07.07.12

NS-Zeit

Er war der Jude, den Hitler schützte

Die Historikerin Susanne Mauss entdeckt die Akte eines Mannes, der nicht ins KZ kam, weil er 1916 mit dem späteren Diktator an der Front war.

Foto: Jewish Voice from Germany/Jewish Voice from Germany/ www.jewish-voice-from-germany.de
Ernst Hess als Soldat 1912
Ernst Hess als Soldat 1912

Berlin. Schutzbriefe für Juden gibt es in Europa seit Jahrhunderten. Meistens ließen sich die Aussteller dafür reichlich bezahlen. Sogar der radikale Antisemit Adolf Hitler ließ gelegentlich solche Dokumente aufsetzen - freilich nicht gegen Bares, sondern aus persönlichen Gründen.

Einen bislang unbekannten Fall hat jetzt die Historikerin Susanne Mauss in der Zeitschrift "Jewish Voice From Germany" veröffentlicht. Den Schutzbrief hatte der Chef der Reichskanzlei, Hans-Heinrich Lammers, aufgesetzt: "Es entspricht jedoch dem Wunsche des Führers, dass Ihnen wegen Ihrer Abstammung keine weiteren, über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehenden Beschränkungen auferlegt werden." In dem Brief vom 15. November 1940 hieß es weiter: "Sie sollen nach dem Wunsche des Führers auch sonst entgegenkommend behandelt werden."

Empfänger dieses Schreibens war Ernst Hess, geboren 1890. Nach Nazi-Verständnis war er "Volljude", weil er "vier volljüdische Großelternteile" hatte - da spielte es für die braunen Rassisten keine Rolle, dass Hess schon vor dem Ersten Weltkrieg protestantisch getauft war und mit einer nichtjüdischen (im NSDAP-Jargon: "arischen") Frau verheiratet war. Hess war in Gelsenkirchen geboren worden und lebte in Düsseldorf, diente dennoch im bayerischen Heer. Nämlich im 16. Reserve-Infanterie-Regiment List, jener Einheit, für die sich 1914 auch der staatenlose gebürtige Österreicher Adolf Hitler gemeldet hatte.

Nach Erkenntnissen des Historikers Thomas Weber von der Universität von Aberdeen gehörte Hess in diesem Regiment als Leutnant der Reserve zum unteren Offizierskorps. Allerdings hatte er wohl keine direkte Befehlsgewalt über Hitler, den Meldegänger beim Regimentsstab. "Es ist dennoch denkbar, dass sie sich persönlich gekannt haben, denn Hess wurde einen Tag vor Hitler an der Somme verwundet, und es gibt guten Grund zur Annahme, dass beide zunächst vor dem Weitertransport nach Deutschland im gleichen Lazarett behandelt wurden", erklärte Weber "Welt online". Er ist Autor des Standardwerkes "Hitlers Erster Krieg", das Anfang August als Taschenbuch erscheinen wird (List Verlag, 592 S., 12,99 Euro).

+++ "Darf man das?" +++

Hess wurde für seinen Einsatz an der Front hochdekoriert. Trotzdem standen er und seine Familie bereits ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung unter massivem Druck. Zum 1. Januar 1936 wurde Hess als Richter entlassen. Nachdem er im selben Jahr von Nazis zusammengeschlagen worden war, siedelten die Hess' nach Südtirol um, weil die Tochter in einem deutschsprachigen Gebiet aufwachsen sollte. Etwa zur selben Zeit wandte sich Hess erstmals direkt an Hitler. Ein ehemaliger Soldat des Regiments List, Fritz Wiedemann, war Hitlers Adjutant. Dieser kümmerte sich um jüdische Kriegskameraden des Regiments. Auch Hess stand in Kontakt mit Wiedemann, wie sich Ursula Seuß-Hess in der "Jewish Voice From Germany" erinnert. Jedenfalls bekam ihr Vater ab 1937 die Beamtenpension nach Italien überwiesen.

Für Thomas Weber passen die neuen Funde von Susanne Mauss ins Bild: "Es ist denkbar, dass Hitler tatsächlich persönlich zugunsten Ernst Hess' intervenierte." Für wahrscheinlicher hält er es aber, dass es Wiedemann war, der sich für Hess einsetzte: "Hundertprozentig klären werden wir das aber nicht können", sagt der Geschichtsprofessor.

Irgendwann geriet aber auch Hess in die Mühlen des Rassenwahns. Nach Recherchen von Susanne Mauss war er Ende 1939 gezwungen, aus Südtirol nach Deutschland zurückzukehren. Inzwischen war Wiedemann von Hitler als Generalkonsul nach San Francisco abgeschoben worden. Hess bekam zwar noch einmal den Schutzbrief von einem Hans-Heinrich Lammers ausgestellt, der in einer Abschrift überliefert ist, und einen ähnlichen Brief im Namen Heinrich Himmlers vom August 1940, in dem der "Reichsführer SS" die Polizei in Düsseldorf davon in Kenntnis setzte, dass "Hess in jeder Hinsicht unbehelligt gelassen wird". Allerdings wurde im Mai 1941 die "eingeräumte Ausnahmebehandlung ... zurückgenommen".

Weil seine Mutter Elisabeth und die Schwester Berta sich 1942 nicht an "die für Juden geltenden Bestimmungen gehalten haben", ordnete der "Judenreferent" Adolf Eichmann höchstpersönlich die Einweisung von Berta Hess in ein KZ an. Wahrscheinlich hatten die beiden Frauen die vorgeschriebenen Judensterne nicht getragen. Sie wurden schließlich nach Theresienstadt deportiert. Berta starb in Auschwitz, ihre Mutter überstand die Deportation. Ernst Hess musste Zwangsarbeit leisten, blieb jedoch als "arisch versippter Jude" von der Deportation in ein Vernichtungslager verschont.

Nach dem Krieg kehrte Hess nicht in die Justiz zurück, sondern startete eine neue Karriere bei der Bundesbahn und leitete von 1949 bis zu seiner Pensionierung 1955 die Regionaldirektion Frankfurt am Main. 1983 starb Ernst Hess in seiner Wahlheimat, wo seine inzwischen auch hochbetagte Tochter Ursula bis heute lebt.

Ernst Hess in den 50er-Jahren, als er Bahnbeamter war
Foto: Jewish Voice from Germany/Jewish Voice from Germany/ www.jewish-voice-from-germany.de Ernst Hess in den 50er-Jahren, als er Bahnbeamter war
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