16.10.02

Männer für heikle Missionen

Söldner. Immer mehr Einsätze in den Konfliktherden dieser Welt sind so haarig - oder so schmutzig -, dass sich reguläre Truppen da raushalten. Auch die USA setzen dann auf Legionäre. Sie kämpfen nur für Geld.

Von Heiko Roloff, Thomas Frankenfeld

New York/Hamburg. Afghanistan, Nahost, Irak, Bali. An vielen Ecken der Welt lodern blutige Konflikte. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist derweil eine uralte Kriegspraxis zurückgekehrt: der Einsatz von Söldnern. Sie töten nicht aus Überzeugung oder für das Vaterland, sondern einzig für Geld. Viel Geld. Söldner übernehmen heikle Aufgaben, die das echte Militär lieber nicht anfassen will - ob in Bosnien, Nigeria, Mazedonien, Kolumbien, auf dem ölreichen Kaukasus oder in anderen Krisenherden der Erde. Und sie sind nicht wie Armeen an einen militärischen Ehrenkodex gebunden. Die Folgen sind oft bestialisch für ihre Opfer. Doch auf Söldner will selbst die einzige Supermacht nicht mehr verzichten. In den USA gibt es inzwischen mindestens 35 Firmen, die solche "Legionäre" gegen Bargeld anbieten. Einige der Unternehmen sind Tochtergesellschaften von globalen Wirtschaftsriesen. So ist zum Beispiel "Kellog Brown & Root" mit 2,2 Milliarden Dollar Jahresumsatz eine Tochter des Ölmultis Halliburton, dem ehemaligen Arbeitgeber von Vizepräsident Dick Cheney. Andere Söldner-Organisationen haben kryptische Namen wie TRW, SAIC, ICI oder auch Logicon, eine Tochter des Flugzeug- und Raketen-Bauers Northrop Grumman. Das Geschäft boomt; insgesamt wird der weltweite Umsatz von Söldnern bereits auf 100 Milliarden Dollar geschätzt. Als militärische Köpfe der Firmen fungieren oft pensionierte Drei- und Vier-Sterne-Generale. Beispiele: General Carl E. Vuono, ein ehemaliger Army-Befehlshaber aus dem Golfkrieg und der Panama-Invasion. Oder General Crosbie E. Saint, Ex-Kommandeur der US-Army in Europa. Oder General Ron Griffith, ehemaliger Vize-Chef der US-Army. Und sie finden leicht Kämpfer. Männer, die einst zu Eliteeinheiten der USA zählten, verdienen nämlich als Söldner bis zu dreimal mehr als ein Angehöriger der regulären Armee. "Wir haben pro Quadratmeter mehr Generale im Einsatz als das Pentagon", brüstet sich die "Military Professional Resources Incorporated" (MPRI), eines der bekanntesten Söldner-Unternehmen. 1991 kam im Golfkrieg nur ein Söldner auf 50 reguläre Soldaten. Fünf Jahre später, beim Friedenseinsatz in Bosnien, hatte sich das Verhältnis schon auf 1:10 verschoben. "Diese Art Legionäre sind unverzichtbar", meinte John J. Hamre gegenüber der "New York Times". Der Vize-Verteidigungsminister der Clinton-Administration fragte zudem: "Wird es in Zukunft mehr von ihnen geben?" Antwort: "Ja. Und sie sind nicht nur in der Kantine tätig . . . " Offiziell bilden Söldner Truppen von Oppositionen aus. Oder sie schützen Staatschefs, die von den USA protegiert werden - wie gegenwärtig in Afghanistan Präsident Hamid Karsai. Aber Geheimdienste und Pentagon setzen sie auch ein, um militärische Beschränkungen der UNO elegant zu umschiffen. Als es zum Beispiel ein striktes Waffenembargo auf den Balkan gab, wurden eben Söldner entsandt, um die lokalen Truppen zu bewaffnen und auszubilden. Bereits seit 1975 bildet die US-Firma "BDM International" die saudi-arabische Nationalgarde aus. Saudi-Arabien gilt als undemokratisches, religiös extrem intolerantes Land mit einer miserablen Menschenrechtsbilanz. Auswüchse des Söldnerwesens kommen immer öfter zu Tage. So sind Söldner in Kolumbien selber in den Drogenschmuggel involviert. So wurden in Afrika Widerstandskämpfer zu Killer-Maschinen ausgebildet, die Massaker an Zivilisten begingen. So sollen Söldner der Firma DynCorp einen Sexring mit minderjährigen Sklavinnen geführt haben. 1998 schickte die US-Regierung DynCorp- und MPRI-Söldner in das Kosovo, um den Abzug der serbischen Truppen zu kontrollieren. MPRI stand auch der kroatischen Armee 1995 bei der Rückeroberung der von Serben eingenommenen Krajina zur Seite. MPRI wird vorgeworfen, dabei Milizen ausgebildet zu haben, die anschließend für "ethnische Säuberungen" auf dem Balkan verantwortlich waren. Bei der Operation "Storm" kamen Tausende Serben ums Leben, doch nicht ein einziger Söldner wurde vor Gericht gestellt. Gesteuert werden die Mietsoldaten vorzugsweise von den US-Geheimdiensten CIA und NSA - wie in Afghanistan. Aber auch das Pentagon heuert die Legionäre gern an. Denn einerseits ist die US-Army von einst 780 000 auf 480 000 Mann geschrumpft, andererseits sind Söldner billiger. Oberst Thomas W. Sweeny, Professor für Strategie und Logistik am Army War College in Carliste im US-Bundesstaat Pennsylvania, gibt zu bedenken: "Söldner werden nur bezahlt, wenn sie auch eingesetzt werden." Vor allem aber sind Söldner politisch "verträglicher". Denn wenn einer von ihnen im Einsatz stirbt, gibt es in den USA keine Diskussionen darüber, warum das Blut von jungen amerikanischen Söhnen im Ausland vergossen wurde. So sind mindestens fünf DynCorp-Söldner in Südamerika gefallen, ohne dass es Aufsehen erregt hätte. Inzwischen melden sich jedoch immer mehr Kritiker zu Wort und machen die Öffentlichkeit auf das Geschäft mit dem Tod aufmerksam. Einer von ihnen ist David Hackworth, ein ehemaliger Oberst der amerikanischen Armee. "Diese Unternehmen arbeiten für das Pentagon, doch der Kongress tut so, als würden sie nicht existieren", sagt der Vietnam-Veteran und fügt hinzu: "Es ist ein sehr gefährliches Spiel, das uns erlaubt, in Regionen zu kämpfen, in die das Verteidigungsministerium und die CIA keine Leute schicken. Dennoch sind sie eine Armee, die vom Steuerzahler bezahlt werden. Dies ist ein Verstoß gegen die Gesetze unserer Gründungsväter." Vor allem gebe es niemanden, der diese Söldner-Truppen kontrolliere. MPRI beispielsweise hat in Afrika 5500 Männer für verschiedene Staatsoberhäupter und Diktatoren ausgebildet. Zuletzt hat die Organisation in Äquatorial-Guinea gearbeitet, ein Land, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Obwohl Präsident Teodoro Obiang Nguema Mbasogo vom amerikanischen Außenministerium als ein Diktator geführt wird, der Folter und Betrug zum Machterhalt eingesetzt hat, und die USA dort keine diplomatische Vertretung unterhalten, halfen die US-Söldner ihm, eine Küstenwache aufzubauen. Einsatzgebiet: Die Truppe soll Gewässer schützen, die wegen ihrer großen Ölvorkommen vom US-Ölmulti ExxonMobil erkundet werden.

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