Das Töten begann im Morgengrauen
Robbenbabys: Grausames Gemetzel im Eis. Tierschützer protestieren vergeblich. Die blutige Jagd auf die wehrlosen Tiere ist eröffnet.
Montreal. Pünktlich mit dem ersten Tageslicht hat am Sonnabend im Golf des St.-Lorenz-Stroms die Jagd auf Robbenbabys begonnen. 335 000 Tiere, kaum eines älter als drei Monate und viele gerade erst 20 Tage alt, sollen in den kommenden Wochen getötet und gehäutet werden. Ihr Pelz und ihr Öl bescherten den industriearmen Provinzen an Kanadas Atlantikküste vergangenes Jahr 14,5 Millionen US-Dollar (12,1 Millionen Euro). Nahe der Magdalen-Inseln an der Ostküste waren pausenlos Gewehrschüsse zu hören, als Jäger Jungtiere erlegten, um an ihr Fell zu kommen.
Wegen des ungewöhnlich warmen Wetters und den entsprechend dünneren Eisschollen haben sich die Jäger in diesem Jahr entschieden, die Tiere einzeln zu töten, statt sie, wie üblich in Gruppen mit Keulen zu erschlagen. Nach dem Schuß aus einem Boot heraus rasen die Männer auf die Schollen, um die Kadaver zu erwischen, bevor sie vom Eis ins Meer rutschen. Da jedoch zum Teil aus großer Entfernung geschossen wird, können sich zwar viele Tiere verletzt ins Wasser retten, ertrinken dort aber. Es gibt auch Jäger, die noch lebende Tiere mit Bootshaken über das Eis schleppen, Robben anschießen und zurücklassen oder sie häuten, wenn sie noch leben.
Über die Anwesenheit vieler Demonstranten und der Presse zeigten sich die Kanadier verärgert. Einer hob den blutigen Kadaver eines Robbenbabys auf und warf ihn auf ein Schlauchboot, in dem Tierschützer und Journalisten saßen. Auf den weltweiten Protest gegen das grausame "Massenschlachten" bleibt das Land zwar weiter ungerührt, jedoch zeigt eine Umfrage von 2005, daß selbst Kanadas Bevölkerung das Robbenschlachten verurteilt. Der Tierschutzorganisation "International Fund for Animal Welfare" (IFAW) zufolge lehnten 69 Prozent die kommerzielle Jagd auf die Säugetiere ab. Gegen ihre finanzielle Förderung durch die Hauptstadt Ottawa sprachen sich sogar 77 Prozent der Landesbevölkerung aus. Doch die Fangquote wird in diesem Jahr noch erhöht. Die Regierung begründet die Entscheidung mit der schnell wachsenden Robbenpopulation.
"Unglücklicherweise sind wir selbst zum Opfer einer internationalen Propagandakampagne geworden", bedauerte Ministerpräsident Stephen Harper. "Wir sind überzeugt, daß unser Land verantwortungsbewußt handelt, und werden die Durchsetzung aller Vorschriften überwachen."
Gegen die Robbenjagd protestierten auch etliche Prominente, unter ihnen Brigitte Bardot (71) und Ex-Beatle Sir Paul McCartney (63) sowie seine Frau Heather (38). Die McCartneys erklärten in einer Videobotschaft aus London, die kanadische Regierung könne ein Programm auflegen, mit dem sie den Fischern anbiete, deren Jagdlizenzen zurückkaufen. "Warum macht die kanadische Regierung nicht endlich Schluß mit dieser grausamen und unnötigen Tradition?"
Auch die Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn (53; Grüne) reiste zur Beobachtung der Robbenjagd nach Kanada und reagierte entsetzt auf das, was sich vor ihren Augen abspielte. "Das ist ein grausames Gemetzel. Von Jagd kann man nicht sprechen, weil die Tiere nicht fliehen können und ihren Schlächtern hilflos ausgeliefert sind", sagte sie. Nach ihrer Rückkehr will sich Höhn für den Einfuhrstopp von Pelzen und Omega3-Öl-Kapseln zur Nahrungsergänzung einsetzen.
Die USA verbieten seit 1972 die Einfuhr von Robbenprodukten. Die EU schloß sich 1983 mit einem Importverbot für den weißen flaumigen Pelz wenige Tage alter Robben an. Inzwischen erlaubt das Fischereiministerium lizenzierten Robbenjägern nur noch die Jagd auf Tiere, deren Pelz eine dunklere Farbe angenommen hat. Die Färbung beginnt gut zehn Tage nach der Geburt.



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