Die Alpengletscher sterben
Klimaerwärmung: Die Eisriesen verlieren dramatisch an Masse und werden zur Bedrohung für die Einwohner. Zwei Forscher dokumentieren den Verfall in Bildern.
Hamburg. Wenn Sylvia Hamberger und ihr Begleiter zu einer Tageswanderung in die Hochalpen aufbrechen, dann haben sie eine zehn bis 15 Kilo schwere Kameraausrüstung auf den Rücken. Ihr Ziel ist ein Gletscher, der bereits vor etwa 100 Jahren per Foto oder Zeichnung auf Postkarten und Bildern gebannt wurde. Das historische Dokument vergleichen die Biologin und ihr Projektpartner Dr. Wolfgang Zängl mit der Gegenwart - und dokumentieren mit einem Foto vom selben Ort den dramatischen Rückzug der alpinen Gletscher. "Es ist erschreckend, wenn man das historische Bild mit der Landschaft vor sich vergleicht", erzählt Sylvia Hamberger. "Dort, wo sich einst riesige Eisflächen ausdehnten, gähnt heute ein tiefes Tal, einem Canyon gleich. Wenn ich das alte Bildmaterial nicht dabei hätte, würde ich die Landschaft nicht wieder erkennen." Die beiden Münchner Wissenschaftler arbeiten für die Gesellschaft für Ökologische Forschung und fotografieren mit finanzieller Unterstützung von Greenpeace das Siechtum der Alpengletscher. Die weißen Riesen ziehen sich immer stärker aus den Tälern zurück, getrieben von der Klimaerwärmung, die gerade die Bergregion betrifft - in den vergangenen drei Jahrzehnten war der Temperaturanstieg in den Schweizer Alpen etwa dreimal so groß wie im weltweiten Durchschnitt. Schneearme Winter und eine durch Luftverschmutzung dunklere Eisdecke, die weniger Sonnenwärme reflektiert, taten ein Übriges. Ein Beispiel: Die Eiszunge des 4048 Meter hohen Morteratschgletschers im Engadien füllte anno 1850 ein ganzes Tal. Heute hat sie sich zwei Kilometer weit zurückgezogen. Nur ein Bach mit Schmelzwasser ist übrig geblieben. Vom Berggrat betrachtet, wirkt er wie ein kleines Rinnsal. Der dramatische Rückgang des größten und längsten Gletschers der Region ist im Internet unter www.gletscherarchiv.de zu bestaunen, wo Hamberger und Zängl ihre Fotos und die historischen Aufnahmen seit gestern präsentieren. Am Westrand der Alpen, am Montblanc, schmilzt die Zunge des Gletschers "Mer de Glace" (Meer aus Eis) dahin, weit im Osten hinterlässt die zurückweichende Pasterzenzunge am Großglockner eine graue Felslandschaft; beides haben die Münchner dokumentiert. Doch der bekannteste Kronzeuge des alpinen Gletscherschwunds ist "Ötzi": Im September 1991 fanden Wanderer in den Ötztaler Alpen auf 3278 Meter Höhe die mumifizierte Leiche eines 5300 Jahre alten Menschen, den die Eismassen freigegeben hatten. Im Jahr 1922 lag die Fundstelle noch 20 Meter tief im Eis begraben. Andere Zeugen sind pflanzlicher Natur: Schweizer Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren an Gletscherrändern Bäume geborgen, die vor 2000 Jahren von fließenden Eismassen mitgerissen wurden. Zwischen 1850 und Mitte der 70er-Jahre haben die Alpengletscher ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Seitdem sind noch einmal etwa 20 Prozent der Masse abgeschmolzen, und Klimaforscher gehen davon aus, dass sich der Schwund im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts noch beschleunigen wird. Die abschmelzenden Gletscher werden zur Gefahr für die Alpenbewohner: Es entstehen Schuttareale mit lockerem Gestein, die bei starkem Regen zu Tal gespült werden. Erdrutsche und Schlammlawinen begraben Häuser und Straßen, im schlimmsten Fall auch Menschen unter sich. Instabile Gletscherseen bilden sich, die oberhalb von Ortschaften zu Damoklesschwertern werden. Auch dort, wo zwar Dauerfrost (Permafrost) herrscht, aber keine Eismassen (mehr) die Berge bedecken, kann der Temperaturanstieg gefährlich werden. Denn wenn der Boden auftaut, kommen Berghänge in Bewegung. Meist gleiten sie im Zeitlupentempo zu Tal, doch manchmal stürzen sie ab - in der Schweiz geschahen alle zehn großen Bergstürze der vergangenen zehn Jahre in der Permafrostzone. Das Gletscherarchiv von Sylvia Hamberger und Wolfgang Zängl ist weltweit einmalig und umfasst inzwischen fast 3000 historische Dokumente - ein Fundus für weitere Zeitvergleiche. "Wir haben bislang gut 50 Gletscher in Frankreich, Schweiz und Österreich entlang des Hauptkamms fotografiert", sagt Hamberger, "in diesem Jahr wollen wir Gletscher in Deutschland und Italien besuchen." Dazu bleibt den beiden Wissenschaftlern und ihren Teams nur der August: Noch überdeckt "frischer" Schnee aus dem vergangenen Winter die Gletscherkonturen, und schon im September fällt in den Hochalpen der erste Schnee und überdeckt die dunklen, zerfurchten Gletscherzungen.


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