Störfall in französischem Atomkraftwerk Wasserleitung im Kühlsystem verstopft - Atommeiler vom Netz

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Eine verstopfte Wasserleitung löste den Notfallplan aus. Experten sprechen vom schwersten Zwischenfall seit vier Jahren.

Lyon. Im Südfrankreich hat sich der schwerste Zwischenfall in einem Atomkraftwerk seit vier Jahren ereignet. Einer der vier Reaktorblöcke im Akw Cruas in der Nähe von Montélimar wurde in der Nacht zum Mittwoch wegen eines Problems im Hauptkühlsystem vorübergehend vom Netz genommen, wie die Atomaufsichtsbehörde ASN mitteilte. In Deutschland wurde seit 2001 kein vergleichbar schwerer Störfall mehr gemeldet. Der französische Energiekonzern EDF löste in der Nacht seinen Notfallplan aus, nachdem eine Wasserleitung im Kühlsystem verstopft war, wie die Aufsichtsbehörde erklärte. Die Zufuhr war demnach durch Treibgut blockiert, das auf dem Fluss Rhône angeschwemmt wurde. Eine Gefahr für die Bevölkerung oder die Umwelt habe nicht bestanden. EDF habe am Morgen mitgeteilt, dass das Kühlsystem wieder funktioniere. Der Reaktorkern sei von dem Ausfall nicht betroffen gewesen, sagte der stellvertretende ASN-Chef, Olivier Gupta. Er sei "mit anderen Mitteln" gekühlt worden.

EDF sei als Betreiber der 58 französischen Kernkraftreaktoren auf derartige Ereignisse vorbereitet, erklärte die Atomaufsicht. Der nächtliche Störfall habe gezeigt, dass das vorgeschriebene Vorgehen in einem solchen Fall "gut funktioniert". Die Behörde stufte den Zwischenfall auf Stufe zwei der internationalen Meldeskala INES ein, also in die dritte von insgesamt acht Kategorien. Dies bedeutet, dass es sich im Gegensatz zu einem nur meldepflichtigen "Ereignis" oder einer "Störung" um einen "Störfall" handelt. Nach der INES-Skala setzt dies zumindest einen "begrenzten Ausfall der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen" voraus. Die französischen Grünen erklärten nach dem Störfall in Cruas, die von EDF und dem Atomkonzern Areva gerühmte Sicherheit sei in Wahrheit "nur ein zerbrechliches Marketingkonzept". Frankreich sei schon mehrere Male "an sehr schweren Unfällen" vorbeigeschrammt, auch wenn darüber nicht geredet werde. "Kernkraft ist gefährlich", erklärte die Partei. "Eine sichere und erneuerbare Energielandschaft ist möglich."

Mitte Oktober hatte sich in Frankreich ein Störfall der gleichen Kategorie ereignet, allerdings nicht in einem Atomkraftwerk. Im südfranzösischen Cadarache wurde beim Abbau einer Atomfabrik kiloweise hochgefährliches Plutonium entdeckt, das nirgendwo verzeichnet war. Für Schlagzeilen hatten vergangenes Jahr zwei Vorfälle in der flussabwärts gelegenen Atomanlage Tricastin gesorgt. Erst liefen im Juli 2008 sechs Kubikmeter uranhaltige Flüssigkeit aus und gelangten in die Umwelt. Kurz darauf verkeilten sich beim Austausch von Brennelementen zwei der uranhaltigen Behälter. Beide Vorfälle wurden aber nur als "Störung" der Stufe eins bewertet.

Der letzte Störfall der Stufe zwei in einem französischen Atomreaktor wurde 2005 gemeldet. In Deutschland gab es im August 2001 im baden-württembergischen Kernkraftwerk Philippsburg zwei Vorfälle mit dem Notkühlsystem, die als vergleichbar schwerer "Störfall" eingeordnet wurden.