Berliner Rentner besetzen Villa

Bezirksamt will Seniorenklub aus Kostengründen schließen. Doch die Pankower nehmen sogar eine Räumung in Kauf

Berlin. Stille Straße - lauter Protest. Auf einem weißen Transparent, das in der Stillen Straße 10 in Berlin-Pankow am Gartenzaun hängt, steht in roter Schrift "Dieses Haus ist besetzt". Waren es bisher meist junge Leute, die diese Form des Widerstands nutzten, sind es in diesem Fall 30 Berliner Rentner, die für den Erhalt ihres Seniorenklubs kämpfen.

Doch das Bezirksamt Pankow hat andere Pläne. Es beschloss Anfang des Jahres, dass im Haushalt kein Geld für die umfangreiche Sanierung der Begegnungsstätte sei. Für geschätzte 2,5 Millionen Euro müsste es umgebaut werden, sagt Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne), denn neuere Brandschutzmaßnahmen fehlen, das Haus ist nicht barrierefrei. Die Behörde will deswegen die lukrative Liegenschaft verkaufen oder verpachten, die Angebote für die Senioren sollen in verschiedene andere Gebäude verlegt werden. Doch genau das wollen die Widerständler mit der Besetzung verhindern. "Man hat uns andere Orte genannt, an denen die Kurse stattfinden sollen." In einem Jugendtreff, in einem anderen Seniorenheim und in einer Kita - dort sind die Senioren aber nicht willkommen.

In der Villa haben die Senioren ihren Widerstand gut organisiert. Nachts verteilen sie sich auf die einzelnen Räume. Die Gruppenräume funktionierten sie zu Schlaf- und Wohnräumen um. Sechs bis sieben Senioren wechseln sich Nacht für Nacht ab. "In jedem Zimmer schläft einer von uns, wir haben sonst Angst, dass vielleicht einer durchs Fenster steigt", sagt Aktivistin Brigitte Klotsche. An die Fensterrahmen hat sie ihre Matratze gelehnt. Sie campiert gemeinsam mit ihrem Mann in dem Gruppenraum. Über einem kargen Lattenrost aus Holz hängen zwei grüne Schlafsäcke. "Das Übernachten ist schon sehr gewöhnungsbedürftig." Aber aufgeben, so viel ist klar, werde man nicht. Auch Margret Pollak will durchhalten. "Wir haben einen langen Atem", sagt die einstige OP-Schwester. Weil der Warmwasserboiler kaputt ist, müssen die Rentner mit kaltem Wasser vorliebnehmen. Aber das schreckt sie nicht. Pollak kommt seit vier Jahren an die Stille Straße 10. Sie gehört zum Klubvorstand des Seniorentreffs, kümmert sich zum Beispiel um Geburtstage. Sie erzählt von Faschingsfeier, Frühlingsfest und Weihnachtsfeiern, die die Rentner im Haus organisieren. "Der Treff ist mein zweites Zuhause." 43 Jahre lang habe sie gearbeitet. "Wir werden alle älter. Da braucht man Kontakte zu anderen."

Im Gruppenraum riecht es nach Äpfeln und Schnittblumen. Von dem Chaos, das herrscht, wenn junge Leute etwas besetzen, ist nichts zu sehen. Auf dem Tisch steht ein Teller mit selbst gebackenem Marmorkuchen. An der in hellem Gelb gestrichenen Wand hängen Aquarelle. In der Küche sind zwei Hausbesetzerinnen gerade dabei, das Mittagessen zuzubereiten. Es gibt Salat und Hühnereintopf mit Nudeln. "Wir achten sehr auf gesundes Essen und Vitamine, damit wir die Hausbesetzung durchhalten", erzählt Klotsche. Denn so viel sei klar, aufgeben werde man auf keinen Fall, sagt sie kämpferisch: "Wir sind bereit, das Risiko einer Räumung einzugehen."

Der Älteste im Haus ist ein 96-Jähriger. Er nahm an den Gymnastikkursen im Keller teil. Dort gab es Matten, Bälle, Hanteln und Stangen. Auch während der Besetzung sollten die Kurse weiterlaufen - doch das Bezirksamt hat die Kellerräume abschließen lassen, sagt Mitinitiatorin Doris Syrbe. "Wir mussten die, die zum Kurs gekommen sind, wieder nach Hause schicken." Seit 1. Juli sind die Angebote offiziell eingestellt. "Wir haben uns gedacht, wenn wir nach unserem letzten Treffen die Einrichtung Ende Juni zumachen, kommen wir nicht mehr rein."

Unterstützung bekommen die Hausbesetzer von allen Seiten. Brigitte Klotsche, 73, findet die Solidarität wirklich überwältigend. "Jugendliche haben uns Kuchen vorbeigebracht" - und Tipps für den Widerstand gegeben. "Ihr braucht große Plakate, haben sie uns gesagt und uns welche gemalt." Nachbarn bringen Kaffee und Kuchen, Schüler haben angeboten, den Zaun zu streichen. Eine junge Frau, die ihren Hund Gassi führt, fragt, ob die Senioren was zum Essen brauchen. Eine Bibliothekarin bringt Äpfel vorbei. Eine 47-Jährige hat eine Mail geschrieben: "Ich verstehe Ihre Wut, ich werde ja auch mal Rentnerin und bin dann froh über einen Ort zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Sie haben meine volle Hochachtung."

Die Fronten sind verhärtet, seit es vergangene Woche zu einer kleinen Rangelei zwischen einem Hausmeister und einem jungen Unterstützer gekommen ist. Für morgen hat die zuständige Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) die Besetzer zu einem Gespräch eingeladen. Doch diese haben abgelehnt, fordern ein Treffen in der Villa, da sie fürchten, das Amt könnte in der Zwischenzeit die Schlösser auswechseln. "Die Einladung gilt - aber es meldet sich hier niemand vom Amt", sagt Margret Pollak, 67.

Das Haus mit dem typischen DDR-Spritzputz und seinem verwunschenen Garten und dem offenen hölzernen Tor steckt voller Geschichte. Stasi-Chef Erich Mielke hat hier in den 1950er-Jahren gelebt, 1971 ist es zum Dienstobjekt des Ministeriums für Staatssicherheit geworden, das den "Transitstraßenverkehr" kontrolliert hat. Erst ab 1998 wurde es zum Seniorenfreizeittreff, in dem von Montag bis Freitag mehr als 300 Rentner die Angebote nutzten, Spanisch lernten, Canasta oder Bridge spielten, an Computerkursen teilnahmen. Unweit der Stillen Straße, die von Neubauten im Bauhausstil gesäumt wird, im Majakowskiring, hat die DDR-Elite gewohnt, auch Walter Ulbricht. Hier sind jetzt viele schicke neue Stadtvillen entstanden - mit Luxuslimousinen vor den Einfahrten.

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