23.06.12

Fussball-Europameisterschaft

Knapp 27 Millionen sehen Deutschlands Halbfinaleinzug

Damit schalteten weniger TV-Zuschauer ein als noch in der Vorrunde. In Hamburg feierten 35.000 Menschen bis tief in die Nacht den Sieg gegen die Griechen.

Foto: dpa
Begeistert verfolgten die Fans das EM-Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Griechenland
Begeistert verfolgten die Fans das EM-Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Griechenland

Danzig/Hannover. 26,80 Millionen Zuschauer sahen am Freitagabend den Halbfinaleinzug der Deutschen Nationalmannschaft im ZDF. Damit verpasste der 4:2-Sieg der DFB-Auswahl gegen Griechenland den Quotenrekord. Bei den Vorrundenspielen gegen Dänemark (27,67 Millionen) und gegen die Niederlande (27,28 Millionen) hatten jeweils mehr TV-Zuschauer eingeschaltet. Der Marktanteil für das Griechenland-Match lag nach Senderangaben aber bei sehr hohen 77,8 Prozent. Das ist der bisherige Bestwert für das EM-Turnier in Polen und der Ukraine. Bei der Ermittlung der TV-Quoten werden die zahlreichen Fans, die die EM-Spiele beim Public Viewing verfolgen, nicht berücksichtigt. In Hamburg feierten laut Polizeiangaben rund 35.000 Menschen friedlich auf dem Hamburger Kiez bis tief in die Nacht.

Wie ein Wirbelwind ist Deutschland ins Halbfinale der EM und zu einem Weltrekord gestürmt. Auf dem Weg zum vierten Titel spielte die Auswahl von Rotationskünstler Joachim Löw die griechischen Maurermeister bisweilen schwindelig und steht nach einem 4:2 (1:0) zum siebten Mal bei einer EM-Endrunde unter den letzten Vier. Nach dem Rekord von 15 Pflichtspielsiegen in Serie, der vor den Augen der jubelnden Bundeskanzlerin Angela Merkel auch durch den 1:1-Ausgleich der Griechen nicht gefährdet war, wartet als nächste Hürde ein Klassiker: Am kommenden Donnerstag geht es in Warschau gegen England oder Italien.

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"Das ist eine Klasseleistung der Mannschaft, wir können stolz sein", sagte Bundestrainer Löw, der mit seinen Personalentscheidungen goldrichtig gelegen hatte. Die Griechen, sagte Löw, "haben aus einer Chance zwei Tore gemacht. Sie haben nur Fußball verhindert. Wir hatten so viele Chancen, dass die Tore fast zwangsläufig gefallen sind." Für das Halbfinale hat er keine Vorliebe: "Beide Gegner sind unangenehm."

Die deutsche Mannschaft ließ in einem einseitigen Viertelfinale jedoch nur kurzzeitig Spannung zu, ehe Sami Khedira (61.), Miroslav Klose (68.) und Marco Reus (74.) in Danzig für den glanzvollen Sieg sorgten. Zuvor hatte Philipp Lahm (39.) die auf vier Positionen umformierte deutsche Auswahl in Führung gebracht. Noch ehe Georgios Samaras das 1:1 erzielte (55.), hätte das Spiel entschieden sein müssen. Griechenland, Europameister von 2004, stand unter permanentem Druck und war beim Rauswurf aus der EURO-Zone noch gut bedient. Das zweite Tor durch einen Handelfmeter von Dimitrios Salpingidis (89.) war nur Kosmetik.

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Lahm bemängelte aber, die deutsche Mannschaft habe es sich "mit vielen Fehlern selbst unnötig schwer gemacht". Er folgerte: "Das müssen wir im Halbfinale abstellen." Dort, vermutete Khedira, werde es "nicht einfach. Aber wenn wir unser Potenzial abrufen, sind wir schwer zu schlagen."

Die deutsche Mannschaft, die endlich wieder an die Leichtigkeit der WM 2010 erinnerte, hätte vor 38.751 Zuschauern angesichts einer Fülle von Chancen noch höher gewinnen können. Nicht zuletzt der Einsatz von Klose, Reus und Andre Schürrle, die Löw anstelle von Mario Gomez, Thomas Müller und Lukas Podolski in die Anfangsformation gestellt hatte, sorgte für frischen Wind. "Das war der Tag der Veränderungen. Ich wollte da vorne neuen Schwung reinbekommen", sagte Löw. Müller kam in der 66. Minute für Schürrle, als Deutschland drauf und dran war, die Griechen auseinanderzunehmen. Am Ende durften auch Gomez und erstmals Mario Götze ran.

Von der guten alten Devise, ein siegreiches Team nie zu ändern, scheint Löw wenig bis nichts zu halten, doch wieder einmal traf er mit einem goldenen Händchen die richtigen Entscheidungen. Dass nach dem dritten Sieg im dritten Gruppenspiel Jerome Boateng für Lars Bender wieder in die Startelf rücken würde, davon war auszugehen, die anderen Wechsel aber waren Überraschungen. Die Torschützen der ersten drei Spiele saßen auf der Bank, die Länderspiele und Länderspieltore von Müller und Podolski (130/54) wurden getauscht gegen bislang 21 Länderspiele und 8 Treffer.

Klose (34), mit nun 64 Toren auf der Jagd nach Gerd Müller (68 Treffer), hob das Durchschnittsalter der deutschen Startelf auf immer noch jugendliche 25,09 Jahre an, er stand von Beginn an im Blickpunkt. Bereits nach 35 Sekunden tauchte er nach Zauberpass von Mesut Özil vor dem griechischen Tor auf - der Bremer Sokratis rettete zur Ecke. Eine gute Minute später rutschte Klose nach einer Hereingabe von Reus am Elfmeterpunkt weg - er wäre völlig frei gewesen. Und nach 3:15 Minuten lag der Ball im Tor der Griechen - Bastian Schweinsteiger hatte nach einem Schuss von Sami Khedira allerdings aus Abseitsposition "abgestaubt".

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Fußball spielen wollten die Griechen offensichtlich nicht. Selbst wenn die deutsche Mannschaft 30 Meter vor dem Tor angelangt war, standen zwischen ihr und der Torlinie noch 10 Mann. Das Rezept dagegen war Fußball mit rasanten Kombinationen, denen aber erst ein bisschen die Präzision fehlte, auch beim Abschluss: Özil schoss freistehend Torhüter Michalis Sifakis an (23.), der auffällige Reus scheiterte an Sifakis (24.), Reus jagte den Ball neben das Tor (25.).

Löw wurde unruhig, verständlich: Eine alte Fußballer-Weisheit sagt auch, dass der einen Gegentreffer kassiert, der seine Chancen nicht nutzt. Und in der Tat fanden die Griechen hin und wieder auch offensiv statt - bei einem strammen Schuss von Sotirios Ninis (32.) musste sich Torhüter Manuel Neuer lang machen und nachfassen. Die Griechen ließen sich von ihrer Taktik auch nach dem 1:0 durch den 5. Treffer im 90. Länderspiel von Lahm nicht abbringen, sie blieben bei den wenigen Gegenstößen gefährlich.

Die deutsche Mannschaft reagierte - unbeeindruckt. Und mit noch mehr Entschlossenheit. Und mit mehr Zielstrebigkeit. Khedira traf nur sechs Minuten nach dem Ausgleich, Griechenland wirkte konsterniert. Dann traf Klose, und die griechische Mauer brach auseinander.


Die Statistik:

Deutschland: Neuer (Bayern München/26 Jahre/30 Länderspiele) – J. Boateng (Bayern München/23/24), M. Hummels (Borussia Dortmund/23/18), Badstuber (Bayern München/23/24), Lahm (Bayern München/28/90) – B. Schweinsteiger (Bayern München/27/94), S. Khedira (Real Madrid/25/31) - Reus (Borussia Mönchengladbach/23/7 – 80. Götze Borussia Dortmund/20/15), Özil (Real Madrid/23/37), Schürrle (Bayer 04 Leverkusen/21/16 – 67. T. Müller Bayern München/22/31) – M. Klose (Lazio Rom/34/120 – 80. Gomez Bayern München/26/56)

Griechenland: Sifakis – Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas (46. Fotakis) – Makos (72. Liberopoulos), Maniatis – Ninis (46. Gekas), Katsouranis, Samaras – Salpingidis

Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien) – Zuschauer: 40.000

Tore: 1:0 Lahm (39.), 1:1 Samaras (55.); 2:1 S. Khedira (61.); 3:1 M. Klose (68.); 4:1 Reus (74.); 4:2 Salpingidis (89./Handelfmeter)

Gelbe Karten: Keine – Sokratis, Samaras

Sperre droht: Keiner – Keiner

Die deutsche Elf in der Einzelkritik
Die deutsche Elf in der Einzelkritik
Manuel Neuer: Wenig gefordert, aber immer aufmerksam, wie etwa nach einer halben Stunde, als er weit vor dem eigenen Strafraum klärte. Rettete auch bei einem Schuss von Ninis. Bei beiden Gegentoren chancenlos.
Jerome Boateng: Rutschte nach seiner Gelbsperre wieder in die Startelf. Hatte erst einmal keine Probleme, Samaras in Schach zu halten - bis zu dessen 1:1. Machte seinen Fehler zunächst wieder gut mit der Flanke zum 2:1. Ansonsten fehlte ihm im Offensivspiel aber einige Male die Entschlossenheit. Verschuldete in der 88. Minute zudem den Handelfmeter.
Mats Hummels: Erneut eine souveräne und dominante Vorstellung in der Innenverteidigung. Auch im Spiel nach vorne sicher und ohne Schnörkel.
Holger Badstuber: Ließ in der Defensive wenig anbrennen. Lief einige Bälle gut ab. Jedoch erneut mit einigen Schwächen im Aufbauspiel.
Philipp Lahm: War defensiv wenig gefordert. Schaltete sich immer wieder nach vorne ein. Erzielte mit einem Distanzschuss auch die wichtige 1:0-Führung. Vor dem 1:1 war seine Seite aber weit offen.
Sami Khedira: Suchte immer wieder den Weg nach vorne und auch den Abschluss. War wesentlich präsenter als Schweinsteiger in der Zentrale und belohnte seinen immensen Aufwand mit dem Tor zum 2:1. Es war erst sein zweiter Treffer im DFB-Team.
Bastian Schweinsteiger: Hatte sich ein perfektes Spiel erhofft, war selbst davon einigermaßen entfernt. Spulte zwar ein großes Pensum ab, leistete sich aber vor einige unnötige Ballverluste. Konnte deshalb nicht wie gewohnt Akzente setzen. Unglücklicher Auftritt.
Marco Reus: Benötigte nur eine kurze Anlaufzeit als Müller-Ersatz. Hatte in der Folge bei seiner EM-Premiere einige starke Szenen. Sorgte mit seinen Antritten vor der Pause immer wieder für Unruhe, beim Abschluss fehlte ihm zunächst aber die Ruhe und Abgeklärtheit. Baute dann etwas ab, ehe er mit einem sehenswerten Treffer zum 4:1 wieder ein Ausrufezeichen setzte.
Mesut Özil: Ging wieder weite Wege, bot sich stets an, hatte viele Ballkontakte, vergab in der 23. Minute aber die Riesenchance zur Führung. Erneut fehlten dem Real-Star bei allem Bemühen aber die ganz großen Momente. Dennoch mit einer ordentlichen Leistung. Bereitete auch das 3:1 per Ecke vor.
Andre Schürrle: Hing zunächst ziemlich in der Luft und konnte bei seinem ersten EM-Einsatz von Beginn erst einmal kaum Werbung in eigener Sache betreiben. Steigerte sich aber nach einer halben Stunden, wurde aktiver und sorgte dann auch mit einigen Schüssen für Gefahr.
Miroslav Klose: Erster EM-Einsatz von Beginn an. Startete schwungvoll, lauerte aber in der Folge erst einmal vergeblich auf die passenden Anspiele. Holte sich nach dem Wechsel die Bälle oft schon im Mittelfeld und spielte einige gute Pässe. Sein unermüdliches Engagement wurde mit seinem 64. Länderspieltor belohnt. Auch beim 4:1 beteiligt.
Thomas Müller: Ersetzte in der 67. Minute Schürrle. Führte sich mit einem Schuss ans Außennetz gut ein. Auch sonst gut im Spiel.
Mario Götze: Erster EM-Auftritt als Belohnung für seine Trainingsleistungen. Kam kurz vor Schluss für Reus.
Mario Gomez: Nach drei EM-Toren in der Vorrunde musste er sich bis zur 80. Minute gedulden, ehe er für Klose ran durfte.
Stimmen zum deutschen Sieg
Stimmen zum deutschen Sieg
Joachim Löw (Bundestrainer): "Das ist schon eine Klasseleistung der Mannschaft, viermal in Folge im Halbfinale zu stehen. Wir können schon stolz sein auf die Mannschaft. Es war klar, dass die Griechen aus dem Nichts heraus etwas machen würden. Das ist eine kuriose Mannschaft. Wir haben es versäumt, früh in Führung zu gehen. Wir sind nicht hektisch geworden, die Tore sind dann zwangsläufig gefallen. Philipp Lahm ist der Mann für die wichtigen Tore bei großen Turnieren. Das war der Tag der Veränderungen heute. Ich dachte, ich müsste nach drei Siegen etwas verändern."
Fernando Santos (Trainer Griechenland): "Ich möchte den Deutschen gratulieren. Das deutsche Team war richtig gut, sie haben das Spiel klar bestimmt. Wir hätten uns ein paar Chancen mehr herausspielen können. Die Deutschen hatten mehr Ballbesitz und haben uns unter Druck gesetzt."
Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Es ist immer wieder aufregend. Anfangs habe ich gebibbert, dann habe ich den Eindruck gehabt, sie waren überlegen. Es war ein tolles Spiel. Glückwunsch, weiter so."
Wolfgang Niersbach (DFB-Präsident): "Das ist die helle Freude. Die Mannschaft hat es verdient. Wir stehen zum vierten Mal in Folge unter den letzten Vier bei einem großen Turnier, das ist einfach eine Klasseleistung, und es ist noch nicht zu Ende. Dieser Mannschaft ist so oder so alles zuzutrauen."
Sami Khedira: "Es ist selbstverständlich, dass wir glücklich sind über den Halbfinaleinzug. Wir haben es bisschen spannend gemacht. Dann aber wieder das Tempo hochgefahren. Wenn wir unser Potenzial abrufen, sind wir nur schwer zu schlagen."
Philipp Lahm: "Wir haben es uns unnötig schwer gemacht. Wir hatten Riesenmöglichkeiten. Wir gehen dann 1:0 in Führung und schenken es wieder her. Wir können uns freuen, dass wir noch die Tore gemacht haben und im Halbfinale stehen. Wir haben sehr, sehr gut angefangen. Miro hat sein Tor gemacht, Marco hat sein Tor gemacht. Wir können zufrieden sein."
Marco Reus: "Wir sind glücklich, dass wir gewonnen haben und eine Runde weiter sind. Wir haben verdient gewonnen. Der Bundestrainer hat mir signalisiert, dass meine Chancen kommen würde. Der Sieg wird uns nochmals viel Selbstvertrauen geben."
Miroslav Klose: "Ich habe mich gefreut, dass ich das Tor gemacht habe. Das sah schon sehr nach Fußball aus. Es hat mich sehr gefreut, dass ich spielen durfte. Unsere Bank ist sehr, sehr stark, das zeichnet uns aus. Wer da alles reinkommen kann, das ist schon sagenhaft. Wir wussten, wenn wir unser Spiel den Griechen aufzwingen können, würden wir zu vielen Torchancen kommen. So war es auch."
Sokratis (Griechenland): "Wir spielten gegen eines der besten Teams der letzten fünf Jahre. Wir haben zwei Tore gemacht. Vielleicht hätten wir etwas vorsichtiger agieren sollen. Wir danken unseren Fans. Viele werden von uns weitermachen. Unter die letzten Acht gekommen zu sein, ist sehr bedeutsam."
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