01.09.12

Paralympics

Deutsches Silber und tosender Applaus für Dschibuti

Deutsche Dressurreiter holen Silber und Bronze. Houssein Omar Hassan aus Dschibuti wird frenetisch gefeiert. Cundy holt doch Bronze.

Foto: Getty Images
Dressurreiterinnen Britta Näpel (Foto) und ihre Kollegin Angelika Taubert sicherten sich am Sonnabend Silber und Bronze in der Championatsaufgabe
Dressurreiterinnen Britta Näpel (Foto) und ihre Kollegin Angelika Taubert sicherten sich am Sonnabend Silber und Bronze in der Championatsaufgabe

London. Auf die deutschen Dressurreiter ist Verlass. Britta Näpel und Angelika Taubert sicherten sich in der Championatsaufgabe Silber und Bronze. Und auch die Leichtathleten starteten nach dem Doppelsieg der Weitspringer vom Vorabend beschwingt in den Tag, Heinrich Popow gewann über die 200 Meter Bronze.

"Das war schon beim Reiten ein unbeschreibliches Gefühl, ich bin noch nie vor so einer Kulisse geritten, einfach saugeil", sagte Reiterin Näpel und wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. Im Sattel ihrer geliehenen Stute Aquilina zeigte die 44-Jährige, die seit einer Vergiftung durch Insektenschutzmittel an spastischen Lähmungen leidet, einen harmonischen Ritt im Viereck.

+++Rehm gewinnt mit Weltrekord Gold, Radsportler Graf Silber+++

+++Gold bei Paralympics so viel wert wie ein halber Olympiasieg+++

Vor vier Jahren hatte die Langenhagenerin in der Championatsaufgabe gewonnen und dem deutschen Team die erste Goldmedaille in Hongkong beschert. "Eigentlich habe ich das Pferd aus einer Notlage heraus bekommen, weil meines zu den Weltreiterspielen 2010 nicht fit war. Dass es dann hier so klappt, ist einfach unglaublich", sagte die Pferdewirtschaftsmeisterin.

Den deutschen Erfolg beim Sieg der Britin Natasha Baker komplettierte Angelika Taubert auf Ariva Avanti. "Wir haben das Beste aus uns herausgeholt. Ich bin total glücklich, dass es heute so gut lief", sagte die 44-Jährige, die ohne Beine und nur mit drei Fingern an der rechten Hand auf die Welt kam. Beim Team-Test vor zwei Tagen hatten die Beiden vor den Preisrichtern im Greenwich-Park noch nicht überzeugt. "Ariva Avanti war wegen der Kulisse so nervös", erklärte sie.

Nach dem undankbaren vierten Platz im Weitsprung gewann Heinrich Popow überraschend über die 200 Meter seine erste Medaille. "Heute Nacht hatte ich wahnsinnige Krämpfe und habe nur drei Stunden geschlafen. Dass ich dann hier heute Morgen meine Bestleistung noch mal eine Sekunde runterschrauben konnte, ist der Wahnsinn, und das auf der Innenbahn. Die Kurve hat sich so geil angefühlt", sagte der oberschenkelamputierte Leverkusener, der mit 25,90 Sekunden Bronze holte. Aufgrund seiner Behinderung war Popow den in derselben Startklasse angetretenen beidseitig Amputierten eigentlich unterlegen, weil diese mit zwei Prothesen Laufenden in der Regel einen runderen Laufstil haben. Den Sieg holte der favorisierte Richard Whitehead aus Großbritannien, der in 24,38 Sekunden einen neuen Weltrekord aufstellte.

Doch Bronze für Cundy

Der britische Bahnradfahrer Jody Cundy hat nun doch noch seine Medaille bei den Paralympics in London gewonnen. Einen Tag nach seiner denkwürdigen Disqualifikation im Zeitfahren über 1000 m holte er im kleinen Finale der Einer-Verfolgung über 4000 m seinen Kontrahenten Diego Duenas Gomez (Kolumbien) ein und sicherte sich dadurch immerhin den dritten Platz. Das Rennen um Gold entschied der Rumäne Carol-Eduard Novak gegen Jiri Jezek (Tschechien) für sich.

Für den rechtsseitig unterschenkelamputierten Cundy dürfte die Bronzefahrt allerdings nur ein schwacher Trost gewesen sein, nachdem er am Freitag als Goldfavorit gescheitert war. Nachdem Cundy aus dem Startblock geschlingert war und den Kampf gegen die Uhr abgebrochen hatte, verweigerte die Jury dem Weltrekordler in seiner Klasse einen Neustart, da kein technischer Fehler vorgelegen habe.

Daraufhin rastete der zweimalige Paralympics-Champion auf der Bahn - hinzu kommen noch drei Triumphe im Schwimmbecken - völlig aus und beschimpfte die Offiziellen. Allerdings entschuldigte sich Cundy wenig später auf einer wegen des Vorfalls anberaumten Pressekonferenz für seine unflätigen Bemerkungen.

Frenetisch gefeiert

Sieben von acht Athleten des 1500-Meter-Laufs waren schon im Ziel und in den Katakomben des Londoner Olympiastadions verschwunden, als 80.000 Zuschauer hochsprangen und immer euphorischer klatschten und brüllten. Der Beifall galt Houssein Omar Hassan. Er war der erste Sportler aus Dschibuti, der je bei Paralympics antrat.

Der einarmige Sportler lief nur im Schritttempo, benötigte für die knapp vier Stadionrunden 11:23,50 Minuten und war damit fast dreimal so lange wie der Sieger unterwegs. Auf den beiden Schlussrunden war der 35-Jährige allein auf der Bahn – beflügelt vom frenetischen Applaus der Zuschauer, die ihn im Ziel feierten wie einen Paralympics-Champion.

Nach einem Wechselbad der Gefühle und peinlichen Fehlurteilen der Kampfrichter hat auch die deutsche Sprinterin Claudia Nicoleitzik Bronze über 200 m gewonnen. Die 22-Jährige aus Püttlingen, die in Peking vor vier Jahren zwei Silbermedaillen gewonnen hatte, war über 200 m als Vierte ins Ziel gekommen.

Danach wurde sie zunächst wegen einer Verwechslung disqualifiziert, fühlte sich dann aber schon als Dritte, als sie hörte, dass die Argentinierin, die sie blockiert hatte, stattdessen disqualifiziert wird. Die Rennleitung schloss aber zunächst in einer weiteren Verwechslung Nadia Schaus statt ihrer Landsfrau Yanina Andrea Martinez aus und führte Nicoleitzik im ersten offiziellen Endergebnis weiterhin als Vierte. Erst als der erneute Irrtum auffiel, rückte die Saarländerin auf den Bronzerang vor.

Auch für Heinrich Popow war es ein denkwürdiger Tag. Er hatte wegen Krämpfen fast die ganze Nacht nicht geschlafen, erwischte als "mieser Kurvenläufer" die Innenbahn und war seit 19 Monaten nicht über 200 m gelaufen - und dennoch gewann Popow Bronze. "Ich hatte heute einfach Eier", sagte der 29-Jährige schmunzelnd: "Normalerweise sterbe ich nach 120 Metern, aber die Zuschauer waren so geil, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie ich sterbe."

Eklat bei den Paralympics

Weil kein Platz für seinen Begleithund Cosby vorhanden gewesen sei, soll einem ehemaligen Minister Großbritanniens der Eintritt zur Eröffnungsfeier verweigert worden sein. Laut der "Daily Mail" habe das Organisationskomitee Untersuchungen aufgenommen, wie es zu dem Fauxpas kommen konnte. "Mein Beispiel zeigt, vor welchen Herausforderungen unsere Gesellschaft im Umgang mit behinderten Menschen immer noch steht", sagte der von Geburt an blinde Parlamentarier David Blunkett der Zeitung.

Der querschnittsgelähmte Kölner Nikelis erreichte durch ein 3:0 gegen den Briten Pat Davies das Finale seiner Klasse im Tischtennis und hat damit auch mindestens Silber sicher. Um Gold kämpft er am Montag um 12.45 Uhr MESZ im Finale gegen den Franzosen Jean-Francois Ducay. Dagegen haben Stephanie Grebe und Thomas Schmidberger das Endspiel verpasst. Sie spielen nun um Bronze. Bronze verpasst hat Judoka Oliver Upmann, der in der Klasse bis 100 kg das "kleine Finale" gegen den Russen Wladimir Fedin verlor.

Wojtek Czyz fehlten nach dem Weitsprung am Vorabend, wo er als bester Oberschenkel-Amputierter Silber hinter dem Leverkusener Markus Rehm gewonnen hatte, die Kräfte. "Es ist einfach beschissen gelaufen", sagte der Kaiserslauterer, der über 200 m 2004 in Athen Gold gewonnen hatte: "Meine Zeit ist eine klare Enttäuschung, aber ich konnte einfach nichts mehr entgegensetzen." Nun will sich Czyz auf die 100 m am Freitag "in Ruhe vorbereiten und nochmal angreifen."

Pistorius startet mit Weltrekord

Stelzen-Sprinter Oscar Pistorius hat bei seinem ersten Start bei den Paralympics in London die Zuschauer von den Sitzen gerissen. Im Halbfinale über 200 m lief der "Blade Runner" in 21,30 Sekunden Weltrekord. Dabei blieb der 25-Jährige aus Südafrika, der bei seinem Olympia-Start im Halbfinale über 400 m ausgeschieden war, fast eine halbe Sekunde unter seiner bisherigen Bestzeit (21,76) und distanzierte die Konkurrenz in seinem Lauf um fast anderthalb Sekunden.

Im Endlauf am Sonntagabend um 21.15 Uhr Ortszeit (22.15 Uhr MESZ) steht in David Behre auch ein Deutscher. Der Leverkusener qualifizierte sich als Gesamt-Siebter für das Finale.

Mit Material von dpa, dapd und sid

Die Paralympics in Zahlen
Die XIV. Paralympics in Zahlen: Die Organisatoren um Mittelstrecken-Legende Sebastian Coe versprechen Paralympics der Superlative. Die "London 2012 Paralympic Games" sollen die größten in der 52-jährigen Geschichte der Behinderten-Weltspiele werden. Die Eckdaten der Paralympics:
4280 Athleten werden in 20 Sportarten an elf Wettkampftagen um insgesamt 503 Goldmedaillen kämpfen. In Peking 2008 waren es noch 3951 Sportler.
Die Rekordzahl von 2,5 Millionen Tickets wurde angeboten. Die Organisatoren rechnen damit, dass die Paralympics zum ersten Mal komplett ausverkauft sein werden.
580 Fackelträger werden die paralympische Flamme auf einem 24-stündigen Lauf getragen haben, wenn diese am Mittwochabend im Olympiastadion in Stratford bei der Eröffnungsfeier ankommt.
166 Nationen wollen teilnehmen. 16 davon geben ihr paralympisches Debüt – zum Beispiel Nordkorea und die Demokratische Republik Kongo.
1513 Frauen sind unter den Teilnehmern, mehr als jemals zuvor bei den 13 vorangegangen Paralympics und mehr als doppelt so viele wie in Barcelona 1992 (700 Teilnehmerinnen).
19 Wettkampfstätten wird es geben, in 17 davon wurde schon während Olympia um Medaillen gekämpft. Hinzu kommen zwei neue: die berühmte Motorsport-Rennstrecke Brands Hatch, wo die Straßenrad-Veranstaltungen stattfinden, und Eton Manor, ein Extra-Komplex im Olympiapark für die Rollstuhl-Tennis-Turniere.
6000 Medienvertreter werden über die Paralympics aus London berichten.
1250 Dopingkontrollen sollen vorgenommen werden. Das ist eine Steigerung um 25 Prozent im Vergleich zu Peking 2008.
15 verschiedene 100-Meter Finals der Männer wird es in dem komplexen paralympischen Klassifizierungssystem mit verschiedenen Behinderungsgraden geben.
In einer Werkstatt sollen 15 000 Ersatzteile bereitliegen, um die Rollstühle, Prothesen und Orthesen für die Athleten schnell reparieren zu können (dpa).
Das deutsche Team für die Paralympics in London
Die 150 deutschen Athleten in London:
Bogenschießen (4 – 2/2): Matthias Alpers (Zeven), Maria Droste (Niedernberg), Katharina Schett (Dillingen), Maik Szarszewski (Illertissen)
Fechten (1 – 0/1): Simone Briese-Baetke (Dittwa
Gewichtheben (1 – 1/0): Mario Hochberg (Gotha)
Judo (5 – 3/2): Carmen Brussig (Schwerin), Ramona Brussig (Lachen), Sebastian Junk (Plankstadt), Matthias Krieger (Neckarsulm), Oliver Upmann (Hörstel)
Leichtathletik (33 – 14/19): David Behre (Leverkusen), Reinhold Bötzel (Hannover), Marie Brämer- Skowronek (Magdeburg), Marianne Buggenhagen (Bernau), Siena Christen (Freital), Wojtek Czyz (Kaiserslautern), Laura Darimont (Köln), Sebastian Dietz (Herford), Michaela Floeth (Schlitz), Isabelle Foerder (Eisenach), Ali Ghardooni (Magdeburg), Katrin Green (Oklahoma City/USA), Maike Hausberger (Butzweiler), Frances Herrmann (Lübbenau), Ulrich Iser (Sangerhausen), Birgit Kober (München), Vanessa Low (Leverkusen), Sandra Mast (Dornstetten), Mathias Mester (Köln), Claudia Nicoleitzik (Völklingen-Wehrden), Heinrich Popow (Leverkusen), Markus Rehm (Leverkusen), Jana Schmidt (Klocksin), Matthias Schröder (Berlin), Marc Schuh (Bergisch Gladbach), Matthias Schulze (Leipzig), Maria Seifert (Erfurt), Tamira Slaby (Essen), Niels Stein (Berlin), Frank Tinnemeier (Lemgo), Thomas Ulbricht (Salzwedel), Martina Willing (Brandenburg), Ilke Wyludda (Halle/Saale)
Radsport (15 – 10/5): Kerstin Brachtendorf (Riva/Gardasee/ITA), Hans-Peter Durst (Dortmund), Tobias Graf (Loßburg), Henrike Handrup (Wuppertal), Bernd Jeffré (Barmissen), Vico Merklein (Babenhausen), Norbert Mosandl (Neumarkt), Wolfgang Sacher (Penzberg), Denise Schindler (Richmond/CAN), Michael Teuber (Dietenhausen), Dorothee Vieth (Hamburg), Steffen Warias (Tübingen), Max Weber (Obergünzburg), Erich Winkler (Geisenhausen), Andrea Eskau (Bergheim)
Reiten (5 – 1/4): Hannelore Brenner (Wachenheim), Britta Näpel (Wonsheim), Angelika Trabert (Dreieich), Lena Weifen (Bösel), Steffen Zeibig (Arnsdorf)
Rudern (5 – 3/2): Tino Kolitscher (Halle/Saale), Astrid Hengsbach (Hagen), Kai- Kristian Kruse (Hamburg), Anke Molkenthin (Ainring-Hammerau), Johannes Schmidt (Offenbach)
Schwimmen (21 – 10/11): Kirsten Bruhn (Wasbek), Christoph Burkard (Zimmern-Horgen), Annke Conradi (Regensburg), Tanja Gröpper (Düsseldorf), Niels Grunenberg (Berlin), Sebastian Iwanow (Leverkusen), Julia Kabus (Berlin), Elena Krawzow (Bamberg), Andre Lehmann (Werder/Havel), Lucas Ludwig (Berlin), Swen Michaelis (Leipzig), Tobias Pollap (Hattingen), Christiane Reppe (Berlin), Torben Schmidtke (Potsdam), Maike Naomi Schnittger (Preußisch-Oldendorf), Verena Schott (Berlin), Daniela Schulte (Berlin), Martin Schulz (Leipzig), Daniel Simon (Berlin), Vera Thamm (Haltern am See), Stefanie Weinberg (Leipzig)
Segeln (4 – 4/0): Heiko Kröger (Jersbek), Jens Kroker (São Paulo/BRA), Siegmund Mainka (Borken), Robert Prem (Berlin)
Sitzvolleyball (10 – 10/0): Herren: Sebastian Czpakowski (Wuppertal), Stefan Hähnlein (Leverkusen), Christoph Herzog (Leipzig), Thomas Renger (Dormagen), Barbaros Sayilir (Leverkusen), Torben Schiewe (Nienhagen), Alexander Schiffler (Leipzig), Peter Schlorf (Berlin), Jürgen Schrapp (Leverkusen), Heiko Wiesenthal (Koblenz)
Schießen (8 – 6/2): Norbert Gau (Erdweg), Frank Heitmeyer (Bad Essen), Natascha Hiltrop (Heringen), Josef Neumaier (Altötting), Leopold Rupp (Berlin), Andreas Schäfers (Altenbeken), Jan Michael Schaub (Stadtallendorf), Manuela Schmermund (Niederaula)
Tennis (2 – 0/2): Sabine Ellerbrock (Bielefeld), Katharina Krüger (Berlin)
Tischtennis (12 – 11/1): Thomas Brüchle (Lindau), Werner Burkhardt (Bayreuth), Selcuk Cetin (Bad Kreuznach), Stephanie Grebe (Heidgraben), Jan Gürtler (Berlin), Dietmar Kober (Bischberg), Thomasz Kusiak (Köln), Holger Nikelis (Köln), Thomas Rau (Fehmarn), Thomas Schmidberger (Viechtach), Thorsten Schwinn (Münster), Jochen Wollmert (Stuttgart)
Basketball (24 – 12/12): Damen: Mareike Adermann (Essen), Annabel Breuer (Birkenhard), Annegrit Brießmann (Einhausen), Britt Dillmann (Gießen), Heike Friedrich (Obernburg), Maria Kühn (Stuttgart), Maya Lindholm (Hamburg), Marina Mohnen (Köln), Edina Müller (Hamburg), Gesche Schünemann (Gießen), Johanna Welin (München), Annika Zeyen (Hennef). Herren: André Bienek (Castrop-Rauxel), Thomas Böhme (Wettenberg), Thomas Gundert (Neuwied), Jan Haller (Wetzlar), Mathias Heimbach (Stadtbergen), Sercan Ismail (München), Dirk Köhler (Wetzlar), Andreas Kreß (Niedernberg), Björn Lohmann (Köln), Sebastian Magenheim (München), Dirk Passiwan (Konz), Sebastian Wolk (Frankfurt/Main)
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