Der Sound, der die Beine der Welt bewegt
Swing steht für ungestüme Lebenslust und fetzige Rhythmen - und das passte nicht zu Weltherrschaft und Marschmusik. Deshalb galt Swing den Nazis als "entartet". Aber Tausende junger Hamburger waren in den 1930er-Jahren von dieser Musik begeistert, mit Risiken. Und Nachwirkungen: Heute swingt Hamburg wieder - und wie!
F edora-Hut, Nadelstreifenanzug, Schlips, zweifarbige Schuhe und kurze, gegelte Haare mit nach vorne gestrichenen Koteletten. Wenn Swantje Harmsen aus dem Haus geht, ist sie von Kopf bis Fuß auf ihre große Liebe eingestellt. Die ganze Frau ist Swing. Wie eine Erscheinung aus einem klassischen Gangsterfilm geht Swingin' Swanee durch die Stadt, trifft sich mit Gleichgesinnten, legt abends Swing-Platten auf und ist immer auf der Suche nach dem Neuesten vom Neuen auf dem Schellack-Plattenmarkt. "Swing ist für mich unbändige Leidenschaft, Genusssucht, trotz schwieriger Umstände. Er hat viel mit Rebellion zu tun", sagt sie. "Afrikanische Musik, Tango aus Lateinamerika, Soul, Blues: Alles ist ein bisschen ähnlich vom Feeling her." Hamburg swingt inzwischen kräftig mit. Auch auf privaten Partys wird Swing aufgelegt - und beschwört die Stimmung dunkler Pinten und Clubs herauf, in denen wild getanzt, gestritten und geküsst wurde; Energie geladen, überschäumend, verführerisch: So mochte es die Swing-Jugend, erst in den USA, dann auch in Deutschland. Der eingängige Sound dieser ersten Popmusik der Welt mit fließenden Beats greift um sich: Schon haben Fans und Fachleute in Hamburg die "New Swing Generation" gebildet, die dreimal pro Woche Lindy Hop lehrt, den Tanz zum Swing. Radiosendungen sind ganz dem Swing gewidmet, neue Swing-Bands formieren sich. Mittlerweile kann man sogar eine Swing-Show-Tanz-Truppe engagieren. Längst legen angesagte DJs Swing auf, und zwar generationenübergreifend: Günter Discher (77), der Mann mit der größten Swing-Plattensammlung, und eben Swingin' Swanee (37), die sich im Swing besser auskennt als so mancher mit der heimischen Stereoanlage. Entstanden ist Swing im New Yorker Schwarzenviertel Harlem. Seine afroamerikanischen Wurzeln geben ihm seine raue und zugleich melodische Klangfarbe. Im schwierigen Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß wurde Swing die verbindende Sprache: Diese Musik der diskriminierten Minderheit spielten auch Weiße, und in den verrauchten Swing-Clubs, die den weißen Gangstern gehörten - der Mafia -, kam immer wieder Ballroom-Atmosphäre auf. Die Rebellion hatte einen Weg gefunden. Die Texte sprachen von Drogen, aufpeitschender Musik, Exzessen, Eifersucht. Es war die Zeit der Prohibition; alles war verboten, aber der Swing blieb stark. Die 20er-Jahre hatten Hot Jazz ins Bewusstsein der Massen gebracht, der Swing Jazz macht Jazz salonfähig. Der Lindy Hop, der Tanz der eingeweihten Swing-Gemeinde, entstand im größten Ballroom der Welt: im Harlemer "Savoy", dem Einzigen übrigens, in dem es keine Rassentrennung gab. Duke Ellington spielte dort, und mit Benny Goodman in der Carnegie Hall ging es dann erst richtig los. "In den USA war Swing niemals weg", sagt Swanee. "Von zehn Radiosendern spielen drei nach wie vor Swing. In Deutschland wurde Swing nie gelebt. Erst wurde er unterdrückt, dann verschwand er, bis in die 90er-Jahre." Aber Hamburg war einst und Hamburg ist heute die Hochburg des Swing in Deutschland: "Damals hat ein Haufen Teenies die Musik gehört und getanzt. Die Swing-Heinis und Swing-Deerns zogen sich entsprechend an, hatten immer einen Schirm dabei, tanzten Lindy Hop und kauften die Platten" - so weit das möglich war in den 30ern und 40ern. Swing war zwar nicht verboten, aber die "Swing-Jugend", wie die Nazis sie nannte, war nicht wohl gelitten (siehe Interview Seite 2). Swing galt als "Nigger-Jazz" und "undeutsch". Wer Swing hörte, hörte "Feindmusik". Swing-Fans ohne viel Geld trafen sich zwischen Barmbek und St. Pauli in Kellerkneipen. Wer ein bisschen Geld zusammengekratzt hatten, ging ins Kino und hörte dort seine Lieblingsmusik. Die Sprösslinge der Reichen schwoften auf wilden Swing-Partys an der Alster. Das große Idol war Teddy Stauffer mit seinem Orchester. Aber irgendwann kam es so weit, dass Swing-Stars wie Nat Gonella im Alsterpavillon nur auf Deutsch spielen durften. Swing wurde totreglementiert. Um 1999 setzte das Revival ein. "Plötzlich war riesiges Interesse da. Das Erstaunliche ist, dass Swing 17- bis 80-Jährigen gefällt", sagt Swingin' Swanee. "Für die Älteren ist es wie ein zweiter Frühling: lostanzen trotz Herzschrittmacher." Und das im Zeitalter elektronischer Musik! "Ich hatte oft das Gefühl, daran freuen sich die Leute nicht", sagt Swanee. "Beim Swing spüre ich die Kraft und die Leidenschaft der Musik. Ich sehe, dass er die Menschen zusammenbringt, sie reden miteinander." Inzwischen trifft sie auch immer mehr Swing-Anhänger, die sich im Stil der Swing-Jahre einrichten - wie sie selber. Das und der modische Aspekt spielen trotzdem eine untergeordnete Rolle. "Die meisten kommen ganz normal gekleidet zu Swing-Veranstaltungen." Das Entscheidende liegt für sie im Geist der Musik: "Man kann Swing eigentlich nicht hören, ohne seine Geschichte mitzudenken. Es ist eine Musik, die nah an den Leuten ist und die für etwas steht. Heute haben wir das Glück, in der U-Bahn ein paar Lindy-Hop-Schritte machen zu können, und die Leute sind nett. Aber man weiß: Es war mal anders."


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