Chefredaktion und Präsidium sind in Gesprächen - Verein verliert 100 000 Euro pro nicht gezeigter Partie.

Hamburg. St. Paulis Vereinsheim "Zügellos" an der Kollaustraße war am vergangenen Montag bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Grund: Teamchef Holger Stanislawski hatte seine Kiezkicker zum gemeinsamen TV-Abend versammelt. Die Mannschaft sollte sich das Montagabendspiel im Deutschen Sport Fernsehen (DSF) angucken, da in dieser Woche die Abstiegskonkurrenten VfL Osnabrück und 1. FC Kaiserslautern gegeneinander antraten.

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Dass St. Paulis Zweitligaprofis bald wieder selbst unmittelbar Beteiligte eines solchen TV-Livespiels werden, ist dagegen äußerst unwahrscheinlich. Und so kurios es klingen mag: Der Grund dafür sind die eigenen Anhänger, die den Fan-unfreundlichen Spieltermin am Montagabend strikt ablehnen.

Beim vorletzten Heimspiel gegen 1860 München am 10. März hatten zahlreiche Zuschauer mit Gesängen und mehreren "Scheiß-DSF"-Plakaten ihrem Unmut über St. Paulis erstes Montagsspiel der Saison optisch und akustisch Nachdruck verliehen. Eine Aktion, die bei Teilen der Fans, im Team, im Vorstand und besonders beim DSF alles andere als gut ankam.

Offiziell will sich beim Münchner Spartensender noch niemand zu den Hamburger Fan-Protesten äußern. Auf Nachfrage des Abendblatts heißt es lediglich, dass die Chefredaktion in Kürze persönliche Gespräche mit St. Paulis Präsidium führen wolle, nachdem es bereits mehrere Telefonate gegeben hätte. Doch wie das Abendblatt erfuhr, hat ein DSF-Mitarbeiter bereits zukünftige Montagsspiele am Millerntor wegen der rufschädigenden Fanproteste kategorisch ausgeschlossen. Theoretisch ist das zwar gar nicht möglich, da die Deutsche Fußball-Liga (DFL) über die Ansetzungen bestimmt. Doch praktisch darf das DSF der DFL eine Wunschliste mit Paarungen vorlegen, auf der Heimspiele des FC St. Pauli in Zukunft nicht mehr berücksichtigt werden dürften.

Eine Entscheidung, die Heiko Schlesselmann, St. Paulis Fan-Beauftragter, nicht nachvollziehen kann. "Niemand ist persönlich beschimpft worden", sagt er und ergänzt: "Es ist die journalistische Pflicht, sich mit der Realität auseinander zu setzen. Und die kritischen Fans sind nun mal da." Was für diese traditionell sehr aktiven Anhänger nun zunächst wie ein großer Erfolg aussieht, könnte sich schnell als Bumerang erweisen. Denn was einige Protestler wohl nicht bedacht hatten, ist, dass St. Pauli für jedes nicht gezeigte DSF-Livespiel Mehreinnamen in Höhe von knapp 100 000 Euro entgehen. Diese Summe nannte auch Stadionsicherheitschef Sven Brux in einem offenen Brief an die Fans, der im Fanmagazin "Übersteiger" veröffentlicht wurde. So soll es sich dabei nicht um TV-Einnahmen, sondern um Gelder, die von St. Paulis Sponsoren gesondert fließen, handeln. In dem Brief, der im Internet heiß diskutiert wird, fragt Brux: "Sind Banner mit der schlichten Aufschrift 'Scheiß DSF' das passende Niveau, um seinem Ärger Luft zu machen?", und "Welche Schwächung des Etats wollen wir in Kauf nehmen, um vermeintliche oder tatsächliche Ideale des 'unmodernen' Fußballs hochzuhalten?"

Letztgenannte Frage wurde in den vergangenen Wochen häufiger am Millerntor diskutiert. Zunächst, als sich die Mitglieder auf der Vollversammlung am 18. November im CCH gegen einen neuen Stadionnamen aussprachen. Wenig später erneut, als sich mehr als 70 Fanklubs zusammentaten, um gegen die Einführung des Millerntalers als Stadionzahlungsmittel zu votieren. Und aktuell ist nun also das DSF Feindbild Nummer eins.

Nach einer Beschwerde des Präsidiums an die eigenen Fans schlug Brux eine Diskussionsveranstaltung mit Vertretern des Vereins, von Fanorganisationen und vom DSF vor. Doch auch knapp einen Monat nach den Vorfällen ist es bei der Idee geblieben. Laut Schlesselmann laufen zumindest schon mal Gespräche über einen möglichen Termin.

Die Profis des FC St. Pauli dürften die DSF-Diskussion aufgrund der sportlich prekären Lage nur am Rande verfolgen. Immerhin hat der TV-Abend am vergangenen Montag für gute Laune gesorgt. Das lag aber weniger am Termin, als vielmehr am Ergebnis: Kaiserslautern, Konkurrent im Abstiegskampf, verlor 0:2 in Osnabrück. Wie viele St.-Pauli-Fans die Partie im DSF verfolgt haben, ist nicht bekannt.