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Aus aller Welt

Das Geheimnis des Oktoberfestes

"Ozapft is!": Fast eine Million Besucher zur Eröffnung - ein Milliardengeschäft. Vom urigen Volksfest zum "Multikulti-Mega-Event": Der Lokalchef der Münchner "Abendzeitung" schreibt im Hamburger Abendblatt über eine Stadt im Ausnahmezustand.

München. Wenn sich im Februar in Bayern die Menschen verkleiden, sagen die Einheimischen dazu, man gehe "Maschkera". Das närrische Treiben dauert eine gute Woche, dann pflegt man am Aschermittwoch seinen Kater und benimmt sich wieder anständig.

In München freilich gehen die Menschen noch einmal "Maschkera." Und zwar in den letzten Septemberwochen, und wenn der Oktober beginnt. Dann nämlich ist Wiesn. Seit Sonnabend um drei Sekunden vor zwölf - als Oberbürgermeister Christian Ude mit drei wuchtigen Hieben den Schlegel ins Fass drosch, die erste Maß verfüllte und ein kerniges "Ozapft is!" ins Schottenhamel-Zelt rief - ist München wieder im Ausnahmezustand.

Nicht nur gestandene Trachtler werfen sich in Schale und putzen sich heraus. Auch der dahergelaufene "Preuß", der Zugereiste also, der Ausländer aus Japan, den USA, Italien oder Malaysia fühlt sich bemüßigt, ins zünftige Gewand zu steigen - und macht sich so zum mäßig komischen "Maschkera". 900 000 Menschen haben sich am Wochenende über die Wiesn geschoben. Sie haben eine halbe Million Liter Bier und zehn Ochsen konsumiert.

Eine Amerikanerin (22) hat der Alkohol beflügelt, einen Maßkrug nach einem Begleiter zu schmeißen. Sie traf ihn am Schädel, angelte sich einen weiteren Krug und warf auch den. Der Begleiter duckte sich weg, und das Trinkgeschirr traf einen unbeteiligten Dritten. Eine weitere Dame biss einem Ordnungsmann in den Oberschenkel und musste zum Ausnüchtern die Polizei besuchen. Vor dem Trachtenumzug gab es einen Kutschenunfall - zwei Trachtler mussten in die Klinik.

Es gab ein paar Raufereien, etliche Mordsräusche - und viele glückliche Menschen. "Wiesn ist." Aus dem urigen Münchner Volksfest ist längst ein Multikulti-Mega-Event geworden. Fremdenverkehrschefin Gabriele Weishäupl weiß, dass die Stadt ihren guten internationalen Ruf vor allem dem Oktoberfest (und nicht BMW oder dem FC Bayern) verdankt. 1,073 Milliarden Euro werden durch die Wiesn umgesetzt.

Nur eine Zahl wird gehütet wie das Gold von Fort Knox: der Verdienst eines Festzeltwirts. 14 sind es an der Zahl, und wer sie reden hört, wird vom schieren Mitleid geschüttelt. Sie haben es so schwer. Viel Arbeit gibt es und wenig Lohn. Sagen sie. Und schütten sich dabei vor Lachen fast aus. Denn jedermann in München ahnt: Wer Wiesn-Wirt ist, hat eine Lizenz zum Gelddrucken.

Neid kommt freilich nicht auf. Die Wirtsleut' sind jetzt 18 Tage lang die wichtigsten Menschen in München. Sie sorgen für Trunk und Nahrung. Sie bestallen die Kapellen, auf dass in den Zelten ein "Prosit der Gemütlichkeit" erschalle. Sie meinen es ja so gut mit den Münchnern und dem Rest der Welt. Wohlan denn, mögen ihre Kassen gefüllt werden - und mag München eine narrische Zeit genießen. Nach der Wiesn verschwinden ja auch die "Maschkera" wieder aus der Stadt . . .

 

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