01.01.13

Gentrifizierung

Thierse nimmt sich Berliner Schwaben zur Brust

Der Bundestags-Vizepräsident vom Prenzlauer Berg moniert den wachsenden Zuzug aus dem Ländle. Von dort aus wird zurückgekeilt.

Foto: dapd
SPD-Bundestagsfraktion
Ihm schmecken die Schwaben in seinem Berliner Heimatbezirk offenbar nicht: Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages Wolfgang Thierse

Stuttgart/Berlin. Nach den Lästereien von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) über Schwaben in Berlin macht sich im Ländle Empörung breit. "Wir in Baden-Württemberg profitieren sehr von unseren Migranten. Auch beim Essen. Das tut den Berlinern auch gut", sagte Verdi-Landeschefin und SPD-Landesvize Leni Breymaier am Montag in Stuttgart nach der Schelte ihres Parteifreundes. "Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich. Denn wir zahlen da ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich ein", erklärte Baden-Württembergs früherer Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) in der "Bild"-Zeitung.

Thierse, der seit 40 Jahren im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wohnt, hatte sich in einem Interview mit der "Berliner Morgenpost" (Montag) über die zahlreichen zugezogenen Schwaben in seinem Heimatbezirk ausgelassen. "Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken", sagte er. "In Berlin sagt man Schrippen – daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen." Ebenso störe es ihn, wenn ihm in Geschäften "Pflaumendatschi" angeboten würden. "Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen", sagte Thierse der Zeitung.

Der aus Bad Urach (Kreis Reutlingen) stammende Grünen-Chef Cem Özdemir sagte der "Bild", viele Schwaben kämen zum Arbeiten nach Berlin. "Die Berliner sollen uns Schwaben dankbar sein und nicht über uns lästern wie Herr Thierse." Schriftstellerin Gaby Hauptmann meinte, die Schwaben seien in der Hauptstadt hoch angesehen. "Wenn der Herr Thierse das nicht versteht, macht er was falsch."

Der Bundestagsvizepräsident hatte von den zugezogenen Schwaben ein grundsätzliches Umdenken gefordert: "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", schimpfte Thierse. "Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause – das passt nicht zusammen."

Schon länger waren in Berlin in aller Öffentlichkeit Proteste gegen Schwaben lauter geworden. Schlagzeilen löste ein Brandstifter aus, dem zunächst vorgeworfen worden war, aus "Schwaben-Hass" einen Kinderwagen angezündet zu haben. Vor Gericht bestritt er dieses Motiv. Zu Verstimmungen kam es auch wegen Plakaten und Wand-Schmierereien wie "Schwaben raus".

(dpa)
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