16.10.12

30 Jahre danach

Als der Fußball in Hamburg die Unschuld verlor

Vor 30 Jahren starb bei Fan-Krawallen in Hamburg der 16 Jahre alte Bremer Adrian Maleika. Es war der erste Todesfall der Bundesliga.

Von Jan Haarmeyer
Foto: dpa
Mahnende Fan Spruchb nder von Werder Bremen Fans bei UEFA Cup Spiel in Bremen
Vier Tage nach dem Spiel in Hamburg zeigen die Werder-Fans bei der Uefa-Cup-Partie gegen IK Brage aus Schweden im Bremer Weserstadion ihre Anteilnahme für den toten Adrian Maleika auf Transparenten

Dirk Mansen war 18 Jahre alt, als er sich am frühen Nachmittag des 16. Oktober 1982 auf den Weg zum Volksparkstadion machte, um das DFB-Pokalspiel des HSV gegen Werder Bremen zu besuchen. Drei Jahre zuvor hatte er beim Saisonfinale im Juni 1979 gegen Bayern München in der Westkurve im Block E ganz unten in der dritten Reihe gestanden. In der zweiten Halbzeit konnte er sich schon nicht mehr bewegen, so dicht gedrängt warteten die Fans auf den Abpfiff und die anschließende Feier der deutschen Meisterschaft. Nach dem Spielende drückten die Massen unerbittlich von oben, irgendwann brach der Zaun. Der 15-jährige Dirk wurde bewusstlos aus dem Menschenhaufen gezogen. Seitdem mied er Block E und feuerte den HSV nebenan in Block F an.

"Als ich an dem Waldstück vor dem Stadion vorbeikam, war dort alles voller Polizisten, aber keiner wusste, was genau passiert war", erinnert sich Mansen an den trüben Oktober-Sonnabend vor 30 Jahren. Erst später erfuhr er, dass kurz zuvor an der Sylvesterallee ein junger Werder-Fan von einem Mauerstein am Kopf getroffen worden war und im Krankenhaus um sein Leben kämpfte.

Adrian Maleika hat den Kampf verloren. Der 16-jährige Glaserlehrling aus Bremen starb am nächsten Tag im Altonaer Krankenhaus an einem Schädelbasisbruch. Der stille Jugendliche, den Freunde als zurückhaltend und freundlich beschreiben, war der erste Fußballfan in Deutschland, der seine Leidenschaft für das Spiel mit dem Leben bezahlen musste. "Blutige Schlacht vor dem HSV-Spiel: Ein Toter", titelte das Abendblatt am Montag. Und berichtete, dass die Polizei nach den Krawallen vier mit Gaspistolen, Leuchtmunition und Gassprühdosen bewaffnete Jugendliche festgenommen hatte.

"Ich war natürlich erschüttert, als ich von dem Tod des jungen Bremer Fans erfahren habe", sagt Dirk Mansen. Dieser schreckliche Vorfall, sagt er, sei für ihn auch der Anlass gewesen, sich später ehrenamtlich zu engagieren.

Jetzt steht er an einer großen Plakatwand im HSV-Museum. Dirk Mansen, 48, ist seit knapp zehn Jahren Leiter des HSV-Museums. Er kennt die Geschichte des Vereins wie kein Zweiter. Und er weiß, dass der Tod von Adrian Maleika für alle Zeiten zu dieser Geschichte gehören wird. Gehören muss.

Vor anderthalb Jahren wurde diese Wand gestaltet, auf der die Ereignisse von damals minutiös dokumentiert sind. "Wir möchten nicht, dass das in Vergessenheit gerät", sagt Mansen. "Wir wollen die Erinnerung wachhalten und verbinden damit die Hoffnung, dass so etwas nie wieder passiert."

Es war etwas anderes, vor 30 Jahren Fußballfan in Deutschland zu sein. Es gab keine organisierte Anhängerschaft, keine fantasievollen Choreografien vor den Spielen, keinen Lotto King Karl mit "Hamburg, meine Perle" und keine Fan-Beauftragten in den Vereinen. Schlägereien zwischen den Fan-Gruppierungen waren nichts Ungewöhnliches. "Wenn man mit dem Zug in Köln oder Duisburg auf dem Bahnhof angekommen ist, wurde man schon erwartet", sagt Mansen. Als Motto galt: "Bevor ich auswärts einstecke und meinen Schal und meine Fahne loswerde, teile ich lieber selbst aus."

Es gab Vereine, mit denen pflegten die HSV-Fans Freundschaften - wie Frankfurt, Dortmund oder Nürnberg. Und andere, mit denen es regelmäßig Stress gab. Bayern, Schalke, Köln, Hertha und eben auch Bremen. "Dort gab es auch in den Jahren zuvor schon mal Randale", sagt Mansen.

Fan-Gruppen wie die Fußball-Rocker der Barmbeker Löwen oder die Werder-Wölfe suchten den Streit. Und dafür mussten sie der Polizei aus dem Weg gehen. "Die Auseinandersetzung vor dem Volksparkstadion ist entstanden, weil beide Seiten sich gesucht und gefunden haben", sagt Mansen.

Die Frage ist, warum Adrian Maleika an diesem Sonnabend nicht, wie viele Werder-Fans, an der S-Bahn-Station Stellingen ausgestiegen war. Dort wurden die Bremer Anhänger von Polizisten in Empfang genommen, die sie zum Stadion begleiteten. Maleika und rund 50 andere Bremer aber fuhren eine Station weiter und stiegen in Eidelstedt aus. "Keiner weiß, wie und warum Adrian da reingeraten ist", sagt Dirk Mansen. Er hat den Text auf der Plakatwand im Museum mit Uwe Jahn, der mit Adrian Maleika im Bremer Fan-Klub "Die Treuen" gewesen ist, abgesprochen.

"Adrian hatte an diesem Tag extra keine Werder-Kutte angezogen, das war ihm zu gefährlich, deswegen ist er sozusagen in Zivil nach Hamburg gefahren", sagt Uwe Jahn. Der 52-jährige Soldat aus Bremen kennt noch die Zeiten, in denen es Freundschaften zwischen HSV- und Werder-Fans gegeben hatte. "In den 70er-Jahren konnte ich sogar mit Werder-Kutte im Volksparkstadion im Block E stehen", sagt Uwe Jahn, "das war überhaupt kein Problem."

Doch irgendwann ist das gekippt. HSV-Fans wurden in Bremen attackiert, Uwe Jahn selbst nach einem Auswärtsspiel der Bremer in Hamburg am U-Bahnhof Jungfernstieg von HSV-Fans mit Leuchtkugeln beschossen. "Unsere Leute vom Fan-Projekt haben danach die Hamburger Polizei darauf hingewiesen, dass es beim Pokalspiel gefährlich werden könnte", sagt Jahn.

Er selbst ist an dem Sonnabend mit seinem kleinen Bruder im Auto nach Hamburg gefahren. Vor dem Volksparkstadion wollten sich "Die Treuen" treffen. "Wo ist Adrian?", haben sie sich gefragt. Auf der Rückfahrt im Autoradio haben sie dann gehört, dass bei den Krawallen ein Fan lebensgefährlich verletzt worden war. "Aber da haben wir überhaupt nicht daran gedacht, dass das Adrian sein könnte", sagt Jahn.

Er schildert Adrian als ruhigen jungen Menschen, der sich in der Gruppe sehr wohlgefühlt hat und gerade dabei war, sich zu etablieren, erwachsen zu werden. Kein Lautsprecher, aber durchaus witzig. Keiner, der über die Stränge schlug, weil er ja jeden Morgen wieder früh rausmusste, um seine Lehre als Glaser zu bestehen. Und "Die Treuen" waren sowieso kein Fan-Klub, der auf Randale aus war. Sie wollten Fußball sehen und ihre Mannschaft unterstützen.

Geprügelt haben andere. Dabei galt bis dahin die Regel, dass nur die Fäuste fliegen. Dass plötzlich Ziegelsteine auf Menschen geworfen wurden, war eine völlig neue Dimension der Gewalt.

Wolfgang Klein, 71, muss bei jedem Bericht über randalierende Fans wieder an den 16. Oktober 1982 denken. "Dann kommen die Erinnerungen jedes Mal wieder hoch", sagt der Rechtsanwalt, der von 1979 bis 1987 Präsident des HSV gewesen ist. Er hat sich immer wieder gefragt, ob er sich irgendwelche Vorwürfe machen muss, weil er als Klubboss den Tod des jungen Werder-Fans nicht verhindern konnte. "Aber wir hatten einen hervorragenden Ordnungsdienst", sagt er. Und auch die Polizei habe keine Fehler gemacht. "Wir waren einfach auf diese Brutalität, auf solch eine Eskalation der Gewalt nicht vorbereitet", sagt Klein, der den Eltern von Adrian Maleika damals einen langen Brief geschrieben hat.

Drei Monate später kam es in Scheeßel, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Bremen, zu einer Art Friedensgipfel. 200 Fans und Vertreter beider Klubs, darunter die Manager Günter Netzer und Willi Lemke, einigten sich auf den "Frieden von Scheeßel". Eine Art Stillhalteabkommen und der erklärte Verzicht auf Racheaktionen.

"Wir standen damals alle unter Schock", sagt der ehemalige HSV-Manager Günter Netzer heute. "Das war eine völlig neue Dimension der Gewalt, die da auf uns zurollte." Und deshalb suchten die Verantwortlichen das Gespräch mit den Fans. Zum ersten Mal. "Es war der Zeitpunkt, zur Besinnung zu kommen. Und die Chance, aufeinander zuzugehen", sagt Netzer, der auch an der Beerdigung von Adrian Maleika teilgenommen hat.

Zusammen mit Werder-Manager Willi Lemke beschlossen sie, den Wahnsinn zu stoppen. Die Tragödie war der Beginn des Dialogs der Klubs mit ihren Fans. "Das Komische war ja", sagen Lemke und Klein im Rückblick, "dass sich die Leute an der Spitze der beiden Vereine bestens verstanden haben. Unter uns gab es ja wirkliche Freundschaften." Umso erschütterter waren sie. "Ich bin ja Hamburger", sagt Lemke, "und ich konnte diesen Hass überhaupt nicht nachvollziehen. Ich habe das nicht für möglich gehalten."

Wer aber hat den tödlichen Stein geworfen? Von 16 Beschuldigten wurden acht angeklagt. Wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruchs oder Beteiligung an einer Schlägerei. Der Prozess endete am 19. Dezember 1983 mit fünf Freisprüchen. Der Hauptangeklagte Peter L., der inzwischen gestorben ist, bekam mit zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis die höchste Strafe. Bernhard B. erhielt zwölf Monate auf Bewährung, Caren G. wurde zu zehn Arbeitsmaßnahmen gemeinnütziger Tätigkeit verurteilt.

Im Prozess vor der 4. Strafkammer des Hamburger Landgerichts bestritten alle Angeklagten eine Tatbeteiligung. Die Aussagen waren widersprüchlich. Es fielen Sätze wie: "Ich wurde von einem Steinhagel begrüßt, als ich dort ankam." Oder: "Ich habe Panik bekommen, weil Leuchtkugeln direkt über meinen Kopf geflogen sind."

Der Schuldige ist nie ermittelt worden. Vielleicht weiß er nicht mal, dass er den tödlichen Stein geworfen hat.

Einer aber gibt sich bis heute die Schuld. Roland Maleika, der fünf Jahre ältere Bruder von Adrian, hat nach 30 Jahren vor der NDR-Kamera erstmals über die Tragödie gesprochen. Mit seinen Eltern und seiner Frau geht er einmal in der Woche auf den Friedhof zum Grab seines kleinen Bruders.

"Ich hatte vor 30 Jahren gerade meine Frau kennengelernt und sie an diesem Tag zu einem Badminton-Turnier in Langen bei Bremerhaven begleitet", sagt Roland Maleika im Gespräch mit dem Abendblatt. "Und deshalb ist mein kleiner Bruder ohne mich nach Hamburg gefahren." Warum Adrian nicht in Stellingen ausgestiegen ist, kann sich Roland nur so erklären: "Vielleicht wollten sie dem Ärger aus dem Weg gehen." Er ist der Sache nicht nachgegangen. Hat nicht Tage später jeden Einzelnen aus dem Fan-Klub gefragt: Wie war das genau? Wo war Adrian? Wer hat ihn zuletzt gesehen? Wie konnte das passieren? "Ich habe das nicht aufgearbeitet", sagt Roland Maleika. "Wir standen so unter Schock, da hatte ich gar nicht das Bedürfnis."

Was er gehört hat, waren Berichte von Augenzeugen, die gesehen haben, dass vier oder fünf Leute noch auf Adrian eingetreten haben, als er schon am Boden lag. "Das war ja das Schlimme." Als er am Sonntag früh ins Krankenhaus kam, hat er bei seinem Bruder grüne und blaue Flecken an Gesicht und Oberkörper gesehen.

Abends um 18 Uhr sind sie zurück nach Bremen gefahren. Die Ärzte hatten gesagt, dass es lange dauern könne, bis Adrian wieder aufwacht. Als sie zu Hause ankamen, bekamen sie die Todesnachricht. "Das war doch mein kleiner Bruder", sagt Roland Maleika, "ich war bis dahin immer für ihn verantwortlich und habe auf ihn aufgepasst. Das Schuldgefühl werde ich nicht los. Es wird mich begleiten, bis ich mal nicht mehr bin." Er hat gedacht, dass die Trauer irgendwann weniger wird. "Aber die Zeit heilt keine Wunden", sagt er.

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