hatte. Der unabhängige Einzelkämpfer, wie er in unserer Heldenmythologie verehrt wird, ist also möglicherweise ein Schwächling.
Was muß man tun, um zu überleben? Um möglichst lange zu leben? Auf wen kann man bauen? Schirrmacher behauptet: "Je größer die Familie, desto größer die Überlebenswahrscheinlichkeit des Einzelnen" Und: " Garanten des Überlebens sind fast immer Frauen."
Und daß es in Zukunft immer mehr darauf ankommen wird, ob man Töchter hat, denn sie werden es sein, "die erstmals in der Geschichte der modernen Gesellschaften universale Funktionen beider Geschlechter ausüben können" - Geld verdienen und Kinder bekommen. "Eine Gesellschaft ist in der Frage ihres Bevölkerungserhalts oder -zuwachses kaum von der Zahl der Männer, sondern fast ausschließlich von der Zahl der Frauen abhängig." Der Wunsch nach Töchtern statt nach Söhnen ist inzwischen überall zu hören. Denn "weibliche Lebenwesen steuern die soziale Evolution. Man gelangt in der Regel in Krisen und Umbruchzeiten mit Hilfe von Frauen und Töchtern direkter zum Ziel."
Da ist er also wieder, der Aufruf an die Frauen, mal wieder die Welt zu retten und zu heilen. Zwar sind es mehrheitlich die jungen deutschen Männer, die keine Verantwortung mehr für Kinder und Familie wollen, doch die größeren Opfer sollen weiterhin die Frauen bringen, obwohl viele inzwischen besser ausgebildet sind, als ihre männlichen Altersgenossen. Frauen sollen basteln, bügeln, singen, erziehen, schlaflos sein, bis der Arzt kommt und alles andere auch. Vielleicht müssen irgendwann auch mal die Männer umdenken. Unsere Paarbindungen sind komplizierter geworden, keine Frage. Aber ohne Sicherheit, ohne stabile Verhältnisse können Kinder nicht aufwachsen. Niemand wünscht sich den Patriarchen zurück. Aber ein verantwortungsvoller Mann sollte es schon sein. Einer, der nicht beim ersten Problem davonrennt, sondern der auch Lösungen für Krisen kennt.
Wir leben in einer permissiven Gesellschaft, in der alle machen dürfen, was sie können. Erlaubt ist, was gefällt. Da gefällt es manch einem sicher besser Bier oder Rotwein trinkend in der Kneipe zu sitzen, als an einem Bett, in dem ein fieberndes Kind liegt. Vielleicht sollten die, die in der Kneipe sitzen mal darüber nachdenken, wie sie sich in 20 oder 30 Jahren fühlen. Immer noch in der Kneipe. Aber ohne Nachwuchs, ohne Perspektive. Dafür ist es dann zu spät.


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