"Zu Gast bei Verlierern": Mit Selbstironie und Zweckoptimismus macht sich das Fußballvolk im Nachbarland Mut.
Wien. Österreichs Fußball-Nationalspieler standen auf dem Hotelbalkon und knipsten fleißig Fotos fürs Erinnerungsalbum, als Anfang der Woche das Willkommens-Feuerwerk den kleinen Hügel im burgenländischen Dorf Stegersbach hell erleuchtete. Aus den Lautsprechern dröhnte immer wieder: "Wir haben Fieber." Und im Festsaal verspeisten die Vertreter der Politik, Sponsoren und Medien ihre letzten Bissen gebackene Topfentorte und Kaiserschmarren. So ähnlich muss es auf der "Titanic" zugegangen sein: Wenn schon untergehen, dann bitte wenigstens stilvoll.
So schnitten die EM-Gastgeber bisher ab
Mein EM-Tipp
Tschuldigung, liebe Nachbarn, aber wer T-Shirts mit dem Aufdruck "Zu Gast bei Verlierern" druckt und mit der Initiative "Österreich zeigt Rückgrat" 10 000 Unterschriften für den freiwilligen Rückzug von der EURO 2008 sammelt, gibt schließlich selbst zu, der krasseste Außenseiter seit der Erfindung von Europameisterschaften zu sein.
"Wir sind bis in den Himmel motiviert", sagte Teamchef Josef Hickersberger tapfer. Doch selbiger scheint vorab mit den Alpenländlern zu weinen. Auf Sardinien ging es los: Drei Tage regnet es dort durchschnittlich im Monat Mai. Die Österreicher verbuchten während ihrer Vorbereitung sechs Tage Regen. Zurück in Lindabronn: Regen. In Stegersbach: noch mehr Regen. Und in Wien ist zum Eröffnungsspiel gegen Kroatien - logisch - kräftiger Regen angesagt.
"In den vergangenen sechs Tagen sind in Wien 150 Prozent der üblichen Regenmenge des ganzen Juni heruntergekommen", klagt Michael Draxler. Der Chef der Wien-Marketing ist verantwortlich für die 100 000 Quadratmeter große Fanzone, die sich vom Rathaus bis zum Heldenplatz erstreckt und Platz für 74 000 Menschen bieten soll. Seit Tagen laufen Notfallpläne, damit trotz des Wetters alle Bauten wie die 200 Sky-Boxen für VIPs vor dem Bildschirm am Rathaus rechtzeitig fertig werden. "Es geht sich noch aus, wenn es ab Mittag nicht mehr regnet", tippt Draxler. Er hat Glück. Ab 13 Uhr scheint die Sonne. Zur Abwechslung mal keine Aqua-Planung.
Vielleicht hat aber auch Anubis dem Wettergott Einhalt geboten. Die 7,5 Meter große schakalköpfige Statue am Heldenplatz wirbt hauptberuflich für die Tutanchamun-Ausstellung im Völkerkunde-Museum, dient aber während der EURO als Maskottchen der Österreicher und trägt ein rotes "Leiberl". Mit Anubis haben die Wiener ihren Hang zur feinen Selbstironie bewiesen, schließlich führt die Gottheit in der Mythologie als Totenrichter das Jenseitsgericht. Zugleich wird mit Anubis aber auch die Auferstehung verbunden.
Und siehe da, der erste Schritt scheint gemacht. Nach den letzten Testspielen gegen Nigeria (1:1) und Malta (5:1) kletterte Österreich von Weltranglisten-Platz 101 auf Position 92, hat Nationen wie Gabun, Gambia oder Jordanien hinter sich gelassen. Länder wie Mosambik (90.) und Guatemala (89.) befinden sich in Reichweite.
Geht da vielleicht doch was?
Bei den Wienern ist noch nicht viel von Eu(ro)phorie zu spüren. Miro, der mit seiner Droschke auf Touristen wartet, die bereit sind, für eine halbe Stunde 65 Euro zu zahlen, hat andere Sorgen: "Schaun's sich dös a, die ganze Stadt hams verschandelt, alle Sehenswürdigkeiten sind zubetoniert", zürnt er über die vielen Zäune rund um die historischen Bauten. Ein echter Meister in der Kunst des Jammerns.
"Das wird die schönste Fanzone, die es je bei einer Veranstaltung gegeben hat", hält Heinz Palme, der Chefkoordinator der österreichischen Bundesregierung für die EM, dagegen. 360 Public-Viewing-Orte sind über das Land verteilt. Aber dass ganz Österreich mit Europas Spitzenkickern mitfiebern wird, ist auszuschließen. An einem Drittel der Bevölkerung geht die EM völlig vorbei, zwölf Prozent sind gegen das Turnier, haben jüngste Umfragen ergeben. Kann es Zufall sein, dass die Wiener Philharmoniker mit Zubin Mehta ausgerechnet während der drei EM-Wochen durchs Mittelmeer touren, von Malta bis Florenz?
Auch Miros Kollege, der "Fiaker-Jürgen", wollte Urlaub von der Stadt nehmen, doch das "wurde mir vom Chef nicht genehmigt". Der Fiaker-Jürgen ist gelernter Bankkaufmann, aber "meinen jetzigen Job würde ich mit niemandem tauschen wollen". Wenn er Deutschen die Innenstadt zeigt, erzählt er stets: "Österreich wird Europameister. Dann lachen die sich immer kaputt. Und ich entgegne: Wartet, es gibt ein neues Wunder von Cordoba." 1978 hatten die Österreicher dank zweier Tore von Hans Krankl die Deutschen mit 3:2 besiegt und aus dem WM-Turnier gekickt.
Der Krankl von heute ärgert sich über die melancholische, tendenziell leidende Ader seiner Landsleute: "Wissen Sie, was typisch für Österreich ist? Wir machen uns immer selbst schlecht."
Vom Sommermärchen Marke 2006 in Deutschland ist hier nicht viel zu sehen. Kaum Fähnchen flattern an den Autos. Man wartet erst mal ab. Wenn Topstürmer Roland Linz laut Fragebogen einen Suzuki Swift fährt und von einem Mercedes SLR träumt, ist damit ungefähr der sportliche Abstand zur internationalen Spitze gekennzeichnet. In dieser Woche verschlief Linz zudem eine Besprechung. Und so einer soll auf dem Platz hellwach sein? Im Ernst: Der talentierten, aber jungen und unerfahrenen Mannschaft den Job als Euphorie-Entfacher aufzubürden, ist eigentlich ungerecht.
Trotz seiner Herkules-Aufgabe vermittelte Hickersberger gestern entspannte Vorfreude auf das Turnier, über das Spötter sagen: Österreich musste es (mit der Schweiz) erst ausrichten, um beim drittgrößten Sportereignis der Welt (nach der WM und Olympia) mal wieder dabei sein zu dürfen. "Für mich geht ein Traum in Erfüllung", stemmte sich Hickersberger gegen Miesmacher wie Toni Polster, der von der "mit Abstand schlechtesten Mannschaft bei einer EM" spricht.
Angriffsfläche bot "Hicke von Flanke", so sein Spitzname, dennoch, weil er öffentlich immer noch nicht seinen Stammtorwart benannt hat, was Wolfgang Winheim vom "Kurier" ätzen ließ: "Wer sagt, dass wir einen Torwart brauchen, bloß weil 15 andere EM-Teilnehmer einen haben? Vielleicht laufen Alex Manninger oder Jürgen Macho ja als Stürmer auf."
Der Schmäh liegt mit dem Jammern in Lauerstellung, in Alarmbereitschaft. Möglicherweise aber springt der Funke doch noch über. Am Freitagabend lief beim TV-Sender ORF 1 ein 50-minütiger "Dokumentar"-Film mit dem Titel "Das Wunder von Wien: Wir sind Europameister", der vier Wochen nach der EURO spielt und auf den sensationellen Triumph der Österreicher zurückblickt. Nach Siegen gegen Kroatien und Polen in der Gruppenphase werden im Viertelfinale die Schweiz und im Halbfinale Deutschland besiegt, im Endspiel die Niederlande.
"Die Österreicher schauen sich im Training den Film an - und dann gewinnen sie", hofft Regisseur David Schalko, der für sein Werk die TV-Kommentatoren Günter Netzer sowie Gerhard Delling und sogar Hickersberger gewinnen konnte: "Wer Deutschland im Halbfinale schlägt, kann auch Europameister werden", sagt der Teamchef freudetrunken. Der Film ist allemal eine schönere Vision, als von den anderen nass gemacht zu werden und als schlechtester Gastgeber in die Geschichte einzugehen. Die Besucher der Wiener Fanzone sollten dennoch für alles gewappnet sein. Schließlich ist für Sonntag wieder Regen angesagt. Und die Mitnahme von Regenschirmen ist strengstens untersagt.

















