31.01.12Drama vor Giglio
Suche nach Vermissten in "Costa Concordia" offiziell beendet
Drei Wochen nach dem Unglück des Kreuzfahrers "Costa Concordia" ist die Suche nach den Vermissten im überfluteten Teil des Schiffes eingestellt worden.
Von abendblatt.de
Foto: REUTERS
Rettungstaucher haben ihre Suche nach Vermissten im Wrack der "Costa Concordia" endgültig eingestellt. Die Suchaktionen im unter Wasser liegenden Teil des havarierten Kreuzfahrtschiffes würden aus Sorge um die Sicherheit der Taucher beendet
Giglio/Rom. Knapp drei Wochen nach der Schiffskatastrophe vom 13. Januar haben die italienischen Rettungskräfte am Dienstag die Suche nach Vermissten am Wrack der "Costa Concordia" offiziell eingestellt. Grund dafür sei die Sicherheit der Taucher, die am halb untergegangen Wrack des Kreuzfahrtschiffs arbeiteten, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA. Den Verwandten der noch vermissten 15 Opfer und den betroffenen Botschaften sei diese Entscheidung bereits mitgeteilt worden, hieß es.
+++ Im Wortlaut: So widersetzte sich Schettino den Anweisungen der Küstenwache +++
Das Kreuzfahrtschiff mit etwa 4200 Menschen an Bord war am 13. Januar vor der Insel Giglio vor der toskanischen Küste auf einen Felsen aufgelaufen und gekentert. 17 Opfer der Schiffskatastrophe vom sind bisher geborgen worden, darunter sechs Deutsche. Bei dem sechsten deutschen Todesopfer handelt es sich um eine Frau aus Baden-Württemberg. Die 66-Jährige aus Achstetten sei unter den Toten identifiziert worden, sagte ein Polizeisprecher in Biberach am Dienstag. Insgesamt 16 Passagiere und Crewmitglieder werden nach Angaben der Präfektur im toskanischen Grosseto noch vermisst. Darunter sind weitere sechs deutsche Passagiere.
+++ Marinetaucher sprengen Loch in Schiffshaut - Noch 16
Vermisste +++
Taucher hatten zunächst geplant, die gefährliche Suche nach Opfern in dem gekenterten Kreuzfahrtschiff am Dienstag wieder aufzunehmen, wurden aber von schlechten Wetterbedingungen daran gehindert. Die Bergungsarbeiten waren bereits am Sonntag unterbrochen worden, weil sich das Kreuzfahrtschiff etwas stärker bewegt hatte und höherer Wellengang herrschte. Für Aufregung sorgen auf der toskanischen Urlaubsinsel die Einschätzungen des Krisenstabsleiters Franco Gabrielli, das Schiff könne möglicherweise noch bis zu einem Jahr vor Giglio liegen. Nach der Sicherung des Wracks und den Vorbereitungen des Abtransports dürfte es sieben bis zehn Monate dauern, bis die "Costa Concordia" geborgen sei.
Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" vor der italienischen Küste mit mindestens elf Toten werden Vorwürfe gegen den Kapitän immer lauter. Eine Chronologie:
Freitag, 13. Januar 2012, 19.00 Uhr:
Das Schiff läuft aus dem italienischen Hafen Civitavecchia zu einer einwöchigen Mittelmeer-Kreuzfahrt aus. An Bord sind 423 Passagiere und Besatzungsmitglieder.
21.45 Uhr:
Das Schiff rammt einen Felsen vor der Insel Giglio. Die Reederei wirft Kapitän Francesco Schettino später vor, er habe eigenmächtig den Kurs geändert. Er soll das Schiff bis auf 150 Meter ans Ufer herangesteuert haben.
21:49 Uhr:
Die Hafenaufsicht funkt die "Costa Concordia" an. Der Kapitän meldet eine "kleine technische Störung".
22.30 bis 23.00 Uhr:
Wasser dringt ein, das Schiff gerät aus dem Gleichgewicht. Es läuft rund 100 Meter vor der Insel auf Grund. An Bord bricht Panik aus. Der Staatsanwalt wirft dem Kapitän später vor, die Besatzung habe erst 58 Minuten nach dem Unglück die Küstenwache alarmiert.
23.00 Uhr:
Die Evakuierung des Schiffes läuft. Passagiere werden mit Rettungsbooten zur Insel gebracht. Einige springen in Panik über Bord. Bis zu 150 Menschen werden nachts aus dem Meer gerettet. Drei Tote werden geborgen, später noch zwei weitere Leichen.
14. Januar, 00:41 Uhr:
Die Hafenaufsicht fragt den Kapitän, wie viele Menschen noch auf dem Schiff sind. Aus dem Gespräch geht hervor, dass er sein Schiff verlassen hat. Die Hafenaufsicht fordert den Kapitän auf, an Bord zurückzukehren und die Rettungsaktion zu koordinieren.
01.46:
Der Kommandeur der Hafenaufsicht fragt den Kapitän nach Hilfsbedürftigen an Bord. Der ist noch immer nicht an Bord. Der Kommandeur gibt dem Kapitän den Befehl, auf sein Schiff zu gehen.
Bei Tagesanbruch suchen Rettungsmannschaften weiter nach Vermissten. Bis zum Mittag sind 4179 gerettete Passagiere an Land registriert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Kapitän. Er wird am Abend festgenommen.
Am Abend sind 560 deutsche Passagiere nach Deutschland zurückgeflogen. 41 Menschen werden weiter vermisst.
15. Januar:
Am Morgen entdecken Rettungskräfte zwei Überlebende. Das Brautpaar aus Südkorea wird kurze Zeit später gerettet. Auch ein Besatzungsmitglied wird befreit.
Am Abend distanziert sich die Kreuzfahrtgesellschaft von ihrem Kapitän. Seine Entscheidungen seien nicht den üblichen Regeln gefolgt.
16. Januar:
Am frühen Morgen wird ein sechstes Todesopfer an Bord der "Costa Concordia" gefunden. Am Abend gelten 25 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder weiter als vermisst, darunter mehr als zehn Deutsche.
17. Januar:
Mindestens ein Deutscher ist nach italienischen Medienangaben bei der Havarie ums Leben gekommen. Taucher entdecken im Wrack darüber hinaus fünf weitere Leichen. Damit erhöht sich die Zahl der geborgenen Opfer auf mindestens elf.
Naturschützer warnen vor einer Umweltkatastrophe. Das Öl aus dem Schiff sei eine tödliche Gefahr für Zehntausende Meerestiere, die in dem 1996 gegründeten Nationalpark Toskanischer Archipel lebten.
Das Abpumpen des Öls wird vorbereitet, kann aber zwei bis fünf Wochen dauern.
Kapitän Schettino werden bei einem Haftprüfungstermin mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen der "Costa Concordia" während der Evakuierung vorgeworfen. Eine Richterin ordnet Hausarrest an.
18. Januar:
Die Suche nach Vermissten wird unterbrochen. Das Wrack sinkt weiter ab und gefährdet die Retter. Noch immer werden Menschen vermisst.
Italienische Medien berichten, der Kapitän habe angegeben, bei der Rettung von Passagieren zufällig in ein Rettungsboot gestürzt zu sein.
Die "Costa Concordia" gehört nach Angaben des Eigners zu den neuesten und größten Kreuzfahrtschiffen, die derzeit auf den Meeren unterwegs sind.
Sie wurde 2006 gebaut und bietet in 1500 Kabinen Platz für 3780 Passagiere.
Betreiber ist das italienische Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere mit Sitz in Genua.
Das Schiff misst 290 Meter und ist rund 35 Meter breit.
Es schafft bei 114 500 Bruttoregistertonnen eine maximale Geschwindigkeit von 23 Knoten (rund 43 Stundenkilometer).
1100 Besatzungsmitglieder kümmern sich um die Gäste.
An Bord befinden sich auf 17 Decks neben fünf Restaurants auch ein Theater, ein Kino sowie Clubs und Diskotheken.