27.05.12

Karneval der Kulturen

Federn, Pailletten und wehende Röcke in Berlin-Kreuzberg

Wenn in Berlin Karneval der Kulturen ist, ist der Stadtteil Kreuzberg vor lauter Federn, Pailletten und wehenden Röcken noch bunter als sonst.

Foto: dpa/DPA
Ein Tänzer aus Afrika beim Karneval der Kulturen im Bezirk Kreuzberg in Berlin
Ein Tänzer aus Afrika beim Karneval der Kulturen im Bezirk Kreuzberg in Berlin

Berlin. Ein Froschkönig in grünem Plüsch und eine Tänzerin im weißen Kleid machen den Anfang: Mit einem kurzen Walzer stimmen sie auf den großen Umzug des 17. Karnevals der Kulturen in Berlin ein. Ihnen folgen fünf Flamenco-Tänzerinnen und schließlich führt eine kurdische Gruppe einen traditionellen Tanz zu Flötenmusik auf. Nur wenig später setzt sich die farbenfrohe Parade in Bewegung. Fast 100 Gruppen mit 5.000 bunt kostümierten Tänzern, Trommlern und Musikern ziehen neun Stunden lang von Neukölln nach Kreuzberg. 700.000 Zuschauer erwarteten die Veranstalter von der Werkstatt der Kulturen am Wegesrand.

Zum ersten Mal eröffnen 100 Tänzer und noch einmal so viele Trommler der Gruppe Sapucaiu no Samba in diesem Jahr die Prozession. Sie haben sich für die Auftaktzeremonie Unterstützung von anderen Gruppen geholt, um "schon mal einen bunten Querschnitt der Karawane zu zeigen", wie die künstlerische Leiterin, Kathrin Hensse, sagt.

Die Tänzer und Trommler der afro-brasilianischen Gruppe Afoxé Loni, die den Umzug in den vergangenen 15 Jahren angeführt hatten, sind aus finanziellen und inhaltlichen Gründen nicht mehr dabei: Sie fühlten sich von den Veranstaltern zu wenig unterstützt. Mehrere tausend Euro habe auch Sapucaiu no Samba in die Formation investieren müssen, berichtet Hensse. Sponsoren fehlten, die Gruppe finanziere sich mithilfe von Mitgliedsbeiträgen, Auftrittsgagen und Preisgeldern aus den vergangenen Jahren.

"Wahnsinnig", nennt die 30-Jährige den Aufwand, den allein die Vorbereitung in Anspruch nehme. "Immer wieder gab es bei uns auch personelle Wechsel im Organisationsteam, weil manche Leute einfach müde geworden sind", sagt sie. Aber ganz Aufhören wolle eigentlich niemand: "Wir lieben den Karneval und fänden es traurig, wenn wir nicht mehr dabei wären."

Sie hoffe nun, dass bald ein Gruppenfonds zur Unterstützung der Umzugsteilnehmer eingerichtet werde, wie es die Werkstatt der Kulturen schon seit Längerem fordert. "Das wäre wichtig. Schließlich repräsentieren wir Berlin", sagt die dunkelhaarige Frau noch schnell, bevor ein Stelzenläufer sie mit seinem orangenen Federkleid umarmt und vom Gehweg zieht.

Ein Stück die Straße hinunter warten 28 Schulkinder aus Taiwan auf ihren Einsatz. Hinter der Figur eines blauen Drachen sitzen sie im Schatten unter Bäumen, essen Brote und trinken Apfelschorle. Die Acht- bis Zwölfjährigen sind zum ersten Mal dabei. Überhaupt seien sie noch nie so weit weg von Zuhause gewesen, erzählt Gruppenleiter Goh Chin Kuan. Die Kinder seien Angehörige vom Bunun Stamm, einem der eingeborenen Clans in Taiwan, der seinen Sitz in den Berggebieten habe. "Die Region war 2009 von schweren Überschwemmungen betroffen, viele Kinder haben dabei ihre Eltern verloren", berichtet er.

Lisa ist eine von ihnen. Im schwarzen Haar trägt die 12-Jährige ein traditionelles Band aus Perlen. Sie sei nervös wegen des Auftrittes, sagt sie auf Taiwanesisch und Kuan übersetzt. Aber Angst habe sie keine, fügt sie hinzu und lacht. Das Tanzen und Trommeln solle den Kindern helfen, ihre Trauer zu überwinden, erläutert der Gruppenleiter. Erst vor einem Jahr habe er begonnen, ihnen den Samba-Tanz beizubringen.

Wenig später stehen die Kleinen in ihrer Formation bereit. In roten Westen und roten Röcken und mit der Flagge Taiwans auf den Bauch gemalt. Sie beginnen mit dem Trommeln und Tanzen. Viele strahlen über das ganze Gesicht.

Am Wegesrand reihen sich derweil zahlreiche Zuschauer aneinander, treten den staubigen Rasen auf dem Grünstreifen in der Straßenmitte platt. Schattenplätze sind begehrt und selten. Die Mittagssonne knallt auf die Köpfe der Schaulustigen und lässt Schweißtropfen über die geschminkten Gesichter der Tänzer laufen. An der Route nach Kreuzberg reihen sich Getränkeverkaufsstände und Fressbuden aneinander. Immer wieder war in den vergangenen Jahren auch eine zunehmende Kommerzialisierung des Karnevals beklagt worden.

Etwas abseits von der Strecke hat Tuba Ayas einen Stand mit türkischen Spezialitäten aufgebaut. Neben dem Geschäft ihrer Schwiegereltern in der Hasenheide verkauft die 26-Jährige gefüllte Weinblätter, Bulgursalat, Börek und Kuchen. "Alles von uns selbst gemacht und ganz frisch", sagt sie. Der Verkauf mache ihr Spaß und das Geschäft lohne sich an einem solchen Tag, erzählt Ayas.

Ansonsten würde sie sich den Umzug aber nicht anschauen. Es sei alles eine Spur zu aufgesetzt, meint die gebürtige Berlinerin mit türkischen Wurzeln. Und nein, Migranten hätten davon nichts: "Zum Verständnis zwischen den Kulturen trägt das nicht bei, wenn ich mir ansehe, wie ein paar bunte Tücher durch die Luft fliegen", sagt sie und schüttelt die dunkelbraunen Haare.

Andere störte das offensichtlich nicht. Sie feierten und tanzten ausgelassen in den Abend hinein. (dapd/abendblatt.de)

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