21.07.12

Während Batman-Premiere

Massaker in US-Kino: Täter hielt sich für den "Joker"

Warum tötete James Holmes zwölf Menschen? Amerika sucht nach Antworten. Die Waffen für sein Blutbad kaufte der Täter völlig legal.

Foto: dapd/DAPD
Colorado Shooting
Helikopter über Aurora - in diesem Kino kam es am Freitag während der Kino-Premiere zu "Batman" zu einem Amoklauf

Aurora/Washington. Der Todesschütze von Colorado hat seinen Amoklauf in einem Kino anscheinend sorgfältig geplant und kaltblütig ausgeführt. Nach Angaben der Polizei kaufte James Holmes sein tödliches Waffenarsenal über Tage verteilt in zwei Geschäften. Munition bestellte er massenhaft im Internet. Seine Wohnung spickte der 24-Jährige mit einer Menge Sprengfallen. Die Polizei schaltete die erste davon – eine entzündliche Vorrichtung samt Stolperdraht - am Sonnabend aus. "Der Draht sollte klar töten", sagte eine Sprecherin. Die Bluttat bei der Premiere eines Batman-Films löste eine neue Debatte über die Waffengesetze in den USA aus.

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Amerika trauert um die zwölf Toten des Kino-Massakers. An allen öffentlichen Gebäuden waren die Fahnen auf halbmast gesetzt. Am Freitagabend versammelten sich zahlreiche Menschen zum stillen Gedenken vor dem Kino. Sie legten Blumen nieder und entzündeten Kerzen, viele lagen sich weinend in den Armen. Am Sonntagabend sollte es eine weitere Gebetsandacht in Aurora geben, wie örtliche Medien berichteten. Dem Sender CNN zufolge wurden am Samstag noch 19 Menschen in Krankenhäusern behandelt – 58 Kinobesucher waren insgesamt verletzt worden. Der Zustand von zwei Patienten sei kritisch.

Holmes sollte erstmals am Montag vor einem Richter erscheinen. Über sein Motiv herrschte auch am Samstag Rätselraten. Der 24-Jährige hatte bei der Premiere von "The Dark Knight Rises" in der Nacht zum Freitag (Ortszeit) wahllos ins Publikum geschossen. Er trug nach Polizeiangaben von Kopf bis Fuß kugelsichere Kleidung und eine Gasmaske. Medienberichten zufolge hatte er sich die Haare rot gefärbt und er sagte der Polizei, er sei der Batman-Bösewicht "Der Joker". Wie Holmes schwer bewaffnet in das Kino kommen konnte, sei noch unklar, teilte die Polizei mit. Demnach hatte sich der Attentäter mit einem Sturmgewehr, einer Schrotflinte und zwei Glock-Pistolen eingedeckt – und das alles legal. Allein 6000 Schuss Munition soll der Täter im Internet gekauft haben.

"Der Mann hatte im Grunde ganz normale Waffen", zitiert die "New York Times" den Rechtsexperten Eugene Volokh. Wenn nicht Dokumente auftauchten, die Holmes geistige Probleme attestierten, "gibt es keinen Hinweis, dass ihm nach geltender Rechtslage irgendwelche Waffen verweigert werden mussten". Der 24-Jährige hatte keine Vorstrafen. Die Waffengesetze Colorados gelten selbst für amerikanische Verhältnisse als locker. Kritiker erinnerten daran, dass Aurora nur wenige Kilometer von Littleton entfernt liegt. 1999 hatten zwei Schüler an der dortigen Columbine High School 13 Menschen erschossen.

Erinnerungen an Schulmassaker von Columbine

Es war die folgenschwerste Schießerei in den USA seit dem 5. November 2009, als ein Psychiater auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas 13 Soldaten und Zivilisten tötete. Für Colorado war es das schlimmste Massaker seit den tödlichen Schüssen in der Columbine Hight School 1999. Dabei waren zwölf Schüler, ein Lehrer und die beiden Schützen ums Leben gekommen.

Angesichts der Bluttat stellten US-Präsident Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney ihren zuletzt immer härter geführten Wahlkampf zurück und sprachen den Familien der Opfer ihr Mitleid aus. Keiner der beiden äußerte sich aber zunächst zu strengeren Waffengesetzen.

Premierenfeier in Paris abgesagt

Das Studio Warner Bros. sagte die für Freitag geplante Premiere des Streifens in Paris ab, zu der auch Regisseur Christopher Nolan sowie die Darsteller Christian Bale, Anne Hathaway, Morgan Freeman und Michael Caine erwartet worden warnen. Warner Bros. und die Filmemacher seien tieftraurig über diesen "schockierenden Vorfall", hieß es in einer Stellungnahme des Studios. Regisseur Nolan sprach von einer "sinnlosen Tragödie".

Der Polizeichef von New York, Raymond Kelly, sagte, der Verdächtige habe seine Haare rot gefärbt und gesagt, er sei der "Joker", ein Bösewicht aus den "Batman"-Filmen und -Comicbüchern. "Das ist meines Wissens nach nicht wahr", sagte hingegen Oates, erklärte aber mit Kelly gesprochen zu haben.

Sprengfallen in der Wohnung

Die Polizei wollte die Räumung der Wohnung von den Sprengfallen am Sonnabend in mehreren Abschnitten angehen und dabei auch kontrollierte Explosionen durchführen. Die Ermittler hatten zuvor mit Hilfe von Kameras und Spiegeln Flaschen mit mysteriösen Substanzen entdeckt. Das Gebäude und die Umgebung waren schon am Freitag evakuiert worden. Das Kino glich am Tag nach dem Verbrechen noch einem Heerlager von Polizisten, Experten und Journalisten. Die Leichen der zehn im Kino erschossenen Opfer lagen Medienberichten zufolge etwa zwölf Stunden in dem Saal, bevor sie weggebracht wurden. Zwei Menschen waren im Krankenhaus gestorben.

Unter den Toten war auch die angehende Sportreporterin Jessica Ghawi. Die 24-Jährige war wenige Wochen zuvor einer tödlichen Schießerei in Toronto entgangen und hatte im Internet darüber geschrieben, wie zerbrechlich das Leben und wie nah der Tod sein könne. Die Sicherheitsvorkehrungen in US-Kinos wurden nach der Tat erhöht. Auch zum Batman-Filmstart in Deutschland werden verstärkte Sicherheitsmaßnahmen erwartet. (dpa)

Chronik: Amokläufe in den USA
Immer wieder haben in den USA Amokläufe am Arbeitsplatz, in Schulen und anderen öffentlichen Orten wie jetzt in einem Kino im US-Staat Colorado für Fassungslosigkeit gesorgt. Im Folgenden eine Chronik der folgenschwersten Fälle der vergangenen Jahre:
16. April 2007: Ein 23-jähriger Student aus Südkorea tötet auf dem Campus der Technischen Hochschule von Virginia in Blacksburg 32 Studenten, zwei Professoren und anschließend sich selbst. 26 Menschen werden verletzt.
5. Dezember 2007: Ein als depressiv bekannter 19-Jähriger erschießt in einem Einkaufszentrum in Omaha im US-Staat Nebraska acht Menschen und anschließend sich selbst. Fünf Menschen werden zum Teil schwer verletzt.
14. Februar 2008: Ein 27-jähriger ehemaliger Student läuft an der Northern Illinois Universität in DeKalb bei Chicago Amok: In einem Hörsaal erschießt er fünf Studenten, verletzt weitere 15 zum Teil schwer und bringt sich schließlich um.
10. März 2009: Im US-Staat Alabama tötet ein 28-jähriger Amokläufer seine Mutter und vier weitere Verwandte und schießt danach wahllos um sich. Insgesamt sterben zehn Menschen, bevor der Täter sich selbst richtet.
3. April 2009: Ein 41-jähriger vietnamesischer Einwanderer richtet in einem Zentrum für Immigranten im US-Staat New York ein Blutbad an. Der Mann tötet 13 Menschen in dem Gebäude in Binghamton, bevor er sich selbst erschießt.
5. November 2009: Ein Psychiater des amerikanischen Heeres tötet auf dem größten Militärstützpunkt der USA in Fort Hood 13 Menschen und verletzt 30 weitere. Der 39-jährige Major erleidet bei einem Schusswechsel mit Sicherheitskräften schwere Verletzungen.
8. August 2011: In einer Kleinstadt im US-Staat Ohio erschießt ein Bewaffneter seine Freundin und sechs weitere Menschen, bevor ihn die Polizei tötet.
13. Oktober 2011: Im Friseursalon seiner Ex-Frau in Seal Beach (US-Staat Kalifornien) erschießt ein Mann acht Menschen. Sechs starben noch am Tatort, zwei weitere erlagen im Krankenhaus ihren Verletzungen.
20. Juli 2012: Bei einer Kinovorführung in Aurora im US-Staat Colorado tötet ein Bewaffneter mindestens 14 Menschen und verletzt 50 weitere.
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