Dienstag, 29. Mai 2012, 11:51

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Aus aller Welt

Japan

Radioaktivität: Neue Höchstwerte im Pazifik gemessen

Hiobsbotschaft aus Fukushima: Die radioaktive Verseuchung des Pazifiks vor dem japanischen Katastrophen-Kraftwerk Fukushima hat einen neuen Höchstwert erreicht.

Hiobsbotschaft aus Fukushima: Die radioaktive Verseuchung des Pazifiks vor dem japanischen Katastrophen-Kraftwerk Fukushima hat einen neuen Höchstwert erreicht. Untersuchungen ergaben eine um das 1250-fache erhöhte Belastung durch radioaktives Jod, wie die japanische Atomaufsicht am Samstag mitteilte. Zugleich versuchte die Behörde, die wachsenden Sorgen der Menschen zu dämpfen: Die Verstrahlung stelle nur ein geringes Risiko für das Leben im Ozean dar, hieß es. Durch die Meeresströmung würden die strahlenden Partikel weggeschwemmt und verdünnt, bevor Fische und Algen sie aufnehmen könnten. Dennoch dürften die Messergebnisse Ängste in Japan und darüber hinaus schüren – vor radioaktiv verseuchten Lebensmitteln und unkontrollierbaren Folgen der Atomkraft generell. Zwei Wochen nach dem Unfall durch Erdbeben und Tsunami war Japans schwerbeschädigtes AKW noch weitgehend außer Kontrolle. Am Samstag versuchten Ingenieure, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Atomkomplex abzupumpen.

Verstrahltes Wasser wurde in drei der sechs Reaktoren gefunden. Das Wasser müsse unbedingt aus den Turbinengehäusen entfernt werden, bevor die Radioaktivität noch weiter steige, teilte die Atomaufsicht mit. Man suche nach Wegen, um das kontaminierte Wasser sicher zu bergen und dabei nicht die Umwelt zu verschmutzen. Temperatur und Druck hätten sich in allen Reaktoren stabilisiert.

Es gebe keine Hinweise auf Risse am Reaktor drei, betonte die Atomaufsicht zudem. Dies hatte sie am Vortag noch als möglich bezeichnet. Später erklärte die Behörde, die erhöhte Radioaktivität im Inneren von Reaktor drei könne aber auch auf die Kühlungsarbeiten oder auf Lecks in Rohren oder Ventilen zurückgeführt werden. Am Donnerstag waren drei Techniker, die sich um die Kühlung des heißgelaufenen Reaktors bemühten, verstrahlt worden. Sie waren dort mit Wasser mit einer um das 10.000-fache erhöhten Strahlung in Berührung gekommen.

Reaktor drei ist der einzige der Fukushima-Reaktoren, der auch das besonders giftige Plutonium als Brennstoff verwendet. Nicht zuletzt deshalb macht dieser Reaktor den Behörden besonders große Sorgen. Doch insgesamt ist in vier der sechs Reaktorblöcken die Lage weiter außer Kontrolle. Immer wieder steigt Dampf und Rauch auf. Allein zwei der Reaktoren gelten als sicher. Die havarierte Nuklearanlage liegt 240 Kilometer nördlich der japanischen Hauptstadt Tokio. Im Großraum dieser Metropole leben rund 35 Millionen Menschen.

Die japanische Regierung betonte unterdessen, dass sich die Lage in Fukushima nicht verschlechtere. Allerdings sei weiterhin höchste Wachsamkeit nötig, sagte ein Regierungssprecher am Samstag. Ministerpräsident Naoto Kan räumte am Vortag ein, die Krise sei noch längst nicht bewältigt. Mehr als 700 Techniker arbeiten im Schichtdienst daran, das Kraftwerk zu stabilisieren und die Kühlanlagen der Reaktoren wieder in Gang zu setzen – und so eine Kernschmelze mit verheerenden Folgen zu verhindern.

Als eine Reaktion auf Fukushima wollen die EU-Staaten künftig nicht nur Kernkraftwerke in der Union überprüfen, sondern auch Reaktoren der Nachbarstaaten der Gemeinschaft. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon stellte sich hinter Forderungen, weltweit die Reaktorsicherheit unter die Lupe zu nehmen.

Liveticker: Japan/Fukushima am Sonnabend, 26. März

9.43 Uhr: Reaktor 1 im havarierten Kernkraftwerk Fukushima Eins ist am Sonnabend genau seit 40 Jahren in Betrieb. Es sei „äußerst bedauerlich“, was aus dem Reaktor geworden sei, sagte der Vize-Chef des Atombetreibers Tepco, Sakae Muto, anlässlich des Jahrestages der Inbetriebnahme des Reaktors.

8.22 Uhr: Im havarierten Kernkraftwerk Fukushima haben Arbeiter im Kontrollraum von Reaktor 2 die Stromversorgung wieder hergestellt. Dort brenne wieder Licht.

5.58 Uhr: Experten der Umweltschutzorganisation Greenpeace haben am Samstag damit begonnen, in der Umgebung des Atomkraftwerks Fukushima 1 eigene Stahlenmessungen vorzunehmen. Seit dem Beginn der Krise vor zwei Wochen hätten die Behörden offenbar ständig sowohl die Risiken als auch das Ausmaß radioaktiver Verseuchung unterschätzt, erklärte Greenpeace-Atomexperte Jan van de Putte.

5.28 Uhr: Japanische Ingenieure haben am Samstag verzweifelt versucht, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Atomkomplex Fukushima abzupumpen. Verstrahltes Wasser wurde in drei der sechs Reaktoren gefunden. Es sei sehr wichtig, das Wasser aus den Turbinengehäusen zu entfernen, bevor die radioaktive Verstrahlung noch weiter steige, teilte die Atomaufsicht mit.

3.21 Uhr: Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 ist an einer weiteren Stellen stark radioaktiv verseuchtes Wasser entdeckt worden. Das verseuchte Wasser befinde sich im Keller des Turbinengebäudes von Reaktor 1, sagte ein Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde am Sonnabend.

1.05 Uhr: Seit Beginn der Krise im Atomkraftwerk Fukushima sind 17 Arbeiter verstrahlt worden, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Samstag meldete. Dabei wurden nur diejenigen Unfälle berücksichtigt, bei denen eine Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert gemessen wurde – dies entspricht der maximalen Belastung für AKW-Arbeiter über ein ganzes Jahr hinweg.

Lesen Sie auch

Die Angst vor der Atomschmelze wächst

Die Situation im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hat sich offenbar dramatisch verschärft. Aufgrund der sehr hohen Werte von Radioaktivität, die aus der Anlage austreten, schloss die Betreiberfirma Tepco am Freitag nicht mehr aus, dass der Reaktordruckbehälter von Block 3 beschädigt ist. Im Kern von Reaktor 3 befinden sich Mischoxid-Brennstäbe (MOX), in denen neben Uran auch Plutonium - verarbeitet ist.

Behördensprecher Hidehiko Nishiyama sagte, es seien "gewisse Funktionen der Sicherheitshülle noch erhalten". Man habe jedoch "weit entfernt" von Reaktor 3 stark erhöhte Radioaktivität gemessen. Tepco räumte jedoch ein, dass man das Ausmaß der Schäden am Reaktor gar nicht genau kenne.

Der Schaden am Reaktorkern könnte entstanden sein, als eine Wasserstoffexplosion am 14. März die äußere Sicherheitshülle gesprengt hatte.

In der Anlage von Block 3 lagern 170 Tonnen Brennstäbe.

Falls tatsächlich der Reaktorkern beschädigt wurde oder gar eine Kernschmelze eingesetzt hat, wie einige Experten befürchten, dann würde die Radioaktivität noch erheblich ansteigen. Von den sechs in Fukushima stehenden Reaktoren sind derzeit drei bis fünf von einer Katastrophe bedroht.

Der Greenpeace-Atomexperte Karsten Smid sagte dem Hamburger Abendblatt: "Wir gehen davon aus, dass bereits ein einzelner Reaktor in Fukushima mehr als 200 000 Tera-Becquerel ausgestoßen hat - damit ist eindeutig Stufe 7 auf der INES-Skala erreicht." Insgesamt seien bislang etwa 500 000 Tera-Becquerel freigesetzt worden, sagte Smid. Becquerel ist eine Maßeinheit für die Zerfallsaktivität radioaktiver Stoffe; ein Tera-Becquerel ist eine Billion Becquerel. INES ist die Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Die Stufe 7 wurde bislang nur einmal zugeordnet: dem Unfall in Tschernobyl 1986. Er wurde mit einer Million Tera-Becquerel eingeschätzt.

Bislang hat Japans Atombehörde den Unfall in Fukushima auf Stufe 5 eingeordnet, schloss am Freitag aber nicht aus, auf Stufe 6 zu erhöhen.

"Man kann von einem schleichenden oder auch kontinuierlichen GAU in Fukushima sprechen", sagte Experte Smid. "Wir gehen von einer partiellen Kernschmelze aus - die Indizien sind eindeutig. Die hohe Jod- und Cäsiumbelastung weist darauf hin." Smid sagte, die Arbeiter in Fukushima hätten einen "Hochrisikojob", sie spielten mit ihrem Leben. Am Donnerstag hatten zwei Arbeiter im Block 3 Verbrennungen erlitten, als ihnen radioaktiv verseuchtes Wasser in ihre Schutzstiefel gelaufen war. Die Firma Tepco gab den Verstrahlten eine Mitschuld, weil sie bei ihrem Einsatz gegen Sicherheitsauflagen verstoßen hätten. Das Wasser, dem sie ausgesetzt waren, wies eine Strahlenbelastung von 3,9 Millionen Becquerel auf - pro Kubikzentimeter. Es ist eine um das 10 000-Fache erhöhte Dosis. Die japanische Regierung empfahl eine Evakuierung der betroffenen Region in einem Radius von 30 Kilometern um das Kraftwerk Fukushima. Eine 30-Kilometer-Schutzzone umgibt auch bis heute die Ruine des explodierten Atomkraftwerks Tschernobyl. Regierungssprecher Yukio Edano sagte, es sei denkbar, dass die Evakuierung angeordnet werde, falls die Strahlenbelastung in der betroffenen Region weiter ansteige.

Zum ersten Mal wandte sich Japans Regierungschef Naoto Kan mit einer Entschuldigung an sein Volk. "Wir sind nicht in einer Position, in der wir optimistisch sein können", sagte Kan und fügte hinzu, die Lage sei "äußerst unvorhersehbar". Der Regierungschef rief die Bürger zur Solidarität in "der schlimmsten Krise Japans seit dem Zweiten Weltkrieg" auf.

Die chinesischen Behörden stellten bei zwei Touristen aus Japan erhöhte Strahlenwerte fest - deutlich über den Grenzwerten, wie es hieß. Die beiden Japaner waren aus Tokio nach Wuxi nahe Shanghai gereist und werden dort jetzt medizinisch behandelt.

Auch in Deutschland wurden am Freitag zum ersten Mal radioaktive Partikel aus Fukushima nachgewiesen. Es seien aber nur "geringste Spuren", die "gesundheitlich unbedenklich" seien, versicherte das Bundesumweltministerium in Berlin. Es handle sich konkret um ein Tünftausendstel Jod pro Kubikmeter Luft. Auch in den USA, auf Island und in Schweden wurden bereits Partikel aus Fukushima entdeckt.

Die EU verständigte sich auf ihrem Gipfel in Brüssel auf einheitliche "AKW-Stresstests", wie Bundeskanzlerin Angela Merkel mitteilte. Das müsse "die Lehre aus Japan" sein.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus