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Aus aller Welt

Prozessbeginn im Fall Marwa El-Sherbini

Ehemann des Mordopfers: Angriff war Minutensache

Unter strenger Bewachung hat im Dresdner Landgericht der Mordprozess im Fall der Ägypterin Marwa El-Sherbini begonnen.

Der Nebenkläger und Ehemann der bei einer Messerattacke im Gerichtssaal getöteten, schwangeren Ägypterin Marwa El-Sherbini, Elwi El-Sherbini, im Landgericht in Dresden.
Foto: ddp/DDP

Dresden. Der Angriff auf die im Dresdner Landgericht getötete Ägypterin Marwa El-Sherbini war nach Aussage ihres Ehemannes Minutensache. Elwy Ali Okaz, der bei der Messerattacke am 1. Juli lebensgefährlich verletzt worden war, schilderte am Montag zu Prozessbeginn das Geschehen klar und gefasst in arabischer Sprache.

Das Paar habe zusammen mit dem dreijährigen Sohn gerade den Gerichtssaal verlassen wollen, als es vom Angeklagten Alex W. angegriffen wurde, sagte der 32-Jährige. Zunächst sei seine schwangere Frau geschlagen und geschubst worden. Als er sie verteidigen wollte, sei auch er vom Täter geschlagen worden. Als er bemerkt habe, dass der Angreifer ein Messer hatte, habe er es ihm wegnehmen wollen. In diesem Moment seien „Leute“ in den Saal gekommen, es sei ein Schuss gefallen, kurz danach habe er das Bewusstsein verloren.

Elwy Ali Okaz berichtigte in einem Punkt bisherige Angaben der Staatsanwaltschaft. Seine Frau habe Alex W. nicht angezeigt, nachdem dieser sie 2008 auf einem Spielplatz unter anderem als „Islamistin“ und „Terroristin“ bezeichnet hatte. „Sie selbst hat ihn nicht angezeigt, wir haben von unserer Seite keine Schritte unternommen“, sagte er. Offensichtlich wurde von Amts wegen ermittelt, denn die Frau hatte damals die Polizei gerufen.

 

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Quelle: dpa

Elwy Ali Okaz hatte im Sommer am Dresdner Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik seine Doktorarbeit geschrieben. Nach allem, was passiert sei, habe er kein gutes Gefühl mehr für eine Zukunft in der Stadt, sagte der Witwer.

Internationales Interesse für Dresdner Mordprozess

Zum Auftakt des Prozesses sind Journalisten aus zahlreichen Ländern nach Dresden gereist. Der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini hatte international Entsetzen ausgelöst. Noch nie in der sächsischen Justizgeschichte erregte ein Verfahren international so viel Aufsehen. Als vor dem Landgericht am Montag die Verhandlung um den gewaltsamen Tod der 31-Jährigen beginnt, ist draußen internationales Sprachgewirr vor den Absperrungen zu hören: Englisch, Arabisch und Deutsch – die Journalisten haben ihre Technik vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut und interviewen sich mangels Gesprächspartnern bisweilen auch selbst. Beim Tatmotiv Fremdenhass steht immer auch ein ganzes Land vor Gericht.

Da im Saal nur 44 Plätze für Journalisten reserviert sind, bleiben viele draußen zum Warten verurteilt. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira ist aus London angereist und informiert sich auch über die Feinheiten des deutschen Rechtssystems. „Nein, ein Kreuzverhör gibt es in Deutschland nicht“, erklärt Landgerichtssprecher Peter Kieß den Kollegen auf Englisch. Ein Reporter von Al-Dschasira will wissen, wie ein Mann bewaffnet zu einem Prozess erscheinen könne? Der Angeklagte Alex W. hatte die Ägypterin am 1. Juli mitten im Gerichtssaal mit einem Küchenmesser erstochen und ihren Mann lebensgefährlich verletzt.

Kieß muss das Unerklärliche erklären. Als die 31-Jahre alte Ägypterin damals mit ihrem Mann (32) und dem kleinen Sohn das Gericht betrat, kam sie als Zeugin in einer Berufungsverhandlung wegen Beleidigung. Alex W. hatte die Ägypterin 2008 auf einem Dresdner Spielplatz als „Terroristin“, „Islamistin“ und „Schlampe“ beschimpft. Eine gegen ihn verhängte Geldstrafe akzeptierte er nicht. So kam es zum neuerlichen Prozess mit tödlichem Ausgang.

„Es gab keine Anzeichen für eine Bedrohung“, schildert Kieß den Mitarbeitern des arabischen Senders die Ausgangslage vom 1. Juli. Andernfalls hätte es Sicherheitsvorkehrungen gegeben. Das Landgericht habe Konsequenzen aus der Tat gezogen und lasse jetzt Beteiligte des Prozesses und Zuschauer durch Sicherheitsschleusen marschieren. Kieß berichtet auch von den massiven Sicherheitsmaßnahmen, die nun die Verhandlung gegen den 28 Jahre alten Alex W. begleiten. Für den aus Russland stammenden Deutschen gilt oberste Sicherheitsstufe.

Es sind solche Umstände, die manchen Beobachter vor dem „Tatort Gericht“ auch ratlos machen. „Die Tatsache, dass in diesem Gericht ein solch schrecklicher Mord passierte, hat eine schreckliche Symbolkraft“, sagt Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. „Ich wünschte mir, dass wenigstens einer der Polizisten, die heute das Verfahren bewachen, damals dabei gewesen wäre. Dann wäre Marwa wahrscheinlich noch am Leben.“

Böhmer ruft zu Besonnenheit auf

Die Ausländerbeauftragte des Bundes, Maria Böhmer (CDU), hat unterdessen dazu aufgerufen, das Verfahren um den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini mit Ruhe und Besonnenheit zu verfolgen. „Die schreckliche Tat hat in Deutschland und Ägypten sowie in weiten Teilen der arabischen Welt Trauer und Entsetzen ausgelöst. Millionen Menschen verfolgen den Prozess mit großer Aufmerksamkeit“, erklärte sie am Montag laut einer Mitteilung in Berlin. Umso wichtiger sei es jetzt, auf die Unabhängigkeit der deutschen Justiz zu vertrauen und diese zu respektieren.

„Auch mich hat die Mordtat fassungslos gemacht. Sie hat gezeigt: Wir müssen tagtäglich mit ganzer Kraft für ein friedliches Zusammenleben und gegen Gewalt und Rassismus eintreten“, sagte Böhmer und versprach, den Witwer und die Angehörigen von Marwa El-Sherbini weiter zu begleiten. „Sie sind nicht auf sich alleine gestellt.“ Ein Mann hatte die schwangere El-Sherbini (31) am 1. Juli mitten in einem Prozess am Landgericht Dresden erstochen, ihr Ehemann wurde schwer verletzt. Als Motiv wird Ausländerhass angenommen. Zum Prozessauftakt schwieg der Angeklagte am Montag.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hatte zuvor ein klares Signal der Politik verlangt. Der Mord an El-Sherbini habe das Verhältnis der Deutschen zur arabischen und islamischen Welt sehr getrübt, sagte der Zentralratspräsident Ayyub Axel Köhler, in einem dpa-Gespräch. „Deutschlands Ruf hat sehr gelitten. Die Politik verdrängt die Islamfeindlichkeit, sie verdrängt die Folgen solcher Erscheinungen.“ (dpa/abendblatt.de)



 

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