Fussball-Europameisterschaft
"Niemand in Frankreich hat 2010 vergessen"
Die Fußball-Europameisterschaft der Krimiautoren – Teil sechzehn der großen Serie: Bernard Minier schreibt über sein Heimatland Frankreich.
Hamburg. Das Leben ist voller Zufälle, und für Dichter sind sie Vorsehung. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat, aber er hatte Recht. Ich habe gerade angefangen, meinen zweiten Thriller zu schreiben. Er spielt in Frankreich im Jahr 2010, genau zu der Zeit, als tausende Kilometer entfernt in Südafrika die Fußball-WM ausgetragen wurde (niemand in meinem Land hat vergessen, dass die französische Nationalmannschaft bei dieser Gelegenheit mit ihrem eigenwilligen Sinn für Komik Ruhm erlangte anstatt mit fußballerischem Können). Und ausgerechnet jetzt bin ich dazu eingeladen, darüber nachzudenken, wie meine Hauptfigur Kommissar Servaz die kommende Fußball-EM erleben wird. Dieses Anliegen hätte mich vermutlich in völlige Ratlosigkeit versetzt, wenn ich nicht ohnehin gerade über der Frage brüten würde, wie Servaz zu Fußball steht.
Sagen wir es ganz klar: Servaz mag keinen Sport. Er mag ihn nicht im Fernsehen anschauen und er mag keinen machen. Dieser belesene Polizist, Liebhaber lateinischer Zitate und lateinischer Autoren, bezieht sich auf Seneca, mit vollem Namen Lucius Annaeus Seneca, der - in seinem berühmten Brief an Lucilius - einen Spielball namens sphaeromachia beschreibt, der schon im Jahr 60 nach Chr. Menschenmassen in die Stadien lockte. Seneca lebte nicht weit von einem Stadion und beschwerte sich in dem Brief über das Geschrei, das beim Spiel nach außen dringt. So schreibt Seneca im Jahr 62 unserer Zeitrechnung: "Wie viele Menschen trainieren ihren Körper, und wie wenige ihren Geist." Servaz ist nicht weit davon entfernt, dasselbe zu denken. Also glaube ich, dass er während der EM so oft wie möglich vor den Gesprächen seiner Kollegen flüchten wird, sich auf seine Ermittlungen stürzt und darauf pfeift, ob die Deutschen, die Spanier oder die Polen gewinnen.
















