28.06.12

EM 2012

Deutschland findet keine Mittel gegen den "blauen Fluch" Italien

Mario Balotelli besiegelt das Schicksal der guten deutschen Mannschaft. Mit einem 2:1 verabschiedet sich Deutschland aus dem Turnier.

Foto: dapd/DAPD

Hummels sackt nach dem Schlusspfiff zusammen und zeigt es an: Diese Niederlage war bitter!

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Warschau. Die schwarze Serie gegen den "blauen Fluch" hält, der Traum vom vierten Titelgewinn bei einer Europameisterschaft ist geplatzt. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat das Halbfinale gegen Angstgegner Italien mit 1:2 (0:2) verloren und den Einzug ins Endspiel in Kiew verpasst. Dort trifft am Sonntag nun der viermalige Weltmeister auf Titelverteidiger Spanien.

Während sich im deutschen Lager nach dem Abpfiff abgrundtiefe Enttäuschung breitmachte, war für die Italiener eigentlich alles wie immer. Denn auch das achte Spiel bei einer EM oder WM konnte Deutschland gegen die Azzurri nicht gewinnen. Die Revanche für das Halbfinal-Aus bei der Heim-WM 2006 gelang nicht.

Mario Balotelli war am Donnerstagabend in Warschau der herausragende Spieler der Azzurri. Das "enfant terrible" entschied die Partie vor 56.000 Zuschauern im Nationalstadion schon vor der Pause. Der Stürmer von Manchester City traf einmal per Kopf (20. Minute), einmal mit einem fantastischen Schuss (38.) und hat nun drei Tore auf seinem EM-Konto. Mesut Özil betrieb mit einem verwandelten Handelfmeter in der Nachspielzeit nur noch Ergebniskosmetik (90.+2).

"In der Kabine ist es mucksmäuschenstill, keiner spricht ein Wort, alle lassen die Köpfe hängen", erzählte Bundestrainer Joachim Löw über die Stimmung in der Mannschaft und versuchte zugleich, seine Spieler wieder aufzurichten "Die Enttäuschung ist für alle groß. Aber man sollte nicht den Fehler machen und alles hinterfragen. Die Mannschaft hat insgesamt ein gutes Turnier gespielt und sehr viel abgerufen." Auch Teammanager Oliver Bierhoff glaubt an die Zukunft. "Die Mannschaft hat Entwicklungspotenzial. Wir glauben an diese Jungs. Sie werden auch diese Erfahrung mitnehmen", sagte er.

Kapitän Philipp Lahm kritisierte die groben Schnitzer in der Abwehr: "Wir machen dumme Fehler und bekommen so die Gegentore. Das darf uns nicht passieren", sagte er. "Wenn man so weit ist im Turnier, will man auch bis zum Ende dabei bleiben. In unserer Mannschaft steckt so viel Potenzial für mehr." Doch statt nach Kiew startet das Flugzeug mit dem deutschen Team an Bord am Freitag nun nach Frankfurt/Main.

"Wir haben das getan, was wir am besten können – als Team zusammengestanden und als Team agiert", frohlockte unterdessen der italienische Trainer Cesare Prandelli und warnte die siegverwöhnten Spanier: "Auf Italien gilt es zu achten."

Balotellis Toren waren zwei krasse Fehler der DFB-Abwehr vorausgegangen, die den Nachweis ihrer internationalen Klasse diesmal schuldig blieb. Erst ließen sich Mats Hummels und Jerome Boateng von Antonio Cassano düpieren, der dann maßgerecht flanken konnte – auch Holger Badstuber sah in dieser Szene nicht gut aus. Das zweite Mal kam Lahm – wie im verlorenen Endspiel gegen Spanien 2008 gegen Fernando Torres – viel zu spät in das Laufduell mit Balotelli. Die seit dem WM-Halbfinale anhaltende Serie von 15 Siegen in 15 Pflichtspielen ging zu Ende. Die Mannschaft bäumte sich auf, aber sie schaffte die Wende nicht mehr.

Löw saß nach dem ersten Rückstand, den die Mannschaft seit dem 10. Juli 2010 in einem Pflichtspiel einstecken musste, sehr ruhig auf der Bank und schien angestrengt nachzudenken, wie er reagieren könne. Zuvor hatte er erneut mit einer auf drei Positionen umgebauten Startelf überrascht. Toni Kroos kam zu seinem ersten EM-Einsatz von Beginn an. Mario Gomez und Lukas Podolski kehrten in die Startformation zurück.

Eine Stammelf fand Löw irgendwie nicht bei dem Turnier. Er setzte die beim 4:2 gegen Griechenland starken Marco Reus und Miroslav Klose sowie Andre Schürrle auf die Bank, und auch Thomas Müller musste zunächst zuschauen. Doch diesmal hatte er kein gutes Händchen und korrigierte seine Personalentscheidungen in der Halbzeit, als er Klose für Gomez und Reus für Podolski einwechselte und später auch Müller noch brachte.

Das Team funktionierte gegen Italien zu Anfang recht gut. Hummels hatte eine große Torchance nach einem Eckstoß, den Andrea Pirlo auf der Torlinie abwehrte (5.). Andrea Barzagli fabrizierte fast ein Eigentor nach einer Hereingabe von Boateng, als Gianluigi Buffon dem Verteidiger den Ball vor die Bein schlug (12.). Kroos schoss gefährlich und zwang Buffon zu einer Faustabwehr (18.). Dann befreiten sich die Italiener. Cassano schloss eine gute Kombination ab (18.), kurz danach fiel das 0:1. Die deutsche Elf reagierte irritiert, kam dann aber zurück. Özil, der auch diesmal nicht richtig in Schwung kam, vergab aus ausgezeichneter Position (27.).

Kroos versuchte es erneut mit einem Distanzschuss, der aber am Kasten von Buffon vorbeistrich (30.). Sami Khedira, der fehlerhafter agierte als in den Spielen zuvor, zog aus 24 Metern ab, der sehr harte Schuss im Winkel forderte das ganze Können von Buffon ab (35.). Durch einen Konter kamen die technisch beschlagenen Azzurri dann zum zweiten Treffer. Riccardo Montelivo schlug einen weiten Pass in die deutsche Hälfte, Balotelli sprintete los, Lahm ging zu zögerlich hinterher. Der Stürmer traf ins obere rechte Toreck - unhaltbar für Manuel Neuer.

Nach der Halbzeit wurde die Leistung besser, vor allem Reus spielte viel stärker als Podolski. Bei seinem Klasse-Freistoß in den Torwinkel aber zeigte Buffon, der den Ball im Hechtsprung an die Latte lenkte, seine Weltklasse (62.). Antonio di Natale hätte noch auf 3:0 erhöhen können (82.). Dann gelang Özil in der Nachspielzeit mit einem von Federico Balzaretti verschuldeten Handelfmeter der Anschluss. Neuer stürmte nun mit. Doch es war viel zu spät für ein Wunder.

Rund 60 000 Fans haben am Donnerstagabend in Hamburg das EM-Halbfinale Deutschland gegen Italien verfolgt – und mitgelitten. Die beiden Tore in der ersten Halbzeit (20. und 36.) von Mario Balotelli wurden von einem kollektiven Aufschrei begleitet, die verpassten Chancen der deutschen Elf mit verzweifeltem Stöhnen quittiert. "Noch haben wir nicht verloren", rief eine Besucherin nach der ersten Halbzeit tapfer ihren Freunden zu. Doch auch in der zweiten Halbzeit kam nur ganz zum Schluss kurz Freude auf, als Mesut Özil einen Elfmeter verwandelte. Die Stimmung war dennoch friedlich und entspannt. Weder Polizei noch Feuerwehr meldeten besondere Vorkommnisse.

"Wir sind total zufrieden", sagte Fanfest-Sprecherin Daniela Scherbring. "Natürlich nicht mit dem Ergebnis des Spiels." Alle Fanfeste auf dem Heiligengeistfeld seien bislang ruhig verlaufen. Die Veranstalter freuten sich schon jetzt auf ein neues Fanfest bei der Weltmeisterschaft in zwei Jahren.

Groß war die Freude naturgemäß bei den Italienern in Hamburg. Massimo Finizio vom Fanclub Juventus Club Amburgo Europa zog mit seinen Freunden nach dem Spiel durch den Kiez. Mehr als 1000 Landsleute seien mit hupenden Autos, Fahnen und Feuerwerk zur Reeperbahn unterwegs, schätzte er.

Auf dem Fanfest selbst waren nur wenige italienische Fans zu sehen. Viele Azzurri-Anhänger feierten in den Lokalen der Stadt. Die deutschen Gäste seien "ein bisschen traurig" nach dem Spiel gegangen, sagte Domenico Mazziotta vom Restaurant "In Situ" im Stadtteil Blankenese. Die zehn Italiener im Lokal hätten dafür wie 30 oder 50 Mann gejubelt. Während viele Straßen der Stadt während des Spiels wie ausgestorben wirkten, waren etwa im studentischen Grindelviertel die Straßen Schauplatz vieler kleinerer Sommer-Fanfeste.


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Die Rangliste der Europameister
1. Deutschland: Drei Titel (1972, 1980 und 1996)
2. Spanien: Zwei Titel (1964 und 2008)
2. Frankreich: Zwei Titel (1984 und 2000)
4. Sowjetunion: Ein Titel (1960)
4. Italien: Ein Titel (1968)
4. Tschechoslowakei: Ein Titel (1976)
4. Niederlande: Ein Titel (1988)
4. Dänemark: Ein Titel (1992)
4. Griechenland: Ein Titel (2004)
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