17.08.12

Platinmine in Südafrika

Polizei beendet Streik mit Schüssen - 34 Arbeiter sterben

Eine Woche nach Beginn des Arbeitskampfes in einer südafrikanischen Mine hat die Polizei den Aufstand blutig zerschlagen. Präsident Zuma "schockiert".

Foto: dapd/DAPD

Angehörige Frauen der Minenarbeiter klagen Polizisten vor dem Bergwerk Lonmin nahe es südafrikanischen Rustenburg an

8 Bilder

Johannesburg. Bei einem der schlimmsten Fälle von Polizeigewalt seit dem Ende der Apartheid haben südafrikanische Polizisten 34 streikende Minenarbeiter getötet und 78 weitere verletzt. Die Beamten hätten sich bei dem Vorfall am Donnerstag selbst geschützt, nachdem bewaffnete Arbeiter sie mit "gefährlichen Waffen" angegriffen hätten, sagte die Polizeichefin Mangwashi Victoria Phiyega am Freitag. Die Minenarbeiter demonstrieren seit Tagen für höhere Löhne. Die Zeitung "The Sowetan" sprach in einem Leitartikel von einer Zeitbombe, die explodiert sei. Präsident Jacob Zuma zeigte sich in einer Stellungnahme "bestürzt und schockiert über diese sinnlose Gewalt".

In einem Bericht des privaten Fernsehsenders e.tv waren Dutzende Schüsse aus automatischen Waffen zu hören, bis ein Beamter rief: "Feuer einstellen." Auf den Aufnahmen waren mehrere blutüberströmte, regungslose Körper zu sehen. Zuvor hatte die Polizei die Streikenden aufgefordert, ihre Waffen - darunter Macheten und Knüppel - niederzulegen.

Als die Arbeiter die Aufforderung ignorierten, setzte die Polizei zunächst Wasserwerfer, Blendgranaten und Tränengas ein. Wenig später stürmte eine Gruppe auf die Polizisten zu, worauf die Beamten umgehend das Feuer eröffneten.

Polizeisprecher Zweli Mnisi sagte, die Arbeiter hätten ebenfalls auf die Beamten geschossen. "Wir waren in einer Situation, in der bis zu den Zähnen bewaffnete Leute andere angegriffen und getötet haben - sogar Polizisten", erklärte er. "Was soll die Polizei in einer solchen Lage tun, wenn sie sich bewaffneten Kriminellen gegenüber sieht, die Polizisten ermorden?" Am Montag waren zwei Beamte laut Mnisi von den Kumpeln zu Tode geprügelt worden. Mit einer der Waffen dieser Polizisten hätten die Streikenden nun geschossen.

Auch wenn es diesmal zumeist schwarze Beamte waren, die auf schwarze Arbeiter schießen, so haben die Bilder vom Polizeieinsatz bei zahlreichen Südafrikanern Erinnerungen an jene düsteren Zeiten der Apartheid geweckt, als weiße Beamte das Feuer auf demonstrierende Gegner der Rassentrennung eröffneten.

Der Minenbetreiber Lonmin nennt Streik illegal

Laut einem Journalisten der südafrikanischen Nachrichtenagentur SAPA verließen einige der Streikenden nach der polizeilichen Aufforderung das Gelände. Andere hätten jedoch Kampflieder angestimmt und seien auf ein unweit der Mine gelegenes Township zumarschiert, sagte Reporter Molaole Montsho, der den Vorfall beobachtete.

Seit dem 10. August streiken rund 3.000 Arbeiter der Mine Marikana 70 Kilometer nordwestlich von Johannesburg. Minenbetreiber Lonmin, der weltweit drittgrößte Platinproduzent, stuft den Streik als illegal ein. Nach dem Zwischenfall vom Donnerstag sprach Lonmin-Vizepräsident Barnard Mokwena lediglich von "einer Polizeioperation." Einer vorangegangenen Stellungnahme hatte er den Minenarbeitern mit einer Entlassung gedroht, sollten sie am (heutigen) Freitag nicht zur Arbeit erscheinen.

Die Streikenden fordern, dass ihre Löhne von umgerechnet 509 auf 1.270 Euro erhöht werden. Anstatt die Polizei zu schicken, sollten die Manager der Mine selbst zu den Arbeitern kommen, sagte der Kumpel Makhsoni Mbongane. Er werde nicht an seinen Arbeitsplatz zurückkehren und würde dies auch niemand anderem erlauben, sagte Mbongane. "Sollten sie andere Leute einstellen, werden sie hier nicht arbeiten können, weil wir hier sein und sie töten werden."

Der Graben zwischen dem ANC und der Bevölkerung wird tiefer

Präsident Zuma sagte, im demokratischen System Südafrikas gebe es genug Raum, jeden Konflikt "durch Dialog zu lösen ohne jegliche Verstöße gegen das Gesetz oder Gewalt."

Die Ermittlungen seien bereits im Gange, sagte Polizeisprecher Mnisi. Politische Parteien und Gewerkschaften, darunter auch der ANC, forderten eine unabhängige Untersuchung der Vorkommnisse. Der jüngste Ausbruch von Gewalt vertieft den Graben zwischen dem von Skandalen geplagten Afrikanischen Nationalkongress und einer verarmten Bevölkerung, die mit massiver Arbeitslosigkeit sowie wachsender Not und Ungleichheit zu kämpfen hat.

Sie "haben uns die Augen für die Realität geöffnet, in der die Zeitbombe aufgehört hat zu ticken, und explodiert ist", schrieb die Zeitung "The Sowetan". Afrikaner seien gegeneinander angetreten, um für ein größeres Stück vom Kuchen der Bodenschätze zu kämpfen, hieß es in dem Artikel weiter.

Auch wenn es bei der ursprünglichen Arbeitsniederlegung um eine bessere Bezahlung ging, so hat die anschließende Gewalt ihren Ursprung auch in der Auseinandersetzung zwischen der herrschenden National Union of Mineworkers und der aufstrebenden und radikaleren Association of Mineworkers and Construction Union. So war der Konflikt zwischen beiden Gewerkschaften bereits vor einiger Zeit bei einer anderen Mine eskaliert. Der Dachverband der südafrikanischen Gewerkschaften sprach denn auch von einer Instrumentalisierung der Gewalt.

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