Dänemark will Freistadt Christiania auflösen
Drogenhandel: Die alternative Siedlung war den Konservativen stets ein Dorn im Auge.
Kopenhagen. Traum der einen, Albtraum der anderen. Seit 1971 scheiden sich in Dänemark die Geister, wenn es um die Freistadt Christiania geht. Nun droht diesem weltweit einmaligen Wohn- und Lebensexperiment das Aus. Die konservative Regierung Dänemarks hat beschlossen, dass Christiania "normalisiert" werden soll. Als Erstes soll bereits in der kommenden Woche die so genannte Pusher-Street, die Drogenstraße, geräumt sein. Dabei ist gerade die Pusher-Street das Herz der Freistadt. An offenen Ständen werden Haschisch und Cannabisprodukte in jeder Form und Farbe angeboten. Und das, obwohl Haschkonsum und Haschhandel in Dänemark genauso verboten sind wie in Deutschland. Nur in der Pusher-Street hat der Staat bisher meist beide Augen zugedrückt. So wie er es mit ganz Christiania fast immer getan hat. Das alternative Wohnprojekt entstand im Herbst 1971, als das Militär die Jahrhunderte alte Stadtwallanlage verließ, die die Altstadt Kopenhagens gen Osten schützte. Das Militär hinterließ einige riesige Kasernengebäude, die nun leer standen, vor allem aber eine fast unberührte Natur. 34 Hektar Wallgräben, Wälle, Wälder und Wiesen lagen hier mitten in einer Großstadt, ein Paradies, das die wenigsten Kopenhagener bisher gesehen hatten. Noch bevor sich Militär, Staat und Stadt einigen konnten, was mit dem Gelände geschehen sollte, besetzten mehrere Hundert Hippies das Gelände und nannten es "Freistadt Christiania". Hier sollten andere Regeln gelten als im restlichen Land. Hasch- und Steuerfreiheit genauso wie ein Verbot von Autos und Gewalt. Die Klassengesellschaft sollte vor den Wällen ausgesperrt werden. In den vergangenen 32 Jahren hat sich vieles verändert in dieser einstigen Hippie-Gemeinde. Viele der Bewohner, die so genannten Christianiten, haben außerhalb der Freistadt Karriere gemacht und sich innerhalb der Christiania-Mauern ausgefallene Häuser gebaut, während andere der 800 bis 1000 Bewohner auch heute noch in einfachen Schuppen oder Bauwagen leben. Auch in Christiania gibt es also heute eine Klassengesellschaft - ein Problem, über das in der Gemeinschaft viel und gerne diskutiert wird. Einige dieser Bauherren haben sich ihre Häuser sogar legalisieren lassen, weite Gebiete der Freistadt sind deshalb heute auch im gesetzlichen Sinne bereits "normal". Der Regierung ist das alles allerdings noch nicht normal genug. Justizministerin Lene Espersen: "Es ist logisch, dass man die Situation nicht einfach stillschweigend akzeptieren kann. Christiania ist eine Stadt in der Stadt. Dort herrscht Gesetzlosigkeit. Weder die Bewohner noch die Haschhändler folgen den Gesetzen dieses Landes." Die Abschaffung dieser "Gesetzlosigkeit", die nächste Woche beginnen soll, wäre aber nur der erste Schritt zur Legalisierung des Gebiets. Viele Gebäude sollen abgerissen werden, an ihrer Stelle Häuser mit Wohnungen für zahlungskräftige Käufer entstehen. Obwohl die Christianiten in den vergangenen Jahrzehnten immer mit Gerüchten dieser Art kämpfen mussten, wenn Dänemark einen konservativen Ministerpräsidenten hatte, sind sie angesichts der neuesten Pläne doch nervös geworden. An jeder Ecke werden in Kopenhagen Flugblätter verteilt und Unterschriften gesammelt: "Rettet Christiania!" Und weil man auch in Christiania mit der Zeit geht, heißt es noch: "PS: Diese Aufforderung zur Unterschriftensammlung steht auf unserer Homepage bereit."


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