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Aus aller Welt

Der geheime Da-Vinci-Code?

Boykott: Der Vatikan warnt vor Dan Browns Bestseller "Sakrileg": "Ein verleumderisches Lügengebäude."

Hamburg/Rom. Unter den Kronleuchtern im Arbeitszimmer des schrulligen Oxford-Professors wird den drei Romanhelden Erleuchtung zuteil: "Christus und Maria Magdalena müssen ein Kind gehabt haben", sagt der Symbolologe aus Harvard. Während die junge französische Kryptologin nach Luft schnappt, legt der Gastgeber nach: "Die größte Verschleierungsaktion in der Geschichte. Wenn in der Legende die Rede ist vom Kelch, der das Blut Christi aufgefangen hat - ja, dann ist in Wirklichkeit von Maria Magdalena die Rede, von dem weiblichen Schoß . . ."

Die Schlüsselszene aus dem "Sakrileg" des US-Bestsellerautors Dan Brown weckt weltweit Verwunderung: Leser staunen über die faszinierenden Thesen. Experten sind eher verblüfft, daß sich mit altem Schnee noch soviel Dampf erzeugen läßt.

"Lest und kauft dieses Buch nicht" - der verspätete Aufruf des Erzbischofs von Genua, Kardinal Tarcisio Bertone, im Radio Vatikan wirkt fast wie eine unfreiwillige PR-Aktion. Denn: In den USA wurden in zwei Jahren sechs Millionen Exemplare verkauft, weltweit sind es 25 Millionen. Dazu kommt: Keiner der Stützbalken in Browns Roman-Konstrukt ist jünger als tausend Jahre.

Ob Maria Magdalena lediglich Jesus' Jüngerin oder doch seine Geliebte war, ist bereits seit ihrer ersten Begegnung mit dem Gottessohn strittig: Da sie ihm ohne Sorge um ihren Ruf folgte, statt wie sittsame Frauen das Haus zu hüten, förderte in den patriarchalischen Zeiten der Bibel zwangsläufig üble Gerüchte.

Daß die schöne junge Frau aus dem mondänen Badeort Magdala eine Art Partygirl gewesen sei, ist eine moderne Nachdichtung. Die Evangelien kennen zwar die Gestalt einer reuigen "Sünderin", es ist aber nicht mal erwiesen, ob die von Jesu Bekehrte mit der späteren Jüngerin Maria Magdalena überhaupt identisch war.

Fromme Legenden erzählen, Maria Magdalena sei nach Jesus' Kreuzestod aus dem Heiligen Land nach Südfrankreich geflohen und später im Dom zu Vienne begraben worden. Die Evangelien und die Apostelgeschichte wissen davon nichts. Daß die Jüngerin unter dem Kreuz schwanger gewesen und auf der Flucht einen Sohn Jesus' geboren habe, nehmen einige Familien aus England und Frankreich schon seit Jahrzehnten zum Anlaß, ihren Stammbaum bis auf den Erlöser zurückzuführen und die sensationelle Ahnenreihe in Büchern ertragreich zu publizieren.

Auch das altfränkische Herrschergeschlecht der Merowinger, eine selbst für die Verhältnisse des finsteren Mittelalters außerordentlich blutrünstige Sippe, leitete sich zeitweilig über Maria Magdalena von Jesus ab - Ausdruck eines besonders phantasievollen Strebens nach höherer Legitimation. Beweise dafür konnten sich nie finden. In die gleiche Kategorie gehört die Behauptung zweier Briten, in den Pyrenäen der einst als Ketzer verfolgten Katharer gebe es ein geheimes "Grab Jesu".

Etwas jünger ist Browns Bild vom Schoß der Jüngerin als Gral: Die mittelalterliche Legende weiß nur, daß der jüdische Ratsherr Joseph von Arimathäa das Blut des Gekreuzigten mit dem Abendmahlskelch auffing. Auch Joseph soll später geflohen, aber nach England gelangt sein, wo um das heilige Gefäß ein Mythenkranz blüht, feministisch aktualisiert durch den Weltbestseller "Die Nebel von Avalon" der US-Autorin Marion Zimmer Bradley.

In Browns Theo-Thriller stoßen die drei Mysterienjäger durch einen Mord vor der "Mona Lisa" auf das dunkle Geheimnis. Tatsächlich kennt die Malerei des Mittelalters eine bis in die Renaissance hinein gültige Symbolsprache aus Gesten, Farben und Formen, die heute nur noch Experten entziffern können. Brown konzentriert sich indes darauf, daß der Jünger Johannes an Jesus' Brust auf Leonardos Abendmahlsgemälde in Wahrheit eine Jüngerin sei, eben Maria Magdalena - doch wo wäre dann Johannes, der jüngste Apostel, geblieben, den das Evangelium Jesus' "Lieblingsjünger" nennt?

Alles Täuschung, läßt Brown seine Helden herausfinden: Beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 habe Kaiser Konstantin das Christentum als neue Staatsreligion fit machen wollen. Deshalb habe der Herrscher den vorher allzu menschlichen Jesus von den versammelten Bischöfen in einen vergeistigten Gottessohn umdefinieren lassen, und da hätten eine Geliebte und eine spätere Ehefrau samt gemeinsamem Kind keinen rechten Platz mehr finden können. In Wirklichkeit ging es bei dem Konzil nicht etwa um die schlichte Frage, ob Jesus Gottes Sohn gewesen, sondern um das weitaus kompliziertere theologische Rätsel, bis zu welchem Grad er mit Gottvater identisch sei.

Mit den Bösen seines Romans, Mitgliedern einer katholischen Geheimorganisation, kommt Brown schließlich auch mythologisch in der Neuzeit an. Sein Roman verwurstet mit guter Würze einen Großteil der esoterischen Geschichten, die sich in Jahrhunderten um das Geheimnis der Menschwerdung Gottes bildeten.

Dem Kardinal, der das alles weiß, geht es denn auch offenkundig nicht um ein Verbot: Seine Kritik folgt der Linie des Vatikans, katholische Christen in unserer Zeit immer neuer, verwirrender Informationen nicht ohne Orientierung zu lassen und zugleich das Prestige seiner Weltreligion zu schützen: "Was wäre denn passiert", fragte Bertone, "wenn ein Buch voller Lügen über Buddha oder Mohammed oder eine manipulierte Geschichte des Holocaust veröffentlicht worden wäre?" Die Antwort kennt nicht nur Salman Rushdie.

 

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