Gänse fielen tot vom Himmel
Tierdrama: Unwetter über Ostfriesland. 68 Vögel im Flug vom Blitz erschlagen?
Veenhusen. Es klingt unglaublich: Ein einzelner Blitz soll in Ostfriesland 68 Nonnengänse im Flug getötet haben. Jäger entdeckten die toten Vögel rund vier Kilometer nördlich des Ems-Autobahntunnels bei Veenhusen im Kreis Leer. Bei einigen Tieren waren die Federn versengt, andere wiesen keine äußerlichen Spuren auf.
Manfred Wilms, Vorsitzender der Jägerschaft des Landkreises Leer: "Wir fanden die toten Vögel in Büschen und Bäumen hängend. Auf der Rückenpartie fehlten Federn, andere waren verschmort." Die große Zahl der toten Tiere gilt als ungewöhnlich.
War es wirklich nur ein Blitz? Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst in Frankfurt bejaht diese Möglichkeit - und drückt es drastisch aus: "Dann werden die mit einem Schlag gegrillt."
Der Biologe Dr. Helmut Kruckenberg (Spezialgebiet Gänse) stimmt zu. Er verweist auf eine Augenzeugin. Die will zur fraglichen Zeit einen gleich doppelt ungewöhnlichen Blitzschlag nahe der alten Kiesgrube beobachtet haben: Besonders intensiv sei der Blitz gewesen und fast parallel zum Erdboden verlaufen. Der Jäger Andreas Olthoff entdeckte 52 Kadaver, dann suchte er mit Jägerkollegen ein Gebiet von rund 2500 Quadratmetern systematisch ab und fand weitere 16 tote Tiere. Zum Teil haben sie dabei Kadaver aus dichtem Gebüsch geholt.
Daß der Blitz eine am Boden zusammengedrängte Gruppe getroffen hat, ist also auszuschließen. Zudem hatten einige der toten Vögel Brandspuren im Federkleid, und Jäger Olthoff stellte nach der Bergungsaktion an seinen Händen auch Brandgeruch fest. Die Kadaver sollen nun in einer Abdeckerei beseitigt werden, einige Exemplare allerdings werden zuvor im Kreisveterinäramt beziehungsweise in der Tierärztlichen Hochschule Hannover auf die Todesursache untersucht. Eben weil der Vorfall so ungewöhnlich ist, will man Gewißheit haben. Die Tiere, so die Vermutung des Biologen Martin Schulze Dieckhoff vom Landesamt für Küstenschutz, Wasserwirtschaft und Naturschutz, müssen, wie meist in fester Formation, dem bekannten Winkel, geflogen sein. Die Nonnengänse gehen dann regelrecht auf Tuchfühlung, um den Windschatten des Vordermannes ideal ausnutzen zu können. Ein Blitz, der mit einer Geschwindigkeit von etwa 100 000 Kilometer pro Sekunde mitten in eine Formation schlägt, muß die Tiere gar nicht einmal alle direkt treffen. Die elektrische Ladung und der Donner können bei den empfindlichen Vögeln zum Herzschlag führen.
Hinzu kommen die Turbulenzen. Nonnengänse, erläutert Biologe Kruckenberg, geraten leicht ins Trudeln - und dann haben sie nicht die fliegerischen Mittel, einen Absturz zu verhindern. Dies würde erklären, warum nur ein Teil der Kadaver Brandspuren aufweist.
Daß Vögel vom Blitz getroffen und getötet werden, ist für die Fachleute sogar ein normaler Vorgang. Allein im vergangenen Jahr gab es schon zwei größere Vorfälle in der Region. Dabei wurden einmal acht und einmal 14 Gänse vom Blitz erschlagen.
Das Gebiet direkt am Dollart ist für Nonnengänse ein beliebtes Winter- oder Durchgangsquartier. Derzeit, so Kruckenberg, dürften mehr als zehntausend Nonnengänse dort sein - und sich für ihren bevorstehenden Flug in die Brutgebiete in Sibirien und Nordskandinavien rüsten.
Am Dollart im milden Klima am Meer finden sie auch im Winter genügend Nahrung. Neben dem Wiesengras machen sich die Nonnengänse aber zum Ärger der Landwirte auch gern über die Wintersaat auf den Feldern der ostfriesischen Bauern her.
Nonnengänse gehören zu den geschützten Vogelarten (siehe Info-Kasten). Sie gelten derzeit aber nicht als gefährdet. Ihre Population hat sich den vergangenen Jahren sogar vergrößert.

















