17.08.12

Fußball-Nationalmannschaft

DFB: Generaldebatte nach der Kahn-Kritik

Der frühere Nationaltorhüter attackierte das Löw-Team nach der 1:3-Niederlage gegen Argentinien scharf. Andreas Brehme weist die Kritik zurück.

Foto: dapd/DAPD
Nach der Kahn-Kritik erhielt Joachim Löw, 52, prominente Rückendeckung
Nach der Kahn-Kritik erhielt Joachim Löw, 52, prominente Rückendeckung

Frankfurt am Main. Das Gewitter kam zu spät. Erst drei Stunden nach Abpfiff ging ein gewaltiger Guss über Frankfurt nieder und kühlte die Stadt ab, die zuvor bei 35 Grad gedampft und geschwitzt hatte. Immerhin waren die tropischen Temperaturen von den deutschen Fußball-Nationalspielern nicht als Erklärung für das 1:3 gegen Argentinien angebracht worden. Es war von Pech die Rede und von einem unglücklichen Spielverlauf. Und dafür setzte es ein Donnerwetter.

Nicht von Bundestrainer Joachim Löw. Der hatte seine Spieler in bewährter Manier in Schutz genommen, hatte die Rote Karte hervorgehoben, die Torwart Ron-Robert Zieler nach einer halben Stunde gesehen hatte.

Nein, es war Oliver Kahn, der am ZDF-Mikrofon lospolterte. "Soll ich jetzt auch noch in den Tenor einstimmen: alles toll, alles gut? 1:3 verloren, wo ist das Problem?", fragte er Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein.

+++ Löw: "Das Ergebnis ist schlechter als das, was wir gespielt haben" +++

Es war eine rhetorische Frage, natürlich. Denn Kahn stand unter Dampf, das war offensichtlich, und Müller-Hohenstein brauchte ihn nur anzupieksen, schon ging er hoch. Die Defensive, die habe ihm nicht gefallen, schimpfte er. Löw müsse sich langsam mal Gedanken machen, ob seine Spielphilosophie, die ja auf offensives, schnelles Spiel setzt, wirklich sinnvoll sei.

Doch es ging dem einstigen Welttorhüter gar nicht um die Abwehr. Es ging Kahn ums Prinzip. "Wir verlieren blutleer gegen Italien. Kriegen nun wieder drei Stück von Argentinien. Und dann stellen sich die Jungs hin und sagen: ,Pffft, morgen geht's weiter'", sagte Kahn. Er jedenfalls würde sich ärgern bei solch einer Niederlage.

Aber hat Kahn überhaupt recht mit seiner Generalkritik? Haben die deutschen Nationalspieler bei all ihrer Begabtheit die wohl wichtigste Sporttugend nicht verinnerlicht: das Gewinnenwollen - koste es, was es wolle?

Das Argentinien-Spiel allein taugt nur begrenzt, diese Frage zu beantworten. Der Sinn des Termins anderthalb Wochen vor dem Ligastart ist hinreichend diskutiert worden, das Fehlen von sechs deutschen Stammkräften tat ein Übriges - und in der Tat ist es gegen die spielstarken Argentinier nahezu unmöglich, eine Stunde in Unterzahl unbeschadet zu überstehen.

Doch gibt es da tatsächlich ein grundsätzliches Problem? "Nein", sagt Andreas Brehme, der 1990 die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit seinem Elfmeter im Finale gegen Argentinien zum Weltmeistertitel schoss. Gegen Italien habe die Nationalmannschaft einen schlechten Tag erwischt, "so etwas kommt vor und ist leider nicht immer zu erklären". Dass aber Löws Männern prinzipiell der Biss fehlen würde, sieht Brehme nicht.

+++ Experte ist nicht gleich Fachmann +++

Auch nicht Hansi Müller, der bis 1983 in 42 Länderspielen das Trikot mit dem Adler trug. "Ich halte es für Unfug, solch ein Spiel als Maßstab für eine Kritik zu nehmen, wie sie Kahn geübt hat", sagte Müller, "ein paar Sachen von denen, die Kahn im Fernsehen genannt hat, kann ich ja nachvollziehen. Aber es bringt doch jetzt nichts, unter den gegebenen Umständen derart hart mit der Mannschaft ins Gericht zu gehen."

Natürlich hat auch Löw Kahns Kritik zur Kenntnis genommen, zum Teil stand er nach dem Spielende im ZDF-Studio ja sogar neben seinem ehemaligen Torwart. "Ich teile seine Meinung bedingt", sagte der Bundestrainer diplomatisch: "Gegen Argentinien haben wir es im Zentrum schwergehabt. Einige Situationen hätten wir besser lösen können." Ein grundlegendes Einstellungsproblem sieht er aber nicht. Löw sieht sich und seine Mannschaft weiter auf dem richtigen Weg. Und auf diesem Weg steht als Nächstes die Qualifikationsrunde für Brasilien 2014 an. Am 7. September sind die Färöer in Hannover der Gegner. Dort muss dann gelingen, was gegen Argentinien versagt blieb: der 500. Sieg einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik
Ron-Robert Zieler: Für den Vertreter von Manuel Neuer war das zweite Länderspiel ein kurzes Vergnügen. Zuvor kaum geprüft, wurde der Torhüter von Hannover 96 nach einer halben Stunde wegen einer Notbremse des Feldes verwiesen.
Jerome Boateng: Der Münchner rückte nach dem Ausscheiden von Mats Hummels von der rechten Außenbahn ins Abwehrzentrum. Auf beiden Positionen wirkte Boateng zu oft zögerlich und fahrig im Zweikampf.
Mats Hummels (bis 25.): Nach einem Zusammenprall mit Gonzalo Higuain musste der Dortmunder bereits in der 25. Minute mit einer leichten Halswirbelverrenkung vom Feld. Zuvor hatte er in seinen Abwehraktionen nicht immer souverän gewirkt.
Holger Badstuber: Der 23-Jährige agierte nicht immer souverän, aber ein wenig sicherer als seine defensiven Nebenleute. Am Spielaufbau beteiligte er sich aber nur selten.
Marcel Schmelzer: Der Dortmunder ersetzte Kapitän Philipp Lahm, der am Mittwochnachmittag erstmals Vater geworden war, auf der linken defensiven Außenbahn. Nach vorn hatte der 24-Jährige einige gute Aktionen, hinten war er nicht immer stabil.
Lars Bender (bis 74.): Der Leverkusener engte den Aktionsradius von Weltfußballer Lionel Messi nur phasenweise gekonnt ein. Im Spiel nach vorn setzte der zweite Sechser neben Sami Khedira kaum Akzente. Beim 0:2 kam er gegen Messi zu spät.
Sami Khedira (bis 69.): In Abwesenheit von Bastian Schweinsteiger versuchte der 25-Jährige, das Kommando im Mittelfeld zu übernehmen. Zuweilen gelang dies dem Profi von Real Madrid ansprechend - allerdings hatte er beim Eigentor Pech.
Thomas Müller (bis 32.): Der 22-Jährige trat bis zu seiner frühen Auswechslung kaum in Erscheinung. Bundestrainer Joachim Löw nahm den Münchner nach Zielers Platzverweis vom Feld und brachte Torhüter Marc-Andre ter Stegen ins Spiel.
Mesut Özil (bis 69.): Der Regisseur war nur selten Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels. Der Stratege von Real Madrid ließ sein Können zwar hin und wieder aufblitzen, ist aber noch ein Stück von seiner Topform entfernt.
Marco Reus: Der Flügelspieler, der vor dem Anpfiff als "Fußballer des Jahres" ausgezeichnet wurde, war bester deutscher Spieler und meldete Ansprüche auf einen Stammplatz an. Mit einem Pfostenschuss (49.) sorgte der Dortmunder auch für die beste Chance seines Teams.
Miroslav Klose (bis 62.): Der 34-Jährige führte die DFB-Elf in seinem 122. Länderspiel als Kapitän aufs Feld und war mehr Vorbereiter als Torjäger. Klose leitete einige Angriffe gefährlich ein, kam selbst aber kaum gefährlich zum Zuge.
Benedikt Höwedes (ab 25.): Der Schalker kam für Hummels und übernahm die rechte Abwehrseite. Nachdrücklich für einen Stammplatz empfehlen konnte sich der 24-Jährige aufgrund einiger Nachlässigkeiten und Schwächen im Stellungsspiel aber nicht – trotz seines ersten Länderspieltores.
Marc-Andre ter Stegen (ab 32.): Der 20-Jährige feierte in seinem zweiten Länderspiel einen Traumeinstand. Kaum zehn Sekunden auf dem Feld hielt der Mönchengladbacher Messis Elfmeter. Bei den Gegentoren schien er machtlos.
Andre Schürrle (ab 62.): Der Leverkusener sorgte nach seiner Hereinnahme für frischen Wind in Deutschlands Offensive und zeigte guten Zug zum Tor.
Toni Kroos (ab 69.): Der Münchener konnte dem Spiel keine Wendung mehr geben.
Ilkay Gündogan (ab 69.): Der 21 Jahre alte Dortmunder sammelte in seinem dritten Länderspiel weitere internationale Erfahrung.
Mario Götze (ab 74.): Der Dortmunder muss sich seiner Verletzung und der Reservistenrolle bei der EM langsam wieder an die Stammelf heranarbeiten. Seine Vorlage zum 1:3 war ein guter Anfang.
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