27.10.12

Nahtoderfahrung

Sieben Tage im Koma: Einmal Jenseits und zurück

Stinkender Urschlamm, Blumen, Engel, lachende Menschen: Ein Hirnforscher der Uni Harvard schildert seine Nahtoderfahrungen in einem Buch.

Foto: picture alliance
Betörend-verstörend schildert Hirnforscher Eben Alexander Nahtoderfahrungen, die er während eines siebentägigen Komas machte
Betörend-verstörend schildert Hirnforscher Eben Alexander Nahtoderfahrungen, die er während eines siebentägigen Komas machte (Symbolbild)

Washington. Da war die Unterwelt wie "schmutzige Götterspeise", die nach Exkrementen, Erbrochenem und Blut roch, ein dunkler, feuchter Ort, im Hintergrund rhythmisches Pochen, fern, aber laut wie Metall auf Metall. Der Erzähler steckte da drin, nicht als Person, sondern wie ein Wurm oder ganz körperlos, einfach nur seiend. Aber dann kam von oben etwas, "nicht kalt oder tot oder dunkel, sondern das exakte Gegenteil davon". Rundum weißgoldenes Licht, die Finsternis zerfaserte und verschwand, Musik ertönte, lebendig, komplex, die wunderbarste, die er je hörte. Er fuhr an den Strahlen hinauf, in die fremdeste, beglückendste Welt, die er je sah. Blumen, lachende Menschen, Schmetterlinge und ein wunderschöner Engel an seiner Seite.

So betörend-verstörend schildert Eben Alexander in seinem gerade erschienenen Buch "Proof of Heaven" (Beweis des Himmels) Nahtoderfahrungen, die er während eines siebentägigen Komas machte.

Etliche Menschen haben schon über Momente zwischen Leben und Tod berichtet, über dunkle Gänge, gleißendes Licht und Begegnungen mit göttlichen Wesen. Das Besondere an "Proof of Heaven" ist der Umstand, dass Alexander ein renommierter Harvard-Wissenschaftler und Hirnexperte ist, der ähnliche Erlebnisse häufig von Patienten zu hören bekam und als Fantasie abtat. Jetzt ist der 58-Jährige sicher, dass es sich nicht um Einbildungen handelte. "Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass der Tod des Körpers und des Hirns nicht das Ende des Bewusstseins sind, dass der Mensch Erfahrungen macht über den Tod hinaus", schreibt Alexander, der mit seiner Frau und zwei Söhnen in Virginia lebt.

Er, der immer gesund war, wachte eines Morgens im November 2008 mit unerklärlichen Kopfschmerzen auf, erlitt kurz danach eine Art epileptischen Anfall und verlor das Bewusstsein. Im Krankenhaus wurde eine bei Erwachsenen praktisch unbekannte Form von Meningitis diagnostiziert. Kolibakterien griffen das Hirn an und legten es lahm. Angesichts des fast siebentägigen Komas bescheinigte der behandelnde Arzt Scott Wade in einem Gutachten eine "Mortalität von über 97 Prozent".

Alexanders Körper lag wie tot und an Schläuche angeschlossen auf der Intensivstation. Der Neocortex, der Sinneseindrücke verarbeitende Teil der Großhirnrinde, reagierte nicht mehr. Denken und Wahrnehmungen sind in diesem Zustand unmöglich. Eigentlich. Doch Alexanders Bewusstsein unternahm eine weite und lange Reise in eine Welt, in der Zeit und Distanz keine Bedeutung hatten.

Er sei "inmitten von Wolken" gewesen, schreibt Alexander, und der Himmel komme so lieblich daher wie sonst nur in den Vorstellungen von Kindern. Die Wolken seien "groß, plüschig, rosa-weiß" gewesen und "hoben sich deutlich ab vom tiefen dunkelblauen Himmel". Dort habe er Gott getroffen und mit ihm kommuniziert, in einer direkten, telepathischen Form, die ihn gar nicht überraschte, so der Autor. Er nennt Gott "Om", denn "das war der Ton, den ich noch in Erinnerung habe und verbinde mit dem allwissenden, allmächtigen und bedingungslos liebenden Gott, aber alle Beschreibungen reichen nicht".

Ein Engel begleitete Alexander seit seinem Aufstieg aus dem stinkenden Urschlamm, ein wunderschönes junges Mädchen, das ihn wissen ließ: "Du wirst geliebt und geschätzt, herzlich, für immer. Du musst nichts fürchten. Du kannst nichts falsch machen."

Später, nach seinem unerwarteten Aufwachen aus dem Koma, bekam Alexander, den seine minderjährige Mutter als Baby zur Adoption freigegeben hatte, erstmals das Foto einer leiblichen Schwester geschickt, die gestorben war, bevor er sie kennenlernen konnte. Das Mädchen und seine Schwester sind identisch, stellt er fest.

Als Neurochirurg der strengen Ratio verpflichtet, zweifelte Alexander religiöse Offenbarungen an. Die Botschaft der "bedingungslosen Liebe", die er durch die Nahtoderfahrung erhielt, hat alles verändert - und aus seiner Sicht doch nicht die Wissenschaft entkräftet. Alexander führt Werner Heisenberg (1901-1976) an, der in der Quantenphysik die Theorie aufstellte, auf einer Ebene unterhalb der Atome sei alles mit allem verbunden, der Beobachtende mit dem Projekt der Beobachtung.

Während Alexander im Koma lag, gingen die Ärzte davon aus, dass er - wenn überhaupt - mit einem dauerhaft geschädigten Gehirn aufwachen würde. Am Morgen des siebten Tages planten sie, binnen zwölf Stunden die Zufuhr der Antibiotika abzustellen, die in seinem Hirn die aggressiven Bakterien bekämpften. Da stürzte der zehnjährige Sohn zum Krankenbett, umarmte den leblosen Vater und rief: "Du wirst wieder gesund!" Alexander öffnete die Augen, schluckte, ließ sich den Atemschlauch entfernen und sagt: "Danke." So schildert er es im Buch.

Wunder sind möglich. Die vollständige Gesundung eines Patienten von einer Infektion, die als tödlich galt und zumindest dauerhafte Behinderung nach sich zu ziehen drohte, ist ein von Medizinern beurkundeter Beweis dafür. Den Himmel und die Engel sah nur Eben Alexander. Für alle anderen beginnt hier das weite Feld von Glauben oder Nichtglauben.

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