Die Ausreden der Geisterfahrer
Todesrisiko: Der ADAC fand heraus: Jeder zweite Falschfahrer nimmt die Gefahr bewusst in Kauf
München. "Achtung, auf der Autobahn XY kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen! Überholen Sie nicht und fahren sie ganz rechts." Wenn diese Durchsage im Verkehrsfunk über den Sender geht, ist es oft schon zu spät. Immer wieder gefährden so genannte Geisterfahrer Hunderte anderer Verkehrsteilnehmer. Auf der Suche nach den Ursachen ist der ADAC zu einer überraschenden und gleichzeitig erschreckenden Erkenntnis gekommen: Die Hälfte aller Geisterfahrer sind nach Expertenaussage bewusst in die falsche Richtung unterwegs! Aus mehreren Untersuchungen unter anderem des Bundesamtes für Straßenwesen gehe hervor, dass die Falschfahrer in vollem Wissen - also absichtlich - wendeten, berichtet die ADAC-Verkehrsexpertin Jolanta Tober. Die Ausreden der Geisterfahrer sind fast unglaublich, aber wahr: "Zu wenig Sprit, einen Scheibenwischer verloren, den Regenschirm am Rastplatz vergessen", all das hätten Autofahrer später bereits als Gründe genannt, sagt die Ingenieurin und Referentin für Straßen- und Verkehrsplanung beim ADAC. Jolanta Tober weiter: "Der Autofahrer denkt: Es ist ja nur ein ganz kurzes Stück, das wird schon gehen - und dann wird gewendet."
Eine Vielzahl von Falschfahrten geschehe aber auch versehentlich durch Unaufmerksamkeit, warnt der ADAC. Zuletzt vermehrt auch in Bayern. Andreas Krammer von der Verkehrspolizeiinspektion Traunstein sagte der "Süddeutschen Zeitung": "In der Regel wissen die Leute gar nicht, was eigentlich los ist." Stress, Dunkelheit, aber auch schlechte Wetterbedingungen wie Nebel, Regen oder Schneefall könnten dem ADAC zufolge dazu führen, dass Autofahrer die Orientierung verlieren und auf der falschen Fahrbahnseite landen, ohne dies sofort zu bemerken. Allen Behauptungen zum Trotz: Ältere Autofahrer seien hier nicht besonders gefährdet. "Es geht quer durch die Altersgruppen", versichert die ADAC-Expertin.
Mehr als die Hälfte aller Falschfahrer sind jünger als 45 Jahre, nur 18 Prozent älter als 65 Jahre. Das ergab in den 90er-Jahren eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen. Und: Fast alle Geisterfahrer sind männlich. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam vor drei Jahren eine Untersuchung des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV).
Erst am Sonntag vor einer Woche waren bei München auf der Autobahn A 8 in Richtung Stuttgart vier Menschen gestorben, als ein 80 Jahre alter Autofahrer gewendet hatte und in die falsche Richtung geraten war. Und am Freitag kam, wie berichtet, ein weiterer betagter Geisterfahrer (79) aus Bayern ums Leben. Sein Wagen war frontal mit einem Lkw zusammengestoßen, nachdem der Falschfahrer auf einer Autobahn in der Nähe von Wien (Österreich) rund 176 Kilometer entgegen der erlaubten Fahrtrichtung unterwegs war.
Auch an diesem Wochenende starben vier Menschen, weil offenbar ein Autofahrer plötzlich umgedreht war, ohne auf den Verkehr zu achten: Der 20-Jährige aus Ahaus wendete seinen Wagen auf der B 70 bei Borken (Nordrhein-Westfalen) mitten auf der Fahrbahn. Ein entgegenkommender Fahrer (31) eines Kleintransporters aus Südlohn erkannte die Situation, versuchte auszuweichen, konnte jedoch einen Zusammenstoß nicht verhindern. Der Transporter prallte gegen die Beifahrerseite des Pkw. Für die Autofahrer sowie zwei weitere Insassen des Pkw (eine 18 Jahre alte Frau und ein 22 Jahre alter Mann aus Bocholt) kam jede Hilfe zu spät.



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