12.06.12

Gewalt-Studie

Jede zweite Studentin wird an der Universität sexuell belästigt

Dies ergab eine Befragung unter mehr als 12.000 Kommilitoninnen in Deutschland. Viele Stalking-Opfer auch an Oldenburger Universität.

Foto: picture alliance / Photoshot
Junge Frauen werden an Universitäten und Hochschulen Opfer sexueller Übergriffe. Aus Scham schweigen viele, insbesondere wenn der Täter ein Dozent ist
Junge Frauen werden an Universitäten und Hochschulen Opfer sexueller Übergriffe. Aus Scham schweigen viele, insbesondere wenn der Täter ein Dozent ist

Bochum/Oldenburg. Mehr als jede zweite Studentin in Deutschland wird an der Hochschule sexuell belästigt. In jedem zehnten Fall gehen diese Übergriffe von einem Dozenten aus. Dies geht aus einer europaweiten Studie aus den Jahren 2009 bis 2011 hervor. Ferner gaben 81 Prozent der befragten Studentinnen an, allgemein Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein. Zudem untersuchten die Forscher, ob die jungen Frauen sexuelle Gewalt während ihrer Zeit an der Universität erlebten und ob sie Opfer von Stalking wurden. Besonders erschreckend: jede zehnte Befragte gab an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben. 3,3 Prozent sogar an der Uni.

21.516 Studentinnen in den Ländern Deutschland, Italien, Spanien, Polen und Großbritannien nahmen an der von der Europäischen Kommission geförderten Studie "Gender-Based Violence, Stalking and Fear of Crime" teil und beantworteten anonym einen Fragebogen. In Deutschland war die Ruhr-Universität Bochum federführend mit dem Projekt beauftragt und befragte junge Frauen an 16 deutschen Hochschulen. Die Forscher analysierten die Antworten von 12.663 Studentinnen und kamen zu dem Ergebnis, dass vor allem junge Frauen überdurchschnittlich häufig von sexueller Belästigung betroffen sind. Damit fallen die Ergebnisse der Bochumer Forscher deutlich höher aus, als die der bundesweiten Repräsentativstudie zur Gewalt gegen Frauen im Jahr 2003. Damals gaben 60 Prozent der befragten Frauen an, schon mal sexuell belästigt worden zu sein. Bei der aktuellen Untersuchung unter Studentinnen lag dieser Wert bei 81 Prozent. Jedoch ging auch schon bei der Studie vor neun Jahren hervor, dass Frauen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren mehr als doppelt so häufig Opfer von sexueller Belästigung werden als 35- bis 44-Jährige.

Mit 1219 Studentinnen gaben 10,9 Prozent der Befragten an, Opfer von einer Vergewaltigung oder von schweren sexuellen Übergriffen geworden zu sein. 363 Frauen (3,3 Prozent) erlebten dies sogar an der Hochschule. In 85,8 Prozent der Fälle war ein Kommilitone der Täter. In den anderen Fällen kamen die sexuellen Übergriffe von Dozenten (7,1 Prozent) oder Angestellten der Hochschule.

Auch hier bestätigen die aktuellen Ergebnisse, dass junge Frauen am häufigsten Opfer von Vergewaltigung und schweren sexuellen Übergriffen werden. In der erwähnten bundesweiten Repräsentativstudie von 2003 gaben nämlich zwölf Prozent der befragten Frauen zwischen 15 und 86 Jahren an, im Laufe ihres Lebens zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein.

"Die Zahlen an sich haben uns jetzt nicht besonders aufschrecken lassen, denn wir gingen zuvor von einer hohen Dunkelziffer aus", sagt Angelika Müller, Leiter der Beratungsstelle conTakt an der Universität Oldenburg. Diese Einrichtung hilft Studenten, die Opfer von sexueller Diskriminierung oder Gewalt wurden. "Erschreckend war jedoch zu erfahren, warum viele Studentinnen sich nicht gegen sexuelle Belästigung oder Gewalt gewehrt haben", sagt Müller und fügt hinzu: "Einigen Studentinnen wurde mit der Befragung sogar erst bewusst, was ihnen widerfahren ist." Gaben die jungen Frauen bei der Studie an, Opfer sexueller Belästigung, Gewalt oder eines Stalkers geworden zu sein, so wurde die Befragte gebeten weitere Angaben in Einzelinterviews mit Experten zu machen. So sagte eine Studentin bei der Befragung: "Ein Dozent wird als Täter gedeckt. (...) Der ist ein Aushängeschild der Fakultät, der nicht entfernt wird, bloß weil sich eine Studentin beschwert hat." Allgemein gaben viele der Befragten an, nach Übergriffen seitens eines Professoren zu schweigen. Zum Einen weil sie glauben, eine Beschwerde hätte keinen Erfolg und zum Anderen weil sie massive Nachteile bei der Benotung oder ihrer beruflichen Zukunft befürchten. Aus dem Bericht der Bochumer Uni geht auch hervor, dass Studentinnen überdurchschnittlich selten sexuelle Übergriffe zur Anzeige brächten. So sei auch die Einschätzung der Polizei in der Studie.

"Ich glaub' an der Uni ist es aber auch das Problem, dass zu wenig gesprochen wird. Es heißt immer, wir sind ausschließlich eine Forschungseinrichtung. Dass da aber auch diese anderen, sexuellen Prozesse ablaufen, wird unter den Teppich gekehrt", sagt eine andere Befragte im Interview. Das Schweigen vieler Studentinnen bleibt häufig nicht ohne Folgen. Kathrin List von der Universität Bochum, leitete die deutsche Teilstudie und kam zu dem Ergebnis, dass einige junge Frauen Vermeidungsstrategien entwickeln, beispielsweise gewisse Lehrveranstaltungen meiden. Daraus folgt dann, dass sich ihre Leistung verschlechtert oder ihr Studium verzögert.

Auch wenn Studentinnen auf dem Campus Opfer eines Stalkers werden, würden die häufig nichts sagen. Die aktuelle Studie ergab, dass 42,5 Prozent der Teilnehmerinnen Opfer eines Stalkers wurden. 22,8 Prozent sagten, dass ihnen an der Universität nachgestellt wurde. Mit 90,5 Prozent sind Kommilitone am häufigsten die Täter. Dozenten stellten in 4,1 Prozent der registrierten Fällen ihren Studentinnen nach. In 5,4 Prozent war es ein Mitarbeiter der Hochschule.

An der Universität Oldenburg, an der sich 756 Frauen beteiligt hatten, gaben 134 Studentinnen an, auf dem Campus Opfer eines Stalkers geworden zu sein. Wie in den anderen Hochschulen in Deutschland sind insbesondere Frauen in den ersten beiden Semestern am häufigsten betroffen. Die Studie ergab ferner, dass die Orte, die bei Studentinnen besondere Furcht auslösen, wie beispielsweise Tiefgaragen, Parkplätze, Treppenhäuser oder der Campus im Dunkeln, in der Regel nicht die wirklichen Tatorte sind. Dies sind eher die Außenanlagen, Hörsäle, Seminarräume und die Mensa.

Mithilfe der Ergebnisse der Studie sollen Hochschulen Hinweise auf die Erfahrungen ihrer Studentinnen bekommen und entsprechende Präventiv-Angebote erstellen sowie ihre Beratung optimieren.

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