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Aus aller Welt

Gelöst? Das letzte Rätsel der Nofretete

Britische Archäologin ist sicher, den Leichnam der schönen Pharaonin entdeckt zu haben - und dass diese ermordet wurde. Geheimnisvolles Ende eines Lebens voller Macht und Intrigen, Liebe und Hass, Prunk und Gewalt.

Hamburg. Der König ist tot, das Reich in Aufruhr, Götterbilder werden gestürzt, in der Hauptstadt droht ein Gemetzel: Fanatische Priester hetzen den Pöbel gegen die Witwe auf, die sich mit letzten treuen Wächtern in ihrem Palast verschanzt. Mit fliegenden Fingern malt sie Schriftzeichen auf eine Papyrusrolle. Ein mutiger Krieger wagt den gefährlichen Botengang. Er führt tausend Kilometer weit durch Berge und Wüste nach Asien . . . Der Brief ist der letzte Trumpf in einem riskanten Pokerspiel um die beiden Kronen des Imperiums am Nil. "Mein Gatte ist tot, und ich habe keinen Sohn", schreibt die Königin. "Wenn du mir einen deiner Söhne schickst, wird er mein Gatte werden." Empfänger ist der Herrscher der einzigen Macht, die sich mit Ägypten messen kann: Schuppiluliuma, der König der Hethiter. Der Brief aber stammt von der schönsten, klügsten und mutigsten Frau ihrer Zeit: Nofretete, Witwe zweier Pharaonen, Mutter von sechs Prinzessinnen, Königstochter aus fremdem, rätselhaftem Reich. Ihre legendäre Ausstrahlung, ihre geheimnisvolle Biografie stellen sie neben Semiramis, Cleopatra und die Königin von Saba in die erste Reihe großer Herrscherinnen, doch viele Details sind unter Experten bis heute umstritten. Jetzt sagt die britische Forscherin Joann Fletcher (36), sie habe die Mumie der Nofretete identifiziert: in einer Kammer, die bereits 1898 geöffnet, aber 1907 wieder zugemauert worden war. Jetzt endlich durfte die Wissenschaftlerin das Grab wieder öffnen und die darin gefundene Mumie untersuchen und vermessen. Ergebnis: Es sei tatsächlich Nofretete - das bewiesen unter anderem Einstiche an den Ohren und Vergleiche mit einer bis heute erhaltenen Perücke. Und: Sie lag in dem Grab neben der Mumie der Mutter Echnatons, der Königin Teje, deren geliebte Schwiegertochter und gefährliche Gegenspielerin sie war. Die faszinierende Lebensgeschichte der Pharaonin, deren Schönheit die Welt bis heute in den Bann schlägt, führt in die dynastischen Wirren des 13. Jahrhunderts v. Chr. Der Pharao Amenophis III. regiert das Reich aus seinem Harem heraus, schwärmt für hellhäutige Ausländerinnen und fürchtet nur einen Feind: die mächtige Priesterschaft des Reichsgottes Amun, nach dem er den Namen trägt (Amenophis bedeutet "Amun ist groß"). Die dunkelhäutige Nubierin Teje hat ihm den Thronfolger geboren, doch Amenophis III. schickt ständig Brautwerber in die Nachbarländer, vor allem zu den Mitanni im heutigen türkisch-syrisch-irakischen Grenzgebiet. Dieses indogermanische Volk besitzt besonders hübsche, blonde Prinzessinnen. Die schönste heißt Taduchepa und kommt, so meinen viele Ägyptologen, nach langem Feilschen 1366 v. Chr. mit 14 Jahren an den Nil. Dort nimmt sie den Namen Nofretete an ("Die Schöne ist gekommen"). Nofretete hat eine fast gerade Nase, deutlich hervortretende Wangenknochen, aufgeworfene Lippen und etwas abstehende Ohren; die leicht hängenden Lider geben ihren mandelförmigen Augen einen herausfordernden, unergründlichen Ausdruck. Büsten heben besonders ihren Schwanenhals und die elegante Haltung des Kopfes hervor, Malereien zeigen sie mit langen Gliedern und schlanker Figur als Aristokratin fast nordischen Typs. Die Mitanni-Prinzessin reist mit vier Ammen, zehn Pagen, 30 Zofen, 30 Dienern und 100 Dienerinnen an. Der 50-jährige Pharao kann sich der jungen Gemahlin jedoch nicht lange erfreuen. Nach seinem Tod 1364 v. Chr. verheiratet seine Haupt-Witwe Teje die 16-Jährige mit ihrem 13-jährigen Sohn, der als Amenophis IV. neuer Pharao wird und sich dann Echnaton nennt. Die Arbeitsteilung ist klar: Teje regiert mit dem Großwesir Aja das Reich, Nofretete macht den Knaben zum Mann und dann zum Vater von sechs Töchtern. Doch dann kommt der Bruch: Echnaton übernimmt die Feindschaft des Vaters gegen die Priester Amuns, entmachtet sie und erhebt stattdessen den Sonnengott Aton zum Reichsgott, ja zum einzigen Gott überhaupt - mit Unterstützung, vielleicht sogar auf Rat Nofretetes. Die Königsfamilie verlässt die Hauptstadt Theben und zieht in die neue Residenz Achetaton in der Wüste am mittleren Nil. Doch der seelischen Wandlung folgen körperliche und psychische Veränderungen: Echnaton leidet offenbar an Lipodystrophie, einer Krankheit, bei der Fett an Gesäß und Schenkeln zu wuchern beginnt. Zugleich entwickelte er homoerotische Gefühle zu seinem jüngeren Bruder Semenchkare, mit dem er erst das Bett und dann den Thron teilt. Schließlich gibt er dem Jüngling seine älteste Tochter, die Prinzessin Meritaton, zur Frau. Nofretete, inzwischen 27 Jahre alt, zieht sich in einen Palast am Stadtrand zurück. Der Untergang kommt rasch: Erst stirbt Semenchkare, dann Echnaton, das Weltreich ist ohne Herrscher, und in das Machtvakuum stößt die Amun-Priesterschaft mit Rachefeldzug und Revolte. Auf Hilfe aus der Heimat kann Nofretete nicht hoffen, das Mitanni-Reich steht in Abwehrkämpfen gegen Hethiter und Assyrer. Also wendet sie sich an den Hethiter-König, und Schuppiluliuma schickt tatsächlich den erbetenen Bräutigam, seinen Sohn Zannanza. Doch die schlaue Schwiegermutter Teje ist schneller: Der Hethiter-Prinz wird auf der Reise ermordet, und als neuer Pharao steigt Tejes jüngster Sohn Tutenchamun auf den Thron, berühmt einzig dadurch, dass seine Grabkammer 1922 im Tal der Könige als einzige ungeplündert gefunden wurde. Die Nachfolger löschen das Andenken der Vorgänger rigoros aus, Echnatons und Nofretetes Namen werden aus allen Inschriften herausgeschlagen. Über das, was mit der schönen Ex-Königin sonst noch geschah, schwiegen alle Quellen. Jetzt gibt die neu entdeckte Mumie Aufschluss. Joann Fletcher: "Sie zeigt schwere Verletzungen, die zu großem Blutverlust geführt haben müssen. Alle Indizien sprechen dafür, dass sie ermordet wurde."

 

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