Schlank durch Kaktus-Pille
Viagra-Hersteller entwickelt einen neuen Appetitzügler. Wird der Diät-Ersatz genauso erfolgreich wie die berühmte Potenzpille?
Johannesburg. Der kniehohe Kaktus wirkt unscheinbar. Hoodia heißt die Pflanze, die am Rande der Kalahari-Wüste gedeiht und den Buschmännern auf ihren langen Jagdausflügen den Appetit verdirbt. Seit Jahrtausenden schon schieben sie sich ein Stück Kaktus in den Mund, kauen darauf herum und unterdrücken so für lange Zeit Hunger und Durst. Diesen Erfahrungsschatz will der durch die Potenzpille Viagra bekannt gewordene Pharmakonzern Pfizer nun nutzen und als Appetitzügler auf den Markt bringen - nach dem Motto: Kaktus-Pille statt Diät. Immerhin sind allein in Deutschland laut Statistik 39 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. In den USA wird der Gewinn durch die neue Arznei auf drei Milliarden Dollar geschätzt. Die klinische Erforschung der "P57" genannten Substanz geht bereits ins dritte Jahr. Ein als wegweisend gewertetes Abkommen mit den Buschleuten machte nun auch ethisch den Weg für die erfolgreiche Vermarktung des künftigen Schlankheitsmittels frei. Der jetzt am Rande der Kalahari unterzeichnete Vertrag sieht die finanzielle Beteiligung der San - so der korrekte Name der südafrikanischen Ureinwohner - an der Vermarktung des neuen Präparats vor. Denn die San fühlten sich übers Ohr gehauen, als der fragliche Wirkstoff 1996 patentiert wurde. Südafrikas Rat für Wissenschaftliche und Industrielle Forschung (CSIR) hatte "P57" isoliert und dann die Rechte für die Entwicklung an die britische Firma Phytopharm plc verkauft, die sie wiederum für 21 Millionen Dollar an den Pfizer-Konzern verschacherte. Über die Grenzen des Nach-Apartheid-Staates hinaus kam damals der Vorwurf der "Biopiraterie" auf. Die Kritik: Westliche Konzerne bedienten sich des Wissens der Ureinwohner, zahlten ihnen aber nichts. Das Thema hatte im vergangenen Jahr schon den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg beschäftigt. Im Falle des Hoodia-Kaktus entdeckten beide Seiten jedoch recht schnell, dass sie von einem Streit nicht profitieren würden. Den weit über den Süden Afrikas verstreut lebenden San fehlte das Geld für die auf 500 Millionen Dollar geschätzte Entwicklung der Substanz. Der Pharmaindustrie dagegen drohten gerichtliche Auseinandersetzung und ein immenser Imageverlust. Nach dem nun ausgehandelten Modell erhält der San-Rat - er repräsentiert die rund 100 000 Mitglieder der verschiedenen Stämme - über vier Jahre eine Anzahlung von 1,5 Millionen Euro. Voraussetzung ist, dass aus dem Kaktus ein erfolgreiches Schlankheitspräparat wird. Außerdem werden bei der Markteinführung der Kaktus-Pille (frühestens 2008) von den an die CSIR zu zahlenden Lizenzgebühren sechs Prozent für den Fonds des San-Rates fällig. Laut CSIR hat sich Pfizer auch verpflichtet, Hoodia-Pflanzen in Südafrika zu kultivieren, sollten natürliche Substanzen Grundlage des künftigen Schlankheitsmittels sein. "Wir respektieren den Reichtum und den Wert eures traditionellen Wissens", sagte CSIR-Chef Sibusiso Sibisi den San. Gelingt die Einführung des Mittels, hätte Pfizer einen zweiten Coup nach Viagra gelandet. Fünf Jahre nach ihrer Zulassung in den USA ist die blaue Potenzpille in 119 Ländern zu haben. Seitdem wurde eine Milliarde Stück verkauft. Der Urologe und Sexualtherapeut Axel-Jürg Potempa aus München würdigte Viagra zu ihrem fünften Jubiläum jetzt als "potente Möglichkeit, Männern mit psychogen verursachter Impotenz zu helfen, aus dem Teufelskreis der Versagungsängste auszubrechen".


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