EU-Ausstieg

Was der Brexit für Deutsche in Großbritannien bedeutet

Petra Braun und Peter Wengerodt vor ihrer Bäckerei-Konditorei „Hansel & Pretzel“ in Richmond, London. Nach den Brexit-Votum haben sie bis zu 400 Euro höhere Kosten pro Woche.

Foto: Christoph Meyer / dpa

Petra Braun und Peter Wengerodt vor ihrer Bäckerei-Konditorei „Hansel & Pretzel“ in Richmond, London. Nach den Brexit-Votum haben sie bis zu 400 Euro höhere Kosten pro Woche.

Der britische Supreme Court verhandelt derzeit über den Brexit. Für die Deutschen im Land hat sich das Leben jetzt schon verändert.

London.  Die Richter des höchsten britischen Gerichts werden wohl erst im Januar über die Mitspracherechte des Parlaments für den Austritt aus der EU entscheiden. Davon könnte der weitere Brexit-Fahrplan abhängen. Eine Geduldsprobe nicht nur für die Regierung, sondern auch für die vielen Ausländer im Land. Für sie sind die Auswirkungen des geplanten Brexits schon jetzt zu spüren.

Das britische Pfund schwächelt und lässt Importe aus Deutschland teurer werden. Banken erwägen, von London in Städte wie Dublin oder Frankfurt am Main umzusiedeln. Die Attraktivität der britischen Unis für internationale Studierende hat bereits nachgelassen.

Als Studienort verliert Großbritannien an Attraktivität

Großbritannien ist berühmt für Elite-Hochschulen wie die in Cambridge oder Oxford. Dennoch kommt eine Umfrage der Karriere-Beratungsfirma Hobsons zu einem klaren Ergebnis. Mehr als 80 Prozent internationaler Studierender findet Großbritannien als Studienland nach dem geplanten Brexit weniger einladend.

Und zunehmend fremdenfeindlich: "Die Menschen sind so rassistisch geworden und nach allem, was passiert ist, fühle ich mich dort nicht sicher", sagte ein Teilnehmer der Befragung, an der sich mehr als 1000 junge Leute beteiligt hatten. Dazu komme die Sorge, später schwerer ein Visum zu erhalten – oder nach dem Abschluss einen Job in Großbritannien zu finden.

"Nicht das Land, für das ich mich entschieden habe"

Das Gefühl des Fremdseins teilt auch die Deutsche Petra Braun neuerdings. "Ich denke manchmal, das ist nicht das Land, für das ich mich vor zehn Jahren entschieden habe", sagt die 49-Jährige, während sie mit ihrem Lebensgefährten Peter Wengerodt in ihrer Backstube im Londoner Vorort Richmond sitzt.

Die beiden deutschen Auswanderer betreiben ihre Bäckerei-Konditorei "Hansel & Pretzel" seit zehn Jahren. In der Auslage: Laugenbrezeln, Franzbrötchen, Hefestollen. Dazu kommen weitere "German Delicatessen" wie Schwarzwälder Schinken oder Milchschnitte, die es sonst in England nicht zu kaufen gibt. Der Laden läuft gut. Dennoch mache sich der Brexit in der Kasse bemerkbar. "Wir müssen sämtliche Rohstoffe für die Bäckerei und alle anderen Artikel im Geschäft aus Deutschland importieren", sagt Braun.

300 bis 400 Euro höhere Kosten – pro Woche

Weil der Kurs für das britische Pfund nach dem Brexit-Votum gefallen ist, müssten sie für Einkauf und Transport mehr bezahlen. Braun sagt: "Wir kriegen jede Woche eine Palette mit Waren aus Deutschland, die hat einen Wert von 2000 Euro. Seit Neuestem kostet uns das locker 300 bis 400 Euro mehr, jede Woche."

Um das abzufedern, müssten am Ende auch die Kunden für ihre Brezel tiefer in die Tasche greifen. Am meisten ärgert Braun die Ungewissheit, wie es nach dem Brexit weitergehen wird. "Es ist zermürbend. Wir sind vom Brexit unmittelbar betroffen, wie ein kleines Schiff im großen Ozean", sagt sie.

Aus dem Wohnungskauf in London wurde erstmal nichts

Tobias Menger (Name geändert) lässt sich von der Brexit-Entscheidung nicht aus der Ruhe bringen. Der 29-jährige Deutsche arbeitet seit mehr als drei Jahren als Banker in London. "Natürlich stand hier im Finanzdistrikt alles Kopf nach der Entscheidung im Juni", sagt Menger. Einige Bankinstitute erwägen inzwischen gar, ihre Hauptsitze nach Dublin, Paris oder Frankfurt am Main zu verlegen – raus aus der Finanzmetropole London.

"Die Entscheidung, wie es wirklich weitergeht, wird aber noch eine ganze Zeit dauern." Menger möchte noch eine Weile in der britischen Hauptstadt bleiben. Allerdings: "Man denkt nach dem Brexit kurzfristiger und plant seine Zukunft hier nicht mehr so weit im Voraus", sagt er. Eigentlich wollte Menger sich in diesem Jahr eine Wohnung in London kaufen. Daraus wurde nichts. Die Investition sei ihm nach dem Brexit-Votum zu riskant gewesen.

Bis Ende März will May die Austrittsgespräche beginnen

Die britische Premierministerin Theresa May hat angekündigt, bis Ende März 2017 die Austrittsgespräche mit der EU zu beginnen. Höchstens 18 Monate dürfen die Gespräche für die Verhandlungen dauern.

Die Bäckerei-Inhaber wollen trotz der unsicheren Zukunft bleiben. "Jetzt erst recht", sagt Wengerodt und zeigt auf die Baustelle im Raum nebenan. Hier soll eine Kaffee- und Sandwichbar entstehen. Er sagt: "Wir investieren. Und wir machen auf jeden Fall hier weiter." (dpa)