14.07.10

Hitzechaos bei der Bahn

Klimaanlagen ausgefallen - Bahn räumt erneut Fernzüge

Die Deutsche Bahn hat erneut mehrere Fernzüge nach einem Ausfall der Klimaanlagen geräumt. 66 Beschwerden von Reisenden eingegangen.

Foto: picture-alliance/ dpa/dpa
ICE der Deutschen Bahn
In den ICE3 der Bahn fallen angeblich seit Jahren die Klimaanlagen aus, der ICE2 musste die ersten Jahre oft mit gedrosseltem Tempo fahren.

Bielefeld/Berlin/Stockholm. Die Deutsche Bahn hat am Mittwoch erneut mehrere Fernzüge nach einem Ausfall der Klimaanlagen geräumt. Wie ein Unternehmenssprecher dem Bielefelder "Westfalen-Blatt" (Donnerstagsausgabe) sagte, wurde ein IC auf der Strecke Berlin-Amsterdam wegen einer defekten Klimaanlage gestoppt. Die Reisenden mussten demnach in andere Züge umsteigen. Zudem sei ein ICE zwischen München und Lübeck wegen Hitzeproblemen geräumt worden. Seit Sonnabend fielen dem Bahn-Sprecher zufolge in insgesamt 41 Fernzügen die Klimaanlagen aus.

Am Wochenende war in drei ICEs die Klimaanlage komplett ausgefallen, weshalb zwei der Züge in Hannover und einer in Bielefeld geräumt werden mussten. Zahlreiche Schüler von zwei Schulen in Nordrhein-Westfalen kamen dehydriert ins Krankenhaus. Auch in weiteren Zügen fielen in den vergangenen Tagen in einzelnen Waggons die Klimaanlagen aus. Dem "Westfalen-Blatt" zufolge ging inzwischen eine erste Strafanzeige von hitzegeschädigten Reisenden bei der Bundespolizei Münster ein. Da sich der Vorfall in Berlin ereignet habe, sei die Anzeige an die Bundespolizei Berlin weitergeleitet worden. Insgesamt sind bei der Bundespolizei in Münster nach dem ICE-Hitzeunfall in Bielefeld schon 66 Beschwerden von Reisenden über unhaltbare Zustände in Fernzügen eingegangen. Da sich aus den Beschwerden keine Straftatbestände ergeben hätten, seien die Schreiben an die Bahn weitergeleitet worden, sagte Oberkommissar Rainer Kerstiens der Zeitung.

Problem-ICE: Ermittlungen gegen Zugchef

Nach dem Hitze-Kollaps mehrerer Schüler in einem brütend heißen ICE ermittelt jetzt die Justiz gegen den Zugchef. Derzeit werde geprüft, ob er den Zug früher als in Bielefeld hätte anhalten müssen, nachdem die Klimaanlage ausgefallen war, sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Baumgart am Mittwoch. Technische Probleme mit älteren ICE sind laut Bundesverkehrsministerium schon länger bekannt, bisher aber nicht mit Klimaanlagen. Auch in einem Hochgeschwindigkeitszug in Schweden gab es einen dramatischen Hitze-Notfall: 200 Reisende mussten stundenlang ausharren. Der Verdacht gegen den ICE-Zugchef laute auf fahrlässige Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung, sagte Staatsanwalt Baumgart. Am Sonnabend waren mehrere Schüler auf dem Rückweg von einer Klassenfahrt an Bord zusammengebrochen. Neun Jugendliche mussten in ein Krankenhaus gebracht werden.

+++ Wenn die Hitze im Zug unerträglich wird - diese Rechte haben Sie +++

Die Gewerkschaften Transnet und GDBA warnten vor einer Vorverurteilung ihres Kollegen. Die Bahn sei es Kunden und Beschäftigten schuldig, dass die Technikprobleme untersucht und Schwachstellen beseitigt würden. Die Zugbegleiter arbeiteten derzeit unter extrem schwierigen Bedingungen. Eventuell brauche es Zusatzpersonal zur Betreuung von Fahrgästen.Nach Angaben der Bahn von Mittwochabend gab es seit Samstag Klimaanlagen-Probleme bei rund 40 Zügen. Der bundeseigene Konzern hat angekündigt, die Probleme aufzuklären und begutachtet Klimaanlagen bei der nächtlichen Wartung in den Werkstätten besonders gründlich. Massiv betroffene Reisende sollen Reisegutscheine als Entschädigung bekommen.

Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums sind bei älteren Zügen der ICE-Flotte bereits seit einiger Zeit technische Probleme bekannt. "Wir kennen die Themen mit den ICE 1 und ICE 2 schon seit etwas längerem", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) im RBB-Inforadio. Dies betreffe oftmals die ganze Bordtechnik, die häufig ausfalle. Es liefen dazu auch Prüfungen des Eisenbahn-Bundesamts. Laut einer nachträglichen Präzisierung des Ministeriums waren bisher aber keine Klimaanlagen-Probleme bekannt.

In Schweden mussten gut 200 Reisende sechs Stunden bei quälender Hitze in einem Schnellzug ausharren - ohne Klimaanlage, ohne Wasser und bei geschlossenen Fenstern. Wie die Bahngesellschaft SJ am Mittwoch bestätigte, blieb der Hochgeschwindigkeitszug am Vortag wegen eines technischen Defektes an der Lok bei Flemingsberg südwestlich von Stockholm liegen. Er war nach Göteborg unterwegs. Passagiere berichteten von Panik, Ohnmachtsanfällen und "Lynchstimmung gegenüber dem Personal". Die Temperaturen in den Abteilen waren demnach auf über 50 Grad gestiegen. Dennoch blieben die Türen zu - Fenster konnten nicht geöffnet werden. Ein 42-Jähriger schlug mit einem Hammer ein Fenster ein, um einem ohnmächtigen Mitreisenden und einem offensichtlich stark leidenden Baby Luft zu verschaffen.

+++ Pleiten, Pech und Pannen bei der Bahn +++

Der Zug wurde nach mehr als sechs Stunden Warten in gleißender Sonne von einer Ersatz-Lok in Gang gesetzt. Der Reisende mit Hitzschlag kam in ein Krankenhaus in Södertälje, andere Reisende wechselten in dem Ort den Zug. Sie mussten aber erneut mehrere Stunden warten und erreichten Göteborg schließlich mit 13-stündiger Verspätung. Empört reagierten Betroffene auf die Mitteilung der Bahn, man werde ihnen einen Gutschein über 200 Kronen (gut 20 Euro) zukommen lassen. SJ-Aufsichtsratschef Ulf Adelsohn kündigte daraufhin Nachbesserung an. "Das war eine verdammte Katastrophe. So was darf einfach nicht passieren."

ICE-Pannen
Unfälle und Pannen der ICE-Serien
3. Juni 1998: In der Nähe von Eschede (Niedersachsen) entgleist der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" bei einer Geschwindigkeit von ca. 200 km/h. 101 Menschen kommen bei dem Unglück ums Leben, 88 werden schwer verletzt. Auslöser ist ein Bruch eines verschlissenen und defekten Radreifens. Die hinteren Wagen werden auf ein Nebengleis fehlgeleitet, wodurch sie gegen eine Stütze einer 300 Tonnen schweren Straßenüberführung geschleudert werden und diese vollständig zertrümmern. Das Unglück ist nach Opferzahlen das weltweit verheerendste eines Hochgeschwindigkeitszuges.
28. April 2006: Ein ICE der ersten Generation kollidiert auf der Schweizer Strecke Thun–Spiez im Bahnhof Gwatt mit zwei Lokomotiven der BLS AG. 30 Reisende des Personenzuges werden leicht verletzt, darunter der Lokführer des ICE. Erheblicher Sachschaden an Rollmaterial und Gleisanlagen.
April 2008: Ein Mittelwagen des ICE 885 "Nürnberg" entgleist im Landrückentunnel.
26. April 2008: Bei der Einfahrt in den Landrückentunnel südlich von Fulda fährt ein ICE 1 auf der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg in eine Schafherde. Beide Triebköpfe sowie zehn von zwölf Wagen entgleisten. Der Zug kommt etwa 500 m hinter der Tunneleinfahrt zum Stehen. Von den 135 Fahrgästen werden 19 verletzt, 4 davon mittelschwer. 20 Schafe verenden. An Zug, Strecke und Tunnel entstehen Schäden in Höhe von mehreren Millionen Euro. Die Bahnstrecke muss zwischen Fulda und Burgsinn für rund zweieinhalb Wochen gesperrt werden.
9. Juli 2008: Ein ICE 3 entgleist bei der Ausfahrt aus dem Kölner Hauptbahnhof im Weichenbereich vor der Hohenzollernbrücke. Ein Radsatz im vorderen Zugteil war gebrochen, aus den Schienen gesprungen und hatte Schienen und Weichen in Mitleidenschaft gezogen. Verletzt wird niemand, alle Fahrgäste können auf den Bahnsteig zurückkehren.
11. Juli 2008: Per Bescheid des Eisenbahn-Bundesamtes werden 61 von 67 ICE-3-Triebzügen vorübergehend zu weiteren Untersuchungen aus dem Verkehr gezogen. In Folge des Unglücks ordnet das Eisenbahn-Bundesamt eine drastische Verkürzung der Radsatz-Untersuchungsintervalle an. In Der Folge kommt es dadurch zu zahlreichen Zugausfällen und weiteren Betriebseinschränkungen.
1. April 2010: Die Deutsche Bahn muss ihre Kontrollen an ICE-Achsen nach der Entdeckung von Rissen noch einmal verstärken. In den vergangenen anderthalb Jahren seien vier Risse bei den ICE mit elektrischer Neigetechnik festgestellt worden, bestätigte das Eisenbahnbundesamt. Deshalb müssten die bereits auf 30 000 Kilometer verkürzten Wartungsintervalle für diese Züge auf 21 000 Kilometer reduziert werden. Das bedeutet, dass die Züge künftig alle zwei statt bislang alle drei Wochen in die Werkstatt müssen.
17. April 2010: Ein ICE verliert während der Fahrt auf der Schnellfahrstrecke Köln-Rhein/Main zwischen Montabaur und Limburg-Süd eine Tür. Das Fluggeschoss schlägt in dem Fesnter des Borbistros eines entgegenkommenden ICE ein. Sechs Menschen werden verletzt. Unklar ist, warum sich die Tür löste.
11. Juli 2010: In drei ICE-Zügen fallen die Klimaanlagen aus. Mehr als 40 Reisende mit einem Hitzekollaps in den Zügen, die von Berlin nach Köln fuhren, müssen in Hannover und in Bielefeld versorgt werden.
Quelle: abendblatt.de
(afp/dpa/abendblatt.de)
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