26.02.13

Windkraft

In der Nordsee entstehen Netze für Geisterwindparks

Der Netzbetreiber Tennet ist per Gesetz gezwungen, für eine Milliarde Euro ein Stromkabel in der Nordsee zu verlegen. Ob die Trasse je ausgelastet sein wird, ist aber offen: Es fehlt an Windparks.

Von Daniel Wetzel
Foto: dpa

Offshore-Windpark Alpha Ventus: Tennet ist für den Anschluss aller deutschen Nordsee-Windparks zuständig.
Offshore-Windpark Alpha Ventus: Tennet ist für den Anschluss aller deutschen Nordsee-Windparks zuständig

Die deutsche Offshore-Windkraftbranche leidet unter einer Spielart des altbekannten Henne-Ei-Problems. Was muss zuerst da sein: Windpark oder Netzanschluss?

Nachdem jahrelang geklagt wurde, es gebe Windparks in Nord- und Ostsee, die keinen Kabelanschluss haben, scheint es inzwischen genau anders herum zu sein: Der Netzbetreiber Tennet baut mit seinem neuen Partner Alstom für rund eine Milliarde Euro ein Kabel in die Nordsee, obwohl nicht sicher ist, ob am Ende der langen Leitung jemals genug Windkraftanlagen stehen werden. Aber das Gesetz will es so.

Der zuständige Netzbetreiber Tennet aus den Niederlanden verfügte lange Zeit nicht über das nötige Eigenkapital, um die milliardenschwere Anbindung von Windparks in der deutschen Nordsee zu stemmen.

Jetzt, nachdem die Bundesregierung einen großen Teil der Haftungsrisiken auf die Verbraucher abgewälzt hat, geht es endlich vorwärts: Tennet-Chef Lex Hartmann kündigte jetzt an, den französischen Industriekonzern Alstom mit der Realisierung des Hochsee-Kabelprojektes "DolWin3" zu beauftragen.

Geplant ist ein Höchstspannungskabel zur Anbindung von Offshore-Windparks sowie eine Konverterstation auf hoher See. Das Projekt hat ein Volumen von mehr als einer Milliarde Euro.

Tennet ist Großinvestor der Energiewende

"Damit bringen wir die Energiewende wieder einen Schritt voran und tragen dazu bei, dass Offshore-Windenergie einen wichtigen Beitrag für die Energieversorgung der Zukunft leisten kann", sagte Hartman. "DolWin3 eingerechnet, werden wir insgesamt über 6000 Megawatt saubere Energie aus der Nordsee anbinden und über sieben Milliarden Euro in die Energiewende investieren."

Tennet verwirklicht mit DolWin3 bereits das achte Netzanbindungsprojekt in Gleichstrom-Technologie. Mit drei in Wechselstrom-Technologie ausgeführten Projekten wird der für die Nordsee zuständige Übertragungsnetzbetreiber dann insgesamt 6,2 Gigawatt Offshore-Windenergie an Land bringen.

Das ist bereits mehr als die Hälfte jener elf Gigawatt Offshore-Windkraft, mit der die Bundesregierung bis 2022 rechnet, um Ersatz für die wegfallenden Atomkraftwerke zu haben.

Ob es diese Windparks aber jemals geben wird, ist noch keineswegs sicher. Denn das milliardenschwere Kabelprojekt DolWin3 wird gebaut, obwohl längst nicht klar ist, ob die Leitung jemals ausgelastet sein wird. Bislang will lediglich der dänische Energiekonzern Dong Energy Windturbinen in diesen Teil der Nordsee, knapp 40 Kilometer vor Borkum, bauen.

Teures Kabel längst nicht ausgelastet

Doch auch der von Dong Energy geplante Windpark "Borkum Riffgrund 1" hat nur eine Kapazität von 277 Megawatt. Das Kabelprojekt DolWin3 hat jedoch eine viel größere Kapazität von 900 Megawatt. Es ist ausgelegt für mögliche Erweiterungen des betreffenden "Windpark-Clusters" vor Borkum.

Doch eine feste Investitionsentscheidung dafür gibt es weder von Dong Energy noch von einem anderen Windkraft-Investor.

"Von den 900 Megawatt Leitungskapazität sind bislang 300 bis 350 Megawatt zur Nutzung vorgemerkt", bestätigt die Bundesnetzagentur in Bonn. Ob auch die restliche Leitungskapazität genutzt werde, hänge davon ab, ob sich noch Investoren für die dortigen Windparks fänden.

"In diesem Moment ist unklar, ob die restlichen Windturbinen auch wirklich gebaut werden", klagt auch Tennet-Chef Lex Hartmann. "Es gibt Pläne, aber noch keine Investitionsbeschlüsse." Tennet sei aber dazu verpflichtet, das Kabel zu verlegen, obwohl erst ein Drittel der einstmals geplanten Windkraft-Anlagen derzeit wirklich gebaut werden.

Die Situation sei bei vielen Projekten in der Nordsee ähnlich, sagte Hartmann: "Insgesamt gibt es Leitungskapazitäten von mehreren tausend Megawatt, von denen nicht klar ist, ob sie genutzt werden."

Ein "Durchbruch" für Alstom

So sei der Netzanschluss "BorWin1" bereits seit zwei Jahren fertig gestellt, werde aber noch immer erst zu 25 Prozent ausgelastet. Der Tennet-Chef verwies auf Stimmen aus der Industrie, denen zufolge eine Ausbau von Offshore-Windkraft über 7000 Megawatt hinaus unrealistisch sei. "Die Bundesregierung muss sich überlegen, wie realistisch ihr volkswirtschaftliches Ziel von 11.000 Megawatt noch ist."

Für Alstom ist der Auftrag immerhin ein "Durchbruch", denn bislang hatten bei den anderen großen Offshore-Projekten stets die Wettbewerber Siemens und ABB den Zuschlag bekommen.

Jetzt aber konnte sich Alstom sogar einen Service-Auftrag über fünf Jahre sichern, der die komplette Offshore Konverterstation, die Plattform sowie das gesamte Onshore Konvertersystem abdeckt.

"Wir sind stolz darauf, mit unseren Projektteams und drei Standorten in Deutschland aus dem Bereich Energieübertragung, einen so wichtigen Beitrag zur Energiewende zu leisten", sagte Alf Henryk Wulf, Vorstandsvorsitzender der Alstom Deutschland AG.


Standort des Windparks
Foto: Infografik Die Welt Standort des Windparks
Das deutsche Stromnetz
  • Betreiber

    Das deutsche Stromnetz umfasst Autobahnen, Bundes-, Land- und Gemeindestraßen, über die der Strom zur Steckdose kommt. Es gibt vier Betreiber von Stromautobahnen, sogenannten Höchstspannungsleitungen: Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW. Sie speisen den Großteil des Stroms ein und verteilen ihn über lange Distanzen. Hinzu kommen rund 735 Verteilnetzbetreiber, darunter viele Stadtwerke, die den Strom vor Ort zum Verbraucher bringen.

  • Netze

    Das gesamte Stromnetz umfasst nach den neuesten Zahlen der Bundesnetzagentur 1,9 Millionen Kilometer. Über die Verteilnetze werden rund 97 Prozent der erneuerbaren Energien eingespeist – sie waren aber bisher nicht dafür ausgelegt, dass plötzlich überall auf dem Land Wind- und Solarstrom im großen Stil erzeugt wird. Die größte Herausforderung bei der Energiewende ist der Ausbau der Stromautobahnen.

  • Gliederung

    Das Netz gliedert sich gemessen an der Stromkreislänge wie folgt: Höchstspannung (380 Kilovolt): 34.797 Kilometer; Hochspannung (110 oder 60 kV): 95.022 Kilometer; Mittelspannung (30 bis 3 kV): 532.894 Kilometer; Niederspannung (400 oder 230 Volt): 1.241.361 Kilometer. dpa

Offshore-Wind-Ausbau
  • Beschlüsse

    Der Bundestag hat neue Haftungsregelungen für die Windpark- und Netzbetreiber beschlossen, mit denen der Ausbau der Windkraft auf hoher See in Schwung kommen soll. Die Verbraucher sollen dabei Risiken für die Investoren abfedern. Zudem soll der Zeitplan für den Netz-Anschluss der Windparks neu organisiert werden.

  • Verbraucher

    Ursprünglich sollte der Netzbetreiber für die Einnahmeausfälle eines Windparks haften, wenn er diesen zu spät oder fehlerhaft anschließt. Dieses Risiko gilt aber als nicht versicherbar, so dass der Ausbau nicht vorankam. Jetzt sollen die Verbraucher das Risiko „versichern“ und dafür maximal 0,25 Cent pro Kilowattstunde extra zahlen. Große Verbraucher über eine Million Kilowattstunden zahlen nur 0,05 Cent. Mit der Gesamtsumme von dann etwa 750 Millionen Euro pro Jahr sollen auch bereits aufgelaufenen Verzögerungen abgefangen werden. Wenn der Verbraucher einspringt, läuft allerdings auch der Förderzeitraum für den Offshore-Strom entsprechend früher aus. Der Verbraucher hält also am Ende der Förderspanne sein Geld wieder – allerdings unverzinst.

  • Windparkbetreiber

    Bevor der Stromkunde zahlen muss, kommt aber zunächst in eingeschränktem Umfang der Windparkbetreiber in Haftung. Entschädigungen erhält er bei einer Panne erst ab dem 11. Tag eines Netzausfalls, pro Jahr haftet er für 18 Tage. Dazu kommen aber weitere zehn Tage bei Netz-Wartungsarbeiten, für die er nicht entschädigt wird. Zusammen sind dies also bis zu 28 Tage im Jahr.

  • Netzbetreiber

    Auch der Netzbetreiber muss abgestuft in beschränktem Ausmaß mit ins Risiko gehen. Hier gilt eine Obergrenze von 110 Millionen Euro im Jahr bei grober Fahrlässigkeit. Bei leichter Fahrlässigkeit sind es 17,5 Millionen Euro pro Fall.

  • Zeitplan

    Eigentlich waren die Netzbetreiber verpflichtet, den Anschluss eines Windparks 30 Monate nach Investitionsbeschluss zu garantieren. Dies ändert sich nun: Netzbetreiber, für den Ausbau-Schwerpunkt Nordsee ist dies die niederländische Tennet, erhalten mehr Spielraum. Sie legen einen Zeitpunkt im Rahmen eines Netzentwicklungsplan fest, an dem der Anschluss steht. 30 Monate vor diesem Termin gilt sie als verbindlich, so dass dann der Windparkbetreiber seine endgültige Investitionsentscheidung treffen und bauen kann. Verzögert sich dann der Netzanschluss dennoch, greifen die Entschädigungen der Haftungsregelung. Reuters

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