14.06.12

Deutschland besiegt Niederlande

Gomez glänzt nach drei Tagen "auf die Fresse" - Scholl ist stolz

Der Torjäger glänzt beim 2:1 gegen die Niederlande. Nach der Kritik von TV-Experte Mehmet Scholl trifft der deutsche Nationalstürmer gleich doppelt. Löw-Team braucht noch einen Punkt, um sicher in die K.o.-Runde einzuziehen.

Foto: REUTERS

Mario Gomez trifft zum 2:0 gegen die Niederlande, Jetro Willems ist chancenlos

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Charkiw. Der zweite Sieg bei der EM war erst einige Minuten perfekt. Wieder hatte Mario Gomez getroffen, nach seinem Tor zum 1:0 gegen Portugal sogar doppelt beim 2:1-Erfolg gegen die Niederlande. Und jetzt stand der Torjäger beim ZDF vor der Kamera und sprach erstaunlich offen aus, wie brutal die vergangenen Tage nach der TV-Schelte von ARD-Experte Mehmet Scholl für ihn gewesen waren. "Das war Druck ohne Ende, auf meinen Schultern lasteten viele Hundert Kilo. Da schießt du das 1:0 gegen Portugal und denkst, du bist endlich angekommen in der Nationalmannschaft. Und dann gibt es drei Tage lang auf die Fresse. So eine Motivationsspritze brauche ich nicht. Aber die wichtigen Leute standen hinter mir, ich habe versucht, die Antwort auf dem Platz zu geben."

+++ Hummels Souveränität ist fast schon beängstigend +++

TV-Kritiker Mehmet Scholl gratulierte Gomez nach dessen beiden Treffern. "Ich bin stolz auf Mario. Einsatz und Erfolg haben zusammengepasst", lobte der Ex-Nationalspieler in der "Bild"-Zeitung den deutschen Torjäger.Nach dem 1:0-Siegtor von Gomez gegen Portugal im ersten EM-Gruppenspiel hatte Scholl den Stürmer noch deftig attackiert und damit eine Debatte um den Einsatz und die Spielweise des Bayern-Profis ausgelöst. "Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss", hatte Scholl am vergangenen Sonnabend in der ARD gesagt.

Gomez schien die Debatte beflügelt zu haben. Mit dem überragenden Doppel-Torschützen und einem Bastian Schweinsteiger in Bestform wies das DFB-Team den Vize-Weltmeister in die Schranken und machte einen großen Schritt in Richtung Viertelfinale. Ein Punkt gegen die Dänen am Sonnabend würde zum sicheren Einzug in die K.o.-Runde und zum Sieg in der Gruppe B reichen. Mit dem ersten Sieg seit 32 Jahren bei einer Europameisterschaft gegen den Erzrivalen hat die deutsche Nationalmannschaft zudem ein Glanzlicht gesetzt.

Vor 37.750 Zuschauern in Charkiw trumpfte am Mittwochabend speziell der Block von Bayern München sehr stark auf. Gomez erzielte in der 24. und 38. Minute zwei weitere blitzsaubere Tore, womit sich der 26-Jährige zusammen mit dem Russen Alan Dsagojew an die Spitze der EM-Torjägerliste setzte. Robin van Persie glückte kurz nach Gomez' Auswechslung das erste Tor für die Niederländer im Turnier (73.), doch der starke Schlussspurt der Elftal brachte nichts mehr ein.

"Die Zeit ist stehen geblieben", sagte Doppeltorschütze Gomez über die Zitterpartie in den Schlussminuten. "Holland hat nach vorn unglaublich stark gespielt. Wir haben gegen zwei Klasseteams sechs Punkte, was wollen wir mehr."

Löw: "Tor zum Viertelfinale weit offen"

Joachim Löw lobte seinen Topstürmer. "Mario war immer ein Kämpfertyp. Er hat schon ein paar Mal am Boden gelegen und sich immer wieder selbst hochgezogen". Der Bundestrainer wirkte extrem erleichtert. Zum erstem Mal gewann das Team auch das zweite Turnierspiel unter seiner Regie, nachdem es bei der EM 2008 und bei der WM 2010 jeweils die zweite Gruppenpartie verloren hatte. "Jetzt haben wir natürlich eine gute Ausgangsposition und das Tor zum Viertelfinale relativ weit aufgestoßen." Nun will Löw unbedingt den Gruppensieg, denn das würde bedeuten, dass die Deutschen im Viertelfinale in Danzig spielen könnten.

Auch Schweinsteiger, der seinen Bayern-Kollegen Gomez vor beiden Toren glänzend in Szene gesetzt hatte, blickte bereits nach vorn. "Jeder Sieg gibt einen Schub. Wir haben den zweiten Schritt getan, aber wir wollen auch gegen Dänemark gewinnen."

Zerknirscht war dagegen Bondscoach Bert van Marwijk, der noch immer ohne Punkt dasteht. "Wir haben in der Schlussphase alles oder nichts gespielt", sagte er. "Wir haben das Spiel nicht in der Offensive verloren." Ex-HSV-Profi Rafael van der Vaart vertraut vor dem holländischen "Endspiel" gegen Portugal auf deutsche Schützenhilfe: "Wir haben noch eine Chance, wenn wir 2:0 gewinnen und Deutschland uns ein bisschen hilft."

Phasenweise bot die deutsche Mannschaft bei 31 Grad ausgezeichneten Fußball, der zwar noch nicht das hohe Tempo wie bei der Siegesserie in der Qualifikation aufwies, zu dem aber kluge Rhythmuswechsel gehörten. Löw hatte sich für die gleiche Elf entschieden, die Portugal bezwungen hatte. Gomez erzielte herrliche Tore, Schweinsteiger schlug perfekte Pässe, in der Abwehr bildeten vor allem Holger Badstuber und Philipp Lahm gegen ihren holländischen Bayern-Kollegen ein Bollwerk, der Hüne Manuel Neuer im Kasten war einmal mehr ein starker Rückhalt. Am Ende stand der erste Sieg gegen Holland bei einem EM-Turnier seit dem 3:2 in Neapel 1980 fest. Danach hatte die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zweimal verloren (1988, 1992) und sich einmal mit einem Unentschieden (2004) zufriedengeben müssen.

Schweinsteiger bereitet beide Tore vor

Zunächst machte aber der Gegner das Spiel. Van Marwijk hatte nach dem verpatzten Start mit dem 0:1 gegen die Dänen auf die Torgefährlichkeit von Arjen Robben und van Persie gesetzt. Und die beiden machten zunächst ordentlich Betrieb. Neuer musste gegen Arsenal-Stürmer van Persie retten (7.), Mats Hummels klärte gegen Ibrahim Afellay (18.).

Eine Traumkombination brachte Deutschland in Führung. Schweinsteiger bediente Gomez mit einem Zauberpass durch die Abwehrzentrale der Holländer. Gomez nahm den Ball in der Drehung mit links an, zog mit rechts zum 1:0 ab. Dann musste Maarten Stekelenburg auf der Linie retten. Mesut Özil zirkelte einen Freistoß vor das Tor, Badstuber köpfte freistehend, der Holland-Torwart klärte mit einem Reflex. Holland versuchte alles, als Wert für ihren Ballbesitz erreichten sie 61 zu 39 Prozent gegenüber den Deutschen. Doch es folgte der zweite Gegentreffer für Oranje: Ein Abschlag von Neuer kam zu Gomez, über Müller und Schweinsteiger, der einen sehr guten Steilpass schlug, kam wieder Gomez ins Spiel, der aus zwölf Metern unhaltbar ins lange Eck schoss. Van Marwijk wischte sich verzweifelt den Schweiß von der Stirn.

Zur Halbzeit brachte er Klaas-Jan Huntelaar und Rafael van der Vaart für Afellay und Mark van Bommel. Und Holland begann zu stürmen. Neuer musste gegen van Persie retten (58.), Jerome Boateng warf sich in einen Schuss von Wesley Sneijder (71.), doch kurz darauf rappelte es im Kasten von Neuer. Van Persie war endlich erfolgreich mit einem Schuss, der aus 17 Metern durch die Beine von Badstuber halbhoch zum 1:2 einschlug. Die Partie wurde nun noch einmal spannend. Boateng kassierte in der Schlussphase noch die zweite Gelbe Karte und ist damit für das letzte Gruppenspiel gegen Dänemark gesperrt. "Das ist natürlich bitter. Es war eine dumme gelbe Karte, aber das wichtigste ist, dass wir gewonnen haben", sagte er.

Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Müller (90.+2 L. Bender), Özil (81. Kroos), Podolski - Gomez (72. Klose). Niederlande: Stekelenburg - van der Weil, Heitinga, Mathijsen, Willems - van Bommel (46. van der Vaart), de Jong - Robben (83. Kuyt), Sneijder, Afellay (46. Huntelaar) - van Persie. Tore: 1:0 Gomez (24.), 2:0 Gomez (38.), 2:1 van Persie (73.). Schiedsrichter: Jonas Eriksson (Schweden). Zuschauer: 37 750. Gelb: Boateng (2) - de Jong, Willems.

Mit Material von dapd

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik
Manuel Neuer: Erneut sehr souveräne Leistung des Münchners. Aufmerksam und mit gutem Stellungsspiel. Parierte mit einer Klasseparade einen Schuss von van Persie in der 57. Minute. Starker Rückhalt. Beim 1:2 machtlos.
Jerome Boateng: Hatte in der Anfangsphase gegen Afellay mehr Probleme als zuletzt gegen Cristiano Ronaldo. Konnte insgesamt nicht wie gegen Portugal für Sicherheit sorgen. Nach vorne harmlos. Verhinderte immerhin das 1:2, als er sich wagemutig in einen Schuss von Sneijder warf.
Holger Badstuber: Hatte in der Anfangsphase Glück, dass van Persie seinen Stellungsfehler nicht ausnutzte. Stand ansonsten über weite Strecken sicherer und agierte souveräner als gegen Portugal. Verpasste aber bei einem Kopfball das 2:0. Zudem rückte er beim 1:2 nicht entschlossen genug raus.
Mats Hummels: Erneut souveräne Vorstellung des Dortmunders. Gefiel mit klugem Aufbauspiel. Hatte kurz nach der Pause sogar das 3:0 auf dem Fuß. Verlor aber vor dem 1:2 den entscheidenden Zweikampf gegen van Persie.
Philipp Lahm: Lieferte sich einige packende Duell mit seinem Münchner Kollegen Robben. Hatte ihn weitgehend im Griff. Beschränkte sich in der ersten Hälfte auf seine Defensivaufgaben, wurde dann aber mutiger.
Sami Khedira: War sehr präsent und zweikampfstark. Versuchte, das Spiel immer wieder anzukurbeln und sich einzuschalten. Wie bei der WM 2010 gute Abstimmung mit Schweinsteiger. Kaum Fehler.
Bastian Schweinsteiger: Großes Pensum, viele Ballkontakte. Bereitete das 1:0 und 2:0 von Gomez jeweils mit einem Klassepass vor. Auch sonst viel präsenter als beim Auftakt. War diesmal der Chef, auch wenn er nach dem Wechsel etwas abbaute.
Thomas Müller: Lief viel, fand aber wenig Bindung zum Spiel. Wurde nach gut 30 Minuten zwar etwas aktiver und zielstrebiger, konnte aber nicht überzeugen.
Mesut Özil: Hatte in der 8. Minute mit einem Pfostenschuss Pech. Danach bemüht, das Spiel an sich zu reißen. Hatte nicht so viele geniale Momente wie sonst, dennoch ein Aktivposten.
Lukas Podolski: Hatte gegen van der Wiel einen schweren Stand. Konnte sich kaum in Szene setzen, strahlte auch keine Torgefahr aus. Erneut nicht in EM-Form.
Mario Gomez: Rechtfertigte mit zwei Treffern das Vertrauen von Löw voll und ganz. Beide Tore zeigten seine große Klasse, vor allem das 1:0 war sehenswert. Half einige Male sogar noch nach hinten aus. In der 72. Minute mit großem Applaus verabschiedet.
Miroslav Klose: Ersetzte Gomez in der 72. Minute. Hatte in seinem 118. Länderspiel noch eine gute Chance in der 88. Minute.
Toni Kroos: Kam in der Schlussphase (81.) für Özil.
Lars Bender: Kam in der Nachspielzeit (90.+2) für Müller.
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