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EM-2008

Verlängerung: Das Sportgespräch mit Polens ehemaligem Nationalspieler Tomasz Hajto

"Ballack macht 40 Prozent der Deutschen aus"

Der Ex-Bundesligaspieler hält nichts von Lehmann und wirft Beenhakker Fehler in der Kaderplanung vor.

Abendblatt:

Herr Hajto, Ihr Tipp für Sonntagabend?

Tomasz Hajto:

1:0 für Polen. Sollte ein frühes Tor fallen, könnte es auch 4:3 oder 3:2 lauten.



Abendblatt:

Was stimmt Sie denn so positiv?

Hajto:

Sie meinen, weil Polen früher fast immer auf der Verliererseite stand? Sicher, offensiv, im Angriff und im Mittelfeld, sind die Deutschen stark. Aber defensiv ganz schlecht. Jens Lehmann ist für mich der Schwachpunkt des Teams, ohne jede Form. Dass bei Arsenal London sogar Lukasz Fabianski gespielt hat, sagt etwas aus. Mir fehlt auch Oliver Kahn.



Abendblatt:

Wie das?

Hajto:

Der war ein Titan, eine Persönlichkeit. Vor ihm habe ich Respekt. Kahn und Lehmann, das ist ..., sagen wir, wie Schinken und Scheiße.



Abendblatt:

Haben Sie nicht einen anderen Vergleich?

Hajto:

Na ja, dann wie ein Brot, üppig belegt mit Schinken, Käse und Butter, verglichen mit einem Brot ohne alles. Aber schreiben Sie ruhig Scheiße. Dass das klar ist: Das geht nicht gegen Lehmann als Person. Kahns Ausstrahlung ist es. Sie erfasste die anderen Spieler. 2001 habe ich wegen ihm mit Schalke den Titel verloren. Er gibt die Zeichen.



Abendblatt:

Die soll jetzt Michael Ballack geben.

Hajto:

Stimmt. Er macht 40 Prozent der deutschen Mannschaft aus. In den letzten Spielen der Champions League ist er beeindruckende zwölf Kilometer gelaufen. Das hätte ich ihm nicht zugetraut.



Abendblatt:

Wo wir bei der Defensive sind: Was sagen Sie als erfahrener Verteidiger zu Christoph Metzelder?

Hajto:

Beim Spiel der Deutschen gegen Serbien durfte ich für den Bezahlsender Polsat kommentieren, dort habe ich viele taktische Fehler gesehen. In der Defensive brauchst du Spielpraxis. Man kann nicht drei Monate pausieren und dann einfach hereinkommen. Du musst fit für 95 Minuten sein. Ist das nicht der Fall, fehlt nach 80 Minuten die Konzentration. Dann bereiten dir die einfachsten Bälle Probleme.



Abendblatt:

Haben nicht nur Sie, sondern auch die Menschen in Polen das Gefühl, dass die Zeit für den ersten Sieg über Deutschland reif ist?

Hajto:

Die Stärke der Deutschen war immer das kampfbetonte, konstante, taktisch clevere, aber einfache Spiel. Zum Schluss haben sie dann mit ihrer Kraft und Laufbereitschaft das Spiel gewonnen. Inzwischen bekommen sie mehr Gegentore, machen mehr Fehler. Wer gegen Deutschland kompakt steht, kann etwas ausrichten. Ob die polnische Mannschaft allerdings psychisch bereit ist, wird die Frage sein.



Abendblatt:

Sie haben Zweifel.

Hajto:

Ich bin überzeugt: Sechs, sieben Spieler können mit dem Stress und Druck umgehen. Aber die anderen?



Abendblatt:

Viele sagen auch: Nur die besten zwölf, 13 Nationalspieler sind wirklich international gut. Der Rest fällt ab.

Hajto:

Und ich sage: Ich bin mit vielen Einladungen nicht einverstanden. Roger (der Brasilianer Guerreiro, d. Red.) war in der Rückrunde nur ein durchschnittlicher Spieler. Er hat keine guten Leistungen gezeigt, war in der Qualifikation nicht dabei. Und er kann nicht 90 Minuten laufen.



Abendblatt:

Aber die Einbürgerung ging ziemlich flott.

Hajto:

Innerhalb von zehn Tagen hat er einen polnischen Pass bekommen und darf zur EM. Das ist Wahnsinn. Außerdem kann er nicht gut Polnisch. So einer blockiert die guten jungen Spieler wie den 21-jährigen Radolslaw Majewski von Groclin Grodzisk, an dem Vereine aus England, Frankreich und Spanien interessiert sind, weil er sie beim Spionieren überzeugt hat. Ober nehmen Sie Mariusz Jop. Der hat für FK Moskau kaum gespielt, Arkadiusz Glowacki hingegen hat mit Meister Krakau fast alle Spiele gemacht, seine beste Saison hingelegt. Aber er wurde nicht eingeladen.



Abendblatt:

Trainer Beenhakker wehrt sich und sagt, er suchte die Spieler aus, um die richtige Balance zu bekommen.

Hajto:

Und ich erinnere Sie an die Situation vor vier Jahren, als es in der Bundesliga einen riesigen Druck gab, junge deutsche Spieler hereinzubringen. Von insgesamt 40 Spielern sind 20 jetzt super. Bei uns ist das total anders.



Abendblatt:

Auch wenn es nicht Ihr Wunschkader ist: Wer sind für sie die Stützpfeiler?

Hajto:

Uns fehlen die großen Stars, wie sie Deutschland und Kroatien haben, aber technisch begabte Fußballer haben wir. Viele haben seit der WM 2006 Erfahrungen im Ausland gesammelt. Die Säulen sind Boruc, Lewandowski, Zewlakow und Smolarek. Der ist ein Killer. Dazu kommt Krzynowek. Ich verstehe nicht, dass ihn Felix Magath in Wolfsburg auf die Bank setzt. Na ja, er ist ja bekannt für solche Maßnahmen, dass er sich einen rauspickt. In der Nationalmannschaft hat Jacek sensationell gespielt.



Abendblatt:

Die Offensive der Polen hat zuletzt aber nicht gerade geglänzt.

Hajto:

Weil das Augenmerk mehr der Defensive galt. Gegen Deutschland wird es wichtig sein, das Spiel lange auf der Kippe zu halten. Schießen die DFB-Spieler das erste Tor, wird es schwer.



Abendblatt:

Sie haben die Defizite bei den Deutschen genannt. Wo sehen Sie noch Probleme im polnischen Team?

Hajto:

Auf der linken Defensivseite. Bronowicki war verletzt, wurde nicht fit. Vielleicht spielt dort jetzt Wawrzyniak. Dem fehlt es aber an Erfahrung. Warum hat man dem Bremer Sebastian Boenisch (in Gleiwitz geboren, d. Red.) keinen polnischen Pass gegeben? Auf der rechten deutschen Seite kommen vielleicht Odonkor und Lahm. Wie sollen unsere Spieler das anpacken? Es gibt keinen Knopf auf einer Maschine, den man drückt und sagen kann: Jetzt spiele ich super.



Abendblatt:

Sie gehen ganz schön kritisch mit Beenhakker um, dabei müssten Sie und die Nation ihm doch nach der grandiosen Qualifikation, die er vor Portugal beendete, zu Füßen liegen. Hat nicht Recht, wer Erfolg hat?

Hajto:

Ich sehe das von der anderen Seite. Wir sind nach der WM 2002 und der WM 2006 jetzt beim dritten großen Turnier innerhalb von sechs Jahren dabei. Das kann nicht nur die Sache von Beenhakker gewesen sein, auch wenn er seine Verdienste hat. Ihm aber eine Medaille für die Qualifikation zu verleihen, ist verrückt! Wir sind ein Land mit einer großen Fußball-Historie und mehr als 40 Millionen Einwohnern.



Abendblatt:

Was wäre ein Erfolg für Sie?

Hajto:

Wenn wir die Vorrunde überstehen.



Abendblatt:

Vor zwei Jahren war bei der WM 2006 noch gegen Deutschland Schluss.

Hajto:

Viele sagen, Deutschland hat mit Glück gewonnen, dabei hätte es schon 5:0 stehen können. Wir müssen offensiven Druck aufbauen, um die Deutschen zu Fehlern zu zwingen. Aber Vorsicht: Gomez und Klose sind gefährliche Stürmer.



Abendblatt:

Apropos: Sollten Klose und Podolski nicht für Polen spielen?

Hajto:

Gegenfrage: Ihr Vater hat es für Deutschland zu 40 Länderspielen gebracht. Aber jetzt könnten Sie Millionen als Nationalspieler in Brasilien einstreichen, wo Sie auch leben und zur Schule gehen. Wo spielen Sie?



Abendblatt:

In Deutschland.

Hajto:

Sie haben für mich die Antwort gegeben. Aber ich akzeptiere das. Als sie noch in Kaiserslautern und Köln waren, wollten Klose und Podolski für Polen spielen, hatten aber noch nicht den großen Namen. Damals hat Polen nein gesagt. Später war es zu spät.



Abendblatt:

Jetzt mal ganz objektiv: Wie wichtig wäre ein Sieg für Polen? Ist es ein politisches Spiel?

Hajto:

Das weniger. Auch die vielen Schlagzeilen waren nur Theater für mich, so was ist im Fußball normal. Polen hat in der letzten Zeit einen riesigen Sprung im Sport gemacht, die Krise der vergangenen zehn, 15 Jahre überwunden. Auch die Volleyballer und Handballer sind erfolgreich. Das Fernsehen spült mehr Geld in den Sport. Alle Fußballklubs der Ersten Liga erhalten in der kommenden Saison fünf Millionen Dollar, das ist für unsere Verhältnisse viel Geld.



Abendblatt:

Und die EM 2012 ...

Hajto:

...mit der Ukraine ist ein riesiges, ambitioniertes Ziel. Gerade für die Jugendlichen ist es wichtig zu erkennen: Wenn ich stetig arbeite, schon bei den Junioren anfange, kann ich wirklich etwas packen. Dann gehen sie vielleicht weniger trinken und rauchen.



Abendblatt:

Und ein Sieg über Deutschland könnte einen Schub auf diesem Weg geben?

Hajto:

Klar. Bei einem Sieg wären wir das schwarze Pferd des Turniers, das mit viel Euphorie durch die Gruppe jagt. Ganz sicher, für Österreich wäre dann auch direkt Ende. Und aus der Gruppe A kämen im Viertelfinale machbare Aufgaben auf uns zu. Aber stellen Sie sich vor: Wir spielen Unentschieden, und Österreich und Kroatien ebenfalls. Dann liegt enormer Druck bei Deutschland. Was uns betrifft: Ich glaube, dass für Polen die Entscheidung im zweiten Spiel gegen Österreich fällt.



Polens ehemaliger Kapitän Tomasz Hajto ist als TV-Experte vor Ort

Tomasz Hajto wurde am 16. Oktober 1972 in Makow Podhalanski in Polen geboren. Der Fußballprofi spielte von 1997 bis 2005 201-mal für den MSV Duisburg, Schalke 04 und den 1. FC Nürnberg, nachdem er von Gornik Zabrze in die Bundesliga gewechselt war. Mit Duisburg erreichte er das DFB-Pokalfinale 1998, mit Schalke gewann er den DFB-Pokal 2001 und 2002. Für die polnische Nationalmannschaft spielte er 62-mal. Hajto war als Verteidiger bekannt für seinen kompromisslosen Einsatz. Bis heute hält er den Rekord bei Gelben Karten in der Bundesliga: 16 Stück in einer Saison. 2005 wechselte Hajto zum FC Southampton in die Zweite englische Liga. In der Winterpause ging er zu Derby County. 2006 wechselte er dann zum LKS Lodz in die Erste Liga Polens. 2007 unterschrieb Hajto erneut bei Gornik Zabrze. Bei der EM ist er für den Sender Polsat im Einsatz.Interview: A. Laux

 

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