Entdeckt: Alexanders Residenz im Osten
Archäologie - Fast 80 Jahre suchten Forscher in Afghanistan vergeblich nach der Stadt Baktra, die Alexander der Große zum Mythos gemacht hatte. Jetzt stießen sie durch Zufall auf erste Überreste.
Paris. Roland Besenval überkam ein Gefühl des Triumphes. Der französische Archäologe war, endlich, am Ziel, als er vor einem kleinen Haus im afghanischen Ort Balkh im Mai dieses Jahres eine Türschwelle entdeckte. Schon auf den ersten Blick erkannte er in dem Fundstück eine griechische Steinmetzarbeit - das erste Indiz für die Existenz einer antiken Stadt, nach der seine Kollegen bereits vor achtzig Jahren vergeblich gesucht hatten und die bislang nur aus der Überlieferung bekannt war: Baktra, die Residenzstadt Alexanders des Großen am östlichen Rand seines Riesenreiches. In jener Region nahe Mazar-i-Sharif, wo im vergangenen Herbst von den USA geführte alliierte Truppen die Jagd auf Terroristenführer Osama bin Laden starteten, hatte der Eroberer aus Makedonien zwei Jahre lang regiert - von 329 bis 327 vor Christus. Er hatte sein Heer neu geordnet, die sogdianische Prinzessin Roxane geheiratet und nach Jahren des Krieges die Versöhnung zwischen West und Ost eingeleitet. Noch Jahrhunderte nach Alexanders Tod war der griechische Einfluss in der Kunst Zentralasiens spürbar. Nur seine Hauptstadt hatte man nie gefunden: Wo waren die Paläste, die Häuser, die Reste der Stadt, die unter Alexander und seinen Nachfolgern errichtet worden sein mussten? Wo war Baktra geblieben? Seit langer Zeit wurde es unter dem heutigen Balkh vermutet. Jedenfalls zog die Stadt an der Seidenstraße über Jahrhunderte immer wieder beutelüsterne Eroberer an. Von Dschingis Khan bis Timur Lenk wechselten große Kriegsherren einander ab, bauten auf und rissen wieder ein. Doch die Grabungskampagne, die der französische Archäologe Alfred Foucher 1924/25 in Balkh durchführte, förderte nicht einen griechischen Stein zu Tage: Das Baktra des Makedonen blieb ein Phantom. "Vor fünf Jahren zeigte mir ein UNO-Mitarbeiter Fotos von Säulentrommeln, die er in Balkh gemacht hatte", erzählt Besenval in einer büchergefüllten Dachkammer in Paris dem Hamburger Abendblatt. Sein Büro gehört zum Pariser Musee Guimet, einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen asiatischer Kunst. "Immer wieder einmal tauchten bei Balkh Kleinfunde aus griechischer Zeit auf", erinnert er sich. Doch die nützen ihm wenig: Wenn Schmuckstücke oder Statuen erst in den Basar gelangt sind, ist es nicht mehr möglich, ihren Fundort zu ermitteln. Die Stücke hingegen, die die Existenz einer Stadt beweisen könnten, sind für den Transport zu schwer - und werden von Plünderern häufig an Ort und Stelle zu Kalk gebrannt. Die Säulen des UNO-Mitarbeiters hat Besenval nie gefunden. Hinzu kam, dass Afghanistan für westliche Archäologen zwei Jahrzehnte lang verschlossen war. Sie hatten ihre Arbeit einstellen müssen, als Ende 1979 die Sowjets in Afghanistan einfielen. Auch der Sieg der Taliban änderte nichts an der Lage: "Wenn wir dort gearbeitet hätten, hätte das eine Anerkennung des Regimes bedeutet", sagt Besenval. "Das wollten wir nicht." Erst seit dem Ende der Mullah-Diktatur ist das Land wieder zugänglich. Ende Mai organisierte die Unesco in Kabul eine Konferenz, um sich einen Überblick über das afghanische Kultur-Erbe zu verschaffen. In ihrem Auftrag inspizierte Besenval ein halbes Dutzend ehemaliger französischer Grabungen. Als er am letzten Tag der Konferenz seinen Vortrag hielt, berichtete er von vielen deprimierenden Beobachtungen. Doch dann rückte er mit der Sensation heraus - jener Entdeckung der antiken Türschwelle in Balkh und dem, was darauf folgte. "Wir kamen mit dem Besitzer des Hauses ins Gespräch, und er lud uns zu sich herein", berichtet der Forscher. "Wir erlebten fast einen Schock: In seinem Hof lagen zwei Säulenbasen, ganz offensichtlich griechischer Herkunft." Doch wollte der Mann nicht verraten, wo er sie gefunden hatte. Tagelang arbeitete Besenval daran, sein Vertrauen zu gewinnen. "Man redet mit den Leuten, man geht weg, kommt wieder . . . bringt Medikamente für den Sohn mit - so geht das in Afghanistan." Schließlich gab der Hausbesitzer nach. Er führte Besenval zu einem Platz, an dem sich Überreste der gesuchten Stadt befanden - an einer Stelle, wo Archäologen nie gegraben hatten. Die Plünderer indessen schon: "Die hatten Stollen in den Untergrund getrieben, 30 bis 40 Meter lang." Besenval konnte sie nicht betreten, denn nach einem Erdbeben waren sie wieder eingestürzt. Aber er informierte die Kollegen. Anfang Juni besuchte Guimet-Chef Jean-Francois Larrige selbst den Ort, unternahm eine Grabung und stieß auf eine Tempelmauer: Kein Zweifel - Baktra. Aber was hatte Alexander dort überhaupt gewollt, rund 4000 Kilometer von seiner Heimat entfernt? Und warum ist er ganze zwei Jahre lang dort geblieben? Baktra war der Schlusspunkt einer Reise, die im Jahr 334 begonnen hatte, als Alexander ins Persische Reich einmarschierte. Schon im Gebiet der heutigen Türkei schlug der junge Feldherr die Perser zum ersten Mal. Im Jahr darauf besiegte er ein Heer, das von Perserkönig Dareios selbst geführt wurde ("Drei- drei-drei, bei Issos Keilerei"). Dareios verlor die Schlacht (und die Kriegskasse), kam aber mit dem Leben davon. Er zog sich ins Innere seines Reiches zurück und stellte ein neues Heer auf. Bei Gaugamela wurde er 331 zum dritten Mal geschlagen. Alexander erklärte sich zum Herrscher Persiens. Aber Dareios lebte noch und marschierte weiter nach Osten. Seine Leute hatten indes das Vertrauen in ihn verloren und brachten ihn um. Nachfolger des Großkönigs wurde einer seiner Verwandten: Bessos, der Satrap der Provinz Baktrien. Wenn Alexander die Eroberung Persiens abschließen wollte, musste er Bessos ausschalten. So folgte er ihm nach Baktrien. Nach dem Sieg über Bessos machte Alexander Rast: In der Hauptstadt Baktra war er endlich am Ziel seiner Wünsche. Archäologe Besenval hat bei afghanischen Behörden inzwischen erwirkt, dass dort vorerst nicht weitergegraben wird - im Gegenzug für materielle Hilfen und Job-Zusagen für den Fall, dass die wissenschaftlichen Grabungen beginnen. Wann das sein wird, steht freilich in den Sternen. Denn die Unesco hat derzeit dringlichere Aufgaben. "Erst einmal kommt es darauf an, die Stellen gegen wilde Grabungen zu sichern", sagt Besenval. Seine Hoffnung ruht darauf, dass die Plünderer vor dem gleichen Problem stehen, das auch den Forschern jahrzehntelang im Wege gestanden hatte: Die griechischen Schicht liegt in vier bis acht Meter Tiefe.


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