Die Menschenaffen sterben aus
Ausrottung: Schon in zehn Jahren könnten die ersten Arten verschwunden sein, warnt die UNO. Was kann des Menschen nächsten Verwandten noch retten?
Hamburg. Ein indonesischer Urwald-Jäger schoss mit seinem Gewehr auf eine Orang-Utan-Mutter und verletzte sie schwer. Bevor sie starb, legte sie ihr Junges dem Jäger vor die Füße, damit er sich darum kümmere. Da erkannte der Mann: "Die Affen sind unsere Freunde." Und hörte auf, sie zu jagen.
Es war eines der wenigen ermutigenden Erlebnisse des Niederländers Willie Smits, der seit Jahren auf Borneo um die letzten Orang-Utans kämpft. Um ihn herum schreitet die Vernichtung des "Waldmenschen" unerbittlich fort. In freier Wildbahn lebt diese Art nur noch auf Borneo und Sumatra; in den 70er-Jahren waren es 75 000 an der Zahl, heute sind es nicht einmal mehr 15 000. Und in Kürze wird es keiner mehr sein, ebenso wenig wie von den anderen Menschenaffen-Arten Gorilla, Schimpanse und Bonobo.
Sofern sich der Mensch nicht auf der Stelle besinnt - und aufhört, Bäume durch Plantagen zu ersetzen, in Bürgerkriegen ganze Regionen zu verwüsten, Regenwälder abzuholzen und Menschenaffen zu fangen, um sie für Tausende Dollar als lebende Trophäen zu verkaufen oder ihr Fleisch im Kochtopf zu garen. Experten der Vereinten Nationen sagen voraus, dass den Großaffen im Jahr 2030 nur noch zehn Prozent ihres heutigen Lebensraumes blieben, wenn dessen Vernichtung nicht gestoppt wird.
Es sei "eine Minute vor zwölf", warnte gestern Klaus Töpfer, ehemals deutscher Umweltminister und seit fünf Jahren Chef des Umweltprogramms der UNO (Unep). Mit der Ausrottung nur einer dieser Arten zerstöre der Mensch "die Brücke zu unseren eigenen Wurzeln, und damit einen Teil unserer eigenen Menschlichkeit", sagte Töpfer zu Beginn einer Unep-Sonderkonferenz in Paris, auf der ein Notplan zur Rettung der Menschenaffen ausgearbeitet werden soll.
Sind wir im Begriff, unsere nächsten Verwandten zu vernichten, vielleicht sogar unser Ebenbild zu zerstören?
Wie sehr der Mensch seinen "haarigen Geschwistern" genetisch gleicht, hat die Forschung in den letzten Jahren belegt: Weit über 90 Prozent des Erbgutes sind gleich. Die Gehirne entsprechen im Aufbau sogar bis ins Detail einander. Allein: Das des Menschen hat ein größeres Volumen - was augenscheinlich nicht mehr Klugheit bedeuten muss.
Interessanter noch als die genetische Verwandtschaft ist die der Verhaltensweisen. Auch Affen sind in der Lage, zu verhandeln, zu betrügen, zu erpressen und verschiedene Optionen ihres Tuns gegeneinander abzuwägen. Vor allem in Zoos haben Pfleger und Forscher dazu verblüffende Erfahrungen gemacht.
So hatte der Gorilla Colo im amerikanischen Columbus seiner Pflegerin Charlene eine Schlüsselkette gestohlen. Sie bot ihm Erdnüsse, um sie zurückzubekommen. Doch das war Colo offenbar zu wenig. Also verbesserte sie ihr Angebot: ein Stück Ananas. Daraufhin gab Colo ihr einen Teil der Kette wieder. Und für weitere Ananas-Stücke weitere Kettenteile.
Der Orang-Utan Chantek erlernte von der Forscherin Lyn Miles an der Universität von Chattanooga (US-Staat Tennessee), 150 Zeichen der Taubstummensprache. Als er sie beherrschte, kam er in den Zoo von Atlanta. Weil aber dort niemand in dieser Zeichensprache mit ihm kommunizierte, begann er von sich aus, die Pfleger die Gebärden zu lehren, damit er ihnen seine Wünsche mitteilen konnte. Ein Blick auf das Handgelenk beispielsweise hieß: Es ist Zeit zu fressen.
Jonathan, ebenfalls ein Orang-Utan, gehörte zu den bekanntesten Ausbruchskünstlern unter den Menschenaffen. Eines Tages verlegte man ihn im Zoo von Los Angeles in ein neues Gehege. Jonathan musterte die Mauern, besah sich den in der Mitte stehenden Kletterbaum, riss ihn kurz entschlossen aus dem Boden, legte ihn gegen die Mauer - und weg war er.
In der freien Wildbahn könnten Arten wie Flachland-Gorillas und Orang-Utans bereits in fünf bis zehn Jahren ausgerottet sein, fürchten Uno-Experten. Denn zur Zerstörung ihrer Lebensräume kommt eine geringe Reproduktionsrate hinzu. Eine Orang-Utan-Mutter beispielsweise zieht gewöhnlich nur ein Jungtier auf einmal groß und braucht dazu acht Jahre. Drei Jungtiere zieht sie in ihrem Leben auf, was rechnerisch bedeutet: je einmal Ersatz für sie und den Vater plus ein Reservetier, um frühzeitigen Tod und Krankheit auszugleichen. Deshalb gehen Jahrzehnte ins Land, bis sich ein ausgedünnter Bestand erholt, sofern es überhaupt gelingt.
Wie sehr sich die Tiere bereits in die Enge getrieben fühlen, zeigt ein Vorfall, der sich vergangene Woche auf der Insel Java abspielte. Eine Gruppe von mehr als hundert Menschenaffen sei in ein Dorf eingedrungen und habe es nach Nahrung durchsucht, berichtete die Zeitung "Jakarta Post". Die Einwohner hätten nicht gewusst, was sie gegen die Tiere tun sollten. Sie ließen sie gewähren, weil sie ihre Rache fürchteten.
Ist dieser Vorfall als letzte Warnung zu verstehen?
Klaus Töpfer mahnt: "Wir können nicht länger tatenlos zusehen, wie diese wundersamen Kreaturen aussterben." Fraglich ist, ob seine und die Botschaft der Pariser Konferenz auch jene erreicht, die das Drama um unsere nächsten Verwandten beenden müssten. Wie nahe sie uns tatsächlich sind, hat die Forscherin Birute Galdikas schon vor mehr als zehn Jahren auszudrücken versucht: "Beim Blick in die Augen eines Orang-Utans sehen wir ein Bild unserer eigenen Seele."


Branchenbuch Hamburg
100. Geburtstag
Axel Springer






Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



