Hirntote Frau bringt Baby zur Welt
Koma: Mutter 78 Tage am Leben erhalten. Notgeburt in Mailand. Das Mädchen wiegt nur 713 Gramm. Es atmet schon selbständig.
Mailand. Eine Italienerin hat 78 Tage nach ihrem Hirntod eine Tochter zur Welt gebracht: Die kleine Cristina Nicole kam im Mailänder Niguarda-Krankenhaus per Kaiserschnitt zur Welt. Wenige Stunden später wurden die Apparate abgeschaltet, die die lebenswichtigen Funktionen der 38jährigen zweieinhalb Monate aufrechterhalten hatten.
Es hätte alles so schön werden können: Zwischen Mutter Cristina und ihrem Toni war es Liebe auf den ersten Blick. Schon nach wenigen Monaten beschlossen die beiden, eine Familie zu gründen. Die Kosmetikerin, die in einem Wellness-Center arbeitete, wollte eine Schwangerschaft nicht mehr auf die lange Bank schieben. Gemeinsam mit ihrem wenige Jahre jüngeren Lebensgefährten hatte sie sich eine Wohnung in einem Industrievorort von Mailand eingerichtet. Dort sollte ihre gemeinsame Tochter groß werden. "Sie wollte um jeden Preis ein Kind", erinnert sich ihre Mutter.
Doch dann der Schicksalsschlag. Eines Morgens während des vierten Schwangerschaftsmonats brach Cristina plötzlich zusammen. Die Ärzte der Notaufnahme in einer Vorstadtklinik diagnostizierten eine Hirnblutung. Jede Hilfe kam zu spät, die Frau fiel ins Koma. In diesem Moment faßte ihr Lebensgefährte seine schwere Entscheidung. "Ich will meine Tochter, tut alles, um wenigstens ihr Leben zu retten", bat er die Ärzte der Niguarda-Klinik, in die Cristina inzwischen gebracht worden war.
Von diesem Moment an begann der Kampf eines ganzen Teams von Neurologen, Gynäkologen, Geburtshelfern und anderen Ärzten um das Überleben des Fötus im Bauch seiner Mutter. Die Frau wurde künstlich ernährt und beatmet. "Wir haben ihren Blutdruck und ihre Temperatur stabil gehalten", berichtet Claudio Betto, einer der behandelnden Mediziner. Die Ärzte bemühten sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die werdende Mutter bis zur 29. Schwangerschaftswoche künstlich am Leben zu erhalten, da sich von da an die Chancen des Kindes wesentlich verbessern. Doch am Sonnabend verschlechterte sich der Zustand der Frau. Ihr Blutdruck sank plötzlich ab, gleichzeitig verlangsamte sich der Puls des Fötus. Die Ärzte entschlossen sich zur Notoperation, um das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu holen. Cristina Nicole wurde mit nur 713 Gramm geboren, in den nächsten 24 Stunden verlor sie sogar noch einige Gramm Gewicht. Doch die Ärzte sind zuversichtlich. Schon nach wenigen Stunden wurde das Beatmungsgerät im Brutkasten abgestellt, in den sie sofort nach der Geburt gelegt wurde. "Wenn alle Frühgeburten wären wie sie, hätten wir Geburtsmediziner nicht mehr viel zu tun", sagte Oberarzt Stefano Martinelli. Noch ist nicht sicher, ob die Kleine überleben wird, aber nach Aussage ihrer Ärzte kämpft sie wie eine Löwin.
Wenige Stunden nach der Geburt wurden die Apparate abgestellt. Die Organe der Mutter wurden nach dem Willen ihrer Angehörigen gespendet, um das Leben anderer Menschen zu erhalten. "Sie wußte nicht, daß sie krank war", sagt die frischgebackene Großmutter, und sie fügt weinend hinzu: "Gott, warum hast du nicht mich genommen, ich bin doch schon alt."
Hinter einer dunklen Sonnenbrille bemüht sich Toni, seinen Schmerz zu beherrschen. Mit seinen kurzen Haaren und dem Ohrring wirkt er wie so viele seiner italienischen Altersgenossen. 78 Tage lang hat er seiner Lebensgefährtin den Bauch gestreichelt, um der gemeinsamen Tochter den Eindruck einer normalen Schwangerschaft zu vermitteln. Als sie endlich auf der Welt war, gab er ihr den Namen der Frau, die er so liebte - Cristina.


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