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Sportplatz Hamburg

Etablierte Sportart im Wandel der Zeit

Handball in Hamburg – Tradition aus der Retorte?

Im Fußball müssen Traditionsvereine "Retortenklubs" weichen. Im Handball zeichnet sich ähnliches ab. Eine Betrachtung von Tobias Knaack.

Pascal Hens - einer der Stars, die mit dem Handball-Umzug nach Hamburg kamen.
Foto: dpa/DPA

Hamburg. Handball, neben dem großen Bruder Fußball die traditionelle und auch traditionell erfolgreiche und beliebte Mannschaftssportart Deutschlands. Doch nicht nur diese beiden Sportarten, auch der Begriff selbst hat in Deutschland Tradition – wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wird ihm im Bereich des Sports ein immenser Stellenwert beigemessen, und man könnte beinahe von einer Tradition zum Hang zur Tradition sprechen. Als Konterpart wird häufig der Begriff der „Retorte“ gewählt, der in den letzten Jahren zunehmend Einzug gehalten und an Bedeutung gewonnen hat. Im umgangssprachlichen Sinne bedeuten wir einer Sache damit, dass sie künstlich und planmäßig, also wohl kalkuliert hergestellt sei und keines natürlichen Ursprungs ist.

Als prominentestes Sportbeispiel muss dieser Tage immer wieder Fußballbundesligist 1899 Hoffenheim herhalten, das qua Gründungsjahr natürlich durchaus eine lange Tradition aufzuweisen hat, dessen derzeitiger sportlicher Erfolg aber eher auf der Grundlage des Mäzenatentums basiert. Aber auch der aktuelle deutsche Meister, der VfL Wolfsburg, dessen finanzieller Wohlstand wiederum eine andere Basis als die Hoffenheims hat, muss sich immer wieder dem Vorwurf erwehren kein Traditionsverein mit gewachsenen Strukturen, sondern vielmehr ein künstlich geschaffenes Produkt zu sein. Bundesweit, aber auch – oder gerade – in Hamburg mit seinen beiden Fußball-Traditionsvereinen entbrennt sich daran eine hitzige Diskussion, die zumindest in der vergangenen Saison mitunter auch weit unterhalb jeglicher denkbarer Gürtellinie geführt wurde.

Vergessen wird oft, dass es gerade hier in Hamburg auch zwei Mannschaften gibt, zumal in den hier auf Fußball folgenden Sportarten Handball und Eishockey, die alles andere als eine lange Tradition aufweisen können. Da wäre zum einen die Eishockeymannschaft der Hamburg Freezers, 2002 aus München an die Elbe umgesiedelt, und zum anderen die Handballer des HSV Hamburg, im selben Jahr aus Bad Schwartau immigriert. Und während im nordamerikanisch geprägten Eishockey die Umsiedlung ganzer Mannschaften als durchaus nicht unüblich gelten darf, ist der Umzug der Handballer aus dem eher provinziellen Bad Schwartau nach Hamburg auch als Versuch zu betrachten, den Handball in die Großstadt zu bringen, also etwas Künstliches in der Hansestadt zu etablieren.

Selbstverständlich haben wir es hierbei im Vergleich zum vorgenannten Beispiel der Hamburg Freezers nicht mit der kompletten Entwurzelung und Neuansiedlung eines Vereins zu tun (davon kann aufgrund der relativen Nähe Bad Schwartaus zu Hamburg nicht die Rede sein) und natürlich hinken sportartübergreifende Vergleiche, weil sie die jeweilige Situation einer Sportart und ihrer Vereine nur unzureichend skizzieren und pauschalisierend zusammenfassen. Und dennoch bleibt die Frage: Ist Hamburg eine Retorten-Handballstadt? Und wie so häufig lautet die Antwort: Ja und Nein. Darüber hinaus ist mit dieser Frage und mit der Entwicklung des HSV Hamburg ebenfalls die Frage nach der Entwicklung des Handballsports im Allgemeinen aufzuwerfen, steht der Verein doch für ein zumindest im Handball – anders als im Fußball – noch nicht all zu weit verbreitetes Konzept der Markenbildung und Eventisierung.

Zunächst einmal sprechen der enorme finanzielle sowie der logistische Aufwand, aber auch die hochgesteckten Ziele, die mit der Umsiedlung vom provinziellen Bad Schwartau in die Metropole Hamburg im Jahre 2002 verbunden sind, dafür, dass es sich beim HSV Hamburg um einen Retortenverein handeln müsse. Weitere Unterstützung erhält diese These durch das zunächst (entgegen jeder Erwartung und Schätzung) erschreckend geringe Zuschauerinteresse, also scheinbar nur schwach ausgeprägte Strukturen – eine Fehleinschätzung. Obwohl sowohl sportlich wie auch finanziell stark angeschlagen, wurde mit der Entscheidung, 2002 nach Hamburg umzuziehen, die Parole ausgegeben binnen der folgenden zwei Jahre Meister werden zu wollen – eine, wie sich sieben Jahre und keinen Meistertitel später herausstellt, recht großspurige Ankündigung und weitere Fehleinschätzung. Überhaupt schrammt der Verein auch nach dem Wechsel in die Hansestadt nun zwar nicht mehr sportlich, so doch aber immer wieder am finanziellen Ruin vorbei. Die dubiose Finanzierung von zunehmend mehr Starspielern und kritisch beäugte Lizenzierungsverfahren lassen zum damaligen Zeitpunkt bei Außenstehenden den Eindruck entstehen, dass das Projekt um jeden Preis gelingen muss. Mittlerweile hat sich der Verein vor allem sportlich, aber auch wirtschaftlich zunehmend konsolidiert und scheint in der Großstadt angekommen zu sein.

Dafür, dass der HSV Hamburg dann vielleicht doch nicht ein reiner Retortenverein ist, spricht auch die (beinahe in Vergessenheit geratene) Geschichte Hamburgs als Handballstadt. In der Tradition alter Polizeisportvereine spielte der PSV Hamburg vor dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere in den Jahren nach 1950 eine ganz dominierende Rolle in Deutschland, sowohl im Hallenhandball wie auch dessen Vorläufer, dem Feldhandball. Jeweils vier Mal gewinnen die Hamburger zwischen 1950 und 1955 die deutsche Feld- sowie die Hallenhandballmeisterschaft. Im heutigen Sinne einer Betriebssportmannschaft entstanden, entwickelte sich rund um Otto Maychrzak, aufgrund seiner Statur und Wurfkraft „Atom-Otto“ genannt, eine verschworene Gemeinschaft, die in Serie Sieg um Sieg errang. Noch heute treffen sich die Verbliebenen und sind somit Zeitzeugen gelebter Hamburger Handballgeschichte, auch wenn der Spitzenhandball für geraume Zeit nur zum Final Four zu Gast in der Hansestadt war.

Großstadtvereine im Handball sind unüblich. Sollte das Projekt in Hamburg gelingen, dürfte der HSV Hamburg Vorbild für Handball in der Großstadt werden, was Nachahmer finden wird. Gerade im Zuge immer weiter voranschreitender Eventisierung von Sportereignissen erscheint eine Entwicklung in diese Richtung als durchaus realistisches Szenario, so sehr darunter die alten Strukturen – vor allem sein tendenziell eher provinzieller Charakter – des Handballs auch leiden mögen und so sehr Fans alteingesessener Vereine dieses auch bedauern mögen. Und insofern sind sich auch hierin der Fußball- und der Handballsport wieder sehr ähnlich. Beide sind im unausweichlichen Zwiespalt zwischen ökonomischen Interessen auf der einen und traditionellen Werten auf der anderen Seite. Während im Fußball die wirtschaftlichen Interessen mittlerweile weit in Führung zu liegen scheinen, steht es im Handball zur Zeit noch unentschieden, das Momentum allerdings liegt auch hier auf Seiten von Verstädterung und damit einhergehender Ökonomisierung und Eventisierung. Ausgang offen.

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