Verlängerung: Das Sportgespräch zum Auftakt des Afrika-Cups mit Otto Pfister
"Fußball ist ein schmutziges Geschäft"
Kameruns deutscher Trainer über Vogts und Voodoo, über Menschenhandel mit jungen Talenten und Gruselgeschichten mit geringem Wahrheitsgehalt.
Abendblatt:
Herr Pfister, am Sonntag beginnt in Ghana der Afrika-Cup. Welchen Stellenwert hat dieses Turnier?
Otto Pfister:
Fußball ist die Sportart Nummer eins in Afrika. Das Turnier hat für die Menschen hier die Bedeutung einer Weltmeisterschaft. Der ganze Kontinent ist mobilisiert. Sportlich - und auch organisatorisch - muss sich der Afrika-Cup hinter keiner Europa- oder Südamerikameisterschaft verstecken. Von den besten Spielern der Welt werden viele in den nächsten drei Wochen in Ghana zu sehen sein: Die Topstars der Premier League wie Chelseas Didier Drogba, der für die Elfenbeinküste spielt, oder in meinem Kameruner Team ein Samuel Eto'o vom FC Barcelona.
Abendblatt:
Die große individuelle Klasse der afrikanischen Fußballer ist unbestritten, als Mannschaften aber haben sie bei Weltmeisterschaften bisher immer unter Wert abgeschnitten. Wo liegt das Problem?
Pfister:
In der Abstimmung der Mannschaftsteile, in der Koordination. Den afrikanischen Teams fehlt die Erfahrung aus regelmäßigen Vergleichen mit den besten europäischen und südamerikanischen Mannschaften. Das wird sich ändern. Die Fifa hält inzwischen weltweit fünf, sechs Spieltage im Jahr für internationale Testspiele frei. Je öfter Afrikaner auf Europäer und Südamerikaner treffen, desto schneller wird sich das Niveau angleichen.
Abendblatt:
Und 2010 gibt es in Südafrika den ersten Weltmeister aus Afrika?
Pfister:
Ich rechne fest damit, dass dann erstmals bei einer WM mindestens eine afrikanische Mannschaft das Halbfinale erreichen wird. Der Heimvorteil sollte dabei eine Rolle spielen, das Klima, die Umwelt, das Publikum.
Abendblatt:
Welchem Team trauen Sie den Coup zu?
Pfister:
Das Potenzial haben viele Nationen. Kamerun kann es schaffen, Nigeria, Ghana, die Elfenbeinküste, Tunesien, Ägypten und natürlich Gastgeber Südafrika. Dem afrikanischen Fußball gehört die Zukunft.
Abendblatt:
In der Gegenwart scheint es dagegen zahlreiche Schwierigkeiten zu geben. Ihr Kollege Berti Vogts, der die Nigerianer betreut, beklagt zum Beispiel die schlechte Zahlungsmoral seines Verbandes.
Pfister:
Berti Vogts soll aufhören rumzuweinen. Wie ich höre, hat er sein Geld inzwischen bekommen. Ich jedenfalls habe in all den Jahren auf meinen Stationen in Afrika, Asien und Arabien meine Gehälter und Prämien stets erhalten. Ich schließe allerdings auch keine Verträge mit irgendwelchen Agenten, sondern immer direkt mit der jeweiligen Verbandsspitze oder dem zuständigen Sportminister. Das hat bisher bestens funktioniert. Ich habe keine Außenstände.
Abendblatt:
Bei der WM 2006 in Deutschland, als sie Togo trainierten, sind Sie zwischenzeitlich zurückgetreten, weil es zwischen Verband und Mannschaft heftigen Streit um Prämien gab.
Pfister:
Das war eine diffizile Angelegenheit. Am Ende ist Geld geflossen, die Verabredungen sind eingehalten worden.
Abendblatt:
Es war damals von Korruption, Unterschlagung, Erpressung und Voodoo die Rede.
Pfister:
Ist das nicht ein herrliches Gebräu. Alle Vorurteile auf einem Haufen. Viele Leute machen sich wichtig, indem sie Gruselgeschichten über den afrikanischen Fußball erzählen. Die werden gern geglaubt, weil sich kaum jemand die Mühe macht, sie nachzuprüfen, und die Leute ihre vorgefertigte Meinung über Afrika kultivieren können. Natürlich ist Afrika ganz anders als Europa. Und das ist auch gut so. Aber: Nach meinen Erfahrungen ist der Fantasiegehalt solcher Geschichten weit höher als deren Wahrheitsgehalt. Vieles ist schlicht und einfach Geschwätz.
Abendblatt:
Was gibt es im afrikanischen Fußball zu verdienen?
Pfister:
Die Prämien für die Nationalmannschaft können sich schon sehen lassen. Da sind die Unterschiede zu Europa nicht mehr allzu groß.
Abendblatt:
Was zahlen die Vereine in den nationalen Ligen?
Pfister:
Ich habe vor meinem Engagement in Kamerun (ab Oktober 2007, die Red.) im Sudan den Spitzenklub Al Merriekh Omdurman trainiert. Dort verdient der Topstar im Jahr bis zu 600 000 Dollar netto. Das wären in Deutschland fast eine Million Euro brutto. Ein durchschnittlicher Spieler erhält bis zu 200 000 Dollar. In Ägypten sind die Verdienstmöglichkeiten ähnlich.
Abendblatt:
Woher kommt das Geld?
Pfister:
Wie in Deutschland aus Fernsehverträgen, von nationalen und internationalen Firmen, die als Sponsoren auftreten.
Abendblatt:
Wer kassiert bei Spielergehältern alles mit?
Pfister:
Auch in Afrika halten viele die Hand auf, auch dort gibt es Spielervermittler, gute wie schlechte.
Abendblatt:
Offensichtlich weit mehr schlechte. Der Schweizer Sepp Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, spricht von Menschenhandel und moderner Sklaverei.
Pfister:
Fußball ist oft auch ein schmutziges Geschäft. Viele versuchen mitzuverdienen. Das Hauptübel sind die Agenten ohne Fifa-Lizenz. Da hat Blatter recht, das sind in der Tat Menschenhändler. Die müssen aus dem Verkehr gezogen werden, worum sich die Fifa auch bemüht. Die haben schon so manche hoffnungsvolle Karriere zerstört, weil sie nur auf das Geld geschaut haben. Hauptsache Profivertrag, egal wo. Die haben junge Spieler aus ihrem Umfeld gerissen und irgendwohin verscherbelt. Wenn die Jungs dann als Fußballer scheitern, stehen sie fern ihres persönlichen Umfeldes vor dem Nichts, ohne Ausbildung, völlig entwurzelt. Dieselben Probleme existieren in Südamerika. Fragen Sie Pele. Der prangert immer wieder die Verhältnisse in seinem Heimatland Brasilien an. Wer in Afrika oder Südamerika in die falschen Hände kommt, ist verloren. Das ist die Tragödie.
Abendblatt:
Fußball ist für viele vielleicht die einzige Chance, dem Elend zu entkommen.
Pfister:
Umso schlimmer ist es, wenn ihnen dann diese Chancen von verantwortungslosen Agenten genommen werden.
Abendblatt:
Was ist zu tun?
Pfister:
Die nationalen Ligen müssen an Bedeutung gewinnen, der Exodus muss eingedämmt werden. In Kamerun gibt es derzeit rund 60 Profis, die im Ausland spielen, sogar in Indonesien. Da sind Leute darunter, von denen ich noch nie etwas gehört habe.
Abendblatt:
Die Spieler Ihres Kaders für den Afrika-Cup sind dagegen auch in Europa bekannt. Wie trainiert man eine Legionärs-Truppe?
Pfister:
Die freuen sich alle für Kamerun spielen zu dürfen. Für viele ist es eine Art Befreiung, dass sie für ein paar Wochen den Zwängen des europäischen Vereinsfußballs entfliehen können. Aus jedem Fehlpass wird dort ja ein Drama gemacht. In der Nationalmannschaft dagegen können sie ihre Spielfreude ausleben. Das genießen sie.
Abendblatt:
Können Ihre Spieler nicht mit Druck umgehen?
Pfister:
Druck haben Sie auch beim Afrika-Cup, vielleicht einen noch höheren. Sie wollen gewinnen, aber auf ihre Art. Der Afrikaner ist viel stärker unter Stress als der Europäer.
Abendblatt:
Warum?
Pfister:
Die Afrikaner sehen das Leben viel lockerer, als Geschenk, nicht als Last. Euphorie und Depression sind für die meisten unbekannte Gefühlsregungen. Viele kommen aus einer völlig anderen Welt, aus tiefster Armut und bitterem Elend. Was ist da ein verlorenes Fußballspiel gegen die existenziellen Nöte des Alltags? Nichts! Als ich mit der U 17 Ghanas 1991 Weltmeister wurde, herrschte in der Kabine fünf Minuten lang ausgelassene Freude. Alle tanzten, sangen, umarmten sich. Es war eine wunderbare Atmosphäre, aber nur für kurze Zeit. Die abrupte Rückkehr zur Normalität kam für einer Europäer schon überraschend.
Abendblatt:
Afrikanischen Mannschaften werden oft Disziplinprobleme nachgesagt. Wie schwierig sind diese Teams zu führen?
Pfister:
Kinderleicht, wenn man ihre Kultur begreift. Natürlich versteht ein Europäer etwas anderes unter Disziplin, aber die afrikanischen Spieler sind auf ihre Art auch diszipliniert. Sie wissen, dass ihr Talent ihr Brot und ihre Zukunft sind. Da herrscht schon eine gewisse Dankbarkeit.
Abendblatt:
Und die Bevölkerung neidet den Fußballstars deren Millionen nicht?
Pfister:
Neid ist eine deutsche Eigenschaft.







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