26.05.12

Nationalmannschaft

Herber Dämpfer für DFB-Elf in der Schweiz

Deutsche Abwehr desolat beim 3:5 im vorletzten EM-Test in Basel. Hummels, Schürrle und Reus treffen für Deutschland. Dreierpack von Derdiyok.

Foto: dpa/DPA

Desolate Abwehr: Per Mertesacker, Marc-Andre ter Stegen and Marcel Schmelzer (v.l.) nach dem zwischen zietlichen 0:2

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Basel. Ohne die Profis von Bayern München ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nur ein Schatten ihrer selbst. Genau zwei Wochen vor ihrem ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal kassierte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw gegen die nicht für die EURO qualifizierte Schweiz eine derbe 3:5 (0:2)-Packung und damit eine historische Niederlage. Kuriosum am Rande: Das erste Länderspiel der DFB-Geschichte am 5. April 1908 verlor die Nationalmannschaft in Basel mit exakt demselben Ergebnis.

Der künftige Hoffenheimer Eren Derdiyok leitete mit seinem Dreierpack (21., 23., 50.) den ersten Sieg der von Ottmar Hitzfeld trainierten Eidgenossen gegen den Nachbarn seit dem 21. November 1956 ein. Damals gewannen die Schweizer 3:1 in Frankfurt, anschließend blieben sie 18-mal in Folge ohne Sieg. Mats Hummels mit seinem ersten Länderspieltreffer vor der Pause (45.) sowie Andre Schürrle (64.) und Marco Reus (72.), der ebenfalls erstmals im DFB-Trikot traf, konnten zwischenzeitlich jeweils nur verkürzen. Den vierten Schweizer Treffer erzielte Stephan Lichtsteiner (67.), Admir Mehmedi (76.) machte gegen die in der Defensive völlig indisponierte deutsche Elf alles klar. Zuletzt hatte die deutsche Elf am 28. April 2004 beim 1:5 in Rumänien fünf Gegentore kassiert.

"Das hätten wir nicht gedacht. Über dieses Ergebnis kann man sich nicht freuen. Nach vielen intensiven Einheiten war mir aber schon klar, dass die Konzentration fehlt. Es sind viele Fehler passiert", sagte Bundestrainer Joachim Löw, der mit Blick auf die EM aber gelassen blieb: "Wir haben noch zwei Wochen Zeit, die Abstimmung wird besser werden - ich habe keine Bedenken." Seine Spieler fanden derweil deutliche Worte, vor allem Miroslav Klose. "So eine Leistung ist nicht erklärbar. Wir sollten nicht nach Ausreden suchen. Das ist reine Kopfsache. Wir haben mit der ganzen Mannschaft nicht gut gestanden", sagte der Ersatz-Kapitän. Debütant Julian Draxler war ernüchtert: "Das habe ich mir natürlich ganz anders vorgestellt. Aber wir sollten jetzt nicht den Teufel an die Wand malen." Abwehrchef Per Mertesacker meinte: "Wir haben zum Glück noch ein wenig Zeit. Das ist die beste Erkenntnis aus diesem Spiel."

+++ Das Spiel im Liveticker +++

Vor 27.381 Zuschauern im St.-Jakob-Park von Basel konnte die intensive Vorbereitung der deutschen Mannschaft auf die EURO in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) ebenso wenig als Entschuldigung für den über weite Strecken leblosen Auftritt des EM-Favoriten herhalten wie das Fehlen von Kapitän Philipp Lahm und der übrigen Bayern-Stars. Vor allem die Probleme in der Hintermannschaft müssen Löw, der ausgenommen der Turnierauftritte erstmals als Bundestrainer ein Auswärtsspiel verlor, Angst und Bange machen. Denn der Auftritt der Viererkette mit Benedikt Höwedes, Per Mertesacker, Hummels und Marcel Schmelzer war häufig vogelwild und machte wenig Hoffnung.

Zwar hatten die Gäste in ihrem vorletzten Test vor der EM zunächst deutlich mehr Spielanteile, klare Chancen konnte sich der WM-Dritte aber nicht erspielen. Der künftige Hoffenheimer Derdiyok vergab bereits in der 15. Minute eine gute Gelegenheit für die Gastgeber. Nach seinen Nationalmannschaftstreffern fünf und sechs, bei denen vor allem die Innenverteidiger Hummels und Mertesacker schlecht aussahen, hätte der Leverkusener dann in der 25. Minute sogar auf 3:0 erhöhen können. Er scheiterte aber an Marc-Andre ter Stegen, der glänzend reagierte. Der erst 19 Jahre alte Torwart von Borussia Mönchengladbach feierte sein Debüt in der Nationalmannschaft. Der Einsatz des Shootingstars könnte ein Fingerzeig darauf sein, dass Löw ihn auch mit zur EM nimmt und dafür entweder Ron-Robert Zieler von Hannover 96 oder den künftigen Hoffenheimer Tim Wiese zu Hause lässt. Allerdings patzte ter Stegen beim vierten Schweizer Treffer, als er gegen Lichtsteiner zu spät kam. Bei den anderen Gegentoren war er machtlos.

++ Löw und die DFB-Elf: Alles eine Sache der Vorbereitung +++

Am 29. Mai muss Löw bei der UEFA seinen endgültigen 23-köpfigen Kader für das Turnier in Polen und der Ukraine benennen und bis dahin aus seinem vorläufigen Aufgebot noch einen Schlussmann und drei Feldspieler streichen. Als Streichkandidat gilt auch Ilkay Gündogan, der nach der Pause gemeinsam mit Marco Reus für etwas frischeren Wind sorgte. Die beiden Real-Madrid-Stars Mesut Özil und Sami Khedira spielten unauffällig und mussten nach 45 Minuten wie von Löw angekündigt weichen. Im Mittelfeld stand beim Anpfiff ein wenig überraschend Mario Götze in der Startelf, die sehr offensiv ausgerichtet war. In Khedira stand nur ein "Sechser" in der Mittelfeldreihe. Götze agierte in zentraler Position, ihm gelang aber nicht allzu viel. Dies galt auch für Ersatz-Kapitän Miroslav Klose, der als einzige deutsche Spitze auf verlorenem Posten stand. Auch Schürrle erwischte trotz seines sechsten Länderspieltreffers auf der für ihn ungewohnten rechten Außenbahn einen rabenschwarzen Tag.

Im zweiten Durchgang schockte Derdiyok den dreimaligen Europameister erneut mit dem frühen 3:1, anschließend wurden die Gäste aber etwas aktiver. Reus deutete einige Male seine Torgefährlichkeit an, zu viel mehr reichte es aus deutscher Sicht aber nicht. Der Schalker Julian Draxler feierte ebenso wie ter Stegen noch seine Premiere (ab 63.). Beste Schweizer waren Derdiyok und dessen Leverkusener Teamkollege Tranquillo Barnetta, der bei seinem Comeback im Nationalteam alle drei Treffer vorbereitete. In der DFB-Auswahl konnte kein Spieler überzeugen.

Am kommenden Donnerstag findet in Leipzig die EM-Generalprobe der DFB-Auswahl gegen Israel statt, ehe Löw seinen Spielern noch einen Kurzurlaub gewährt. Am 4. Juni fliegt die deutsche Mannschaft dann in ihr WM-Quartier nach Danzig.

Schweiz - Deutschland 5:3 (2:1)

Schweiz: Benaglio/VfL Wolfsburg (28 Jahre/43 Länderspiele) - Lichtsteiner/Juventus Turin (28/47), Senderos/FC Fulham (27/46), von Bergen/AC Cesena (28/26), Ziegler/Fenerbahce Istanbul (26/29) - Inler/SSC Neapel (27/56), Fernandes/Udinese Calcio (25/38) ab 90.+2 Djourou/FC Arsenal (25/31) - Barnetta/Bayer Leverkusen (27/60) ab 77. Stocker/FC Basel (23/11), Xhaka/FC Basel (19/8) ab 90. Wiss/FC Lutern (21/1), Mehmedi/Dynamo Kiew (21/9) - Derdiyok/Bayer Leverkusen (23/38). - Trainer: Hitzfeld

Deutschland: ter Stegen/Borussia Mönchengladbach (20/1) - Höwedes/Schalke 04 (24/8) ab 78. Sven Bender/Borussia Dortmund (23/2), Mertesacker/FC Arsenal (27/80), Hummels/Borussia Dortmund (23/14), Schmelzer/Borussia Dortmund (24/6) - Khedira/Real Madrid (25/26) ab 46. Gündogan/Borussia Dortmund (21/2) - Schürrle/Bayer Leverkusen (21/13), Götze/Borussia Dortmund (19/13) ab 78. Lars Bender/Bayer Leverkusen (23/5), Özil/Real Madrid (23/32) ab 46. Reus/Borussia Mönchengladbach (22/5), Podolski/1. FC Köln (26/96) ab 62. Draxler/Schalke 04 (18/1) - Klose/Lazio Rom (33/115) ab 77. Cacau/VfB Stuttgart (31/23). - Trainer: Löw

Schiedsrichter: Antony Gautier (Frankreich)

Tore: 1:0 Derdiyok (21.), 2:0 Derdiyok (23.), 2:1 Hummels (45.), 3:1 Derdiyok (50.), 3:2 Schürrle (64.), 4:2 Lichtsteiner (67.), 4:3 Reus (72.), 5:3 Mehmedi (76.)

Zuschauer: 27.381

Beste Spieler: Derdiyok, Barnetta -

Gelbe Karten: Inler - Hummels


Schon heute können Sie hier Bundestrainer spielen und vier Spieler aus dem Kader aussortieren. Wählen Sie dazu unten Ihren Streichkandidaten für die Torwartposition und drei Feldspieler aus und stimmen Sie ab!

Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik
Marc-Andre ter Stegen: Bitterer kann die Nationalelf-Karriere nicht starten: Fünf Gegentore bei der Premiere. Beim vierten patzte er selbst.
Benedikt Höwedes: Kam gegen den brillanten Tore-Vorbereiter Barnetta nie in die Zweikämpfe. Versuchte wenigstens, nach vorne zu punkten.
Mats Hummels: In der Spieleröffnung, in Zweikämpfen und im Stellungsspiel schwach. Sein erstes Länderspieltor konnte das nicht wettmachen.
Per Mertesacker: Wettkampf ist kein Training. Im ersten Spiel nach drei Monaten völlig indisponiert. Reagierte bei den Gegentoren schlecht.
Marcel Schmelzer: Der Dortmunder bekam keinen Zugriff auf die Schweizer. Stand oft schlecht, nach vorn ohne Wirkung. Löw muss grübeln.
Sami Khedira: Sah die Partie wohl nur als lästige Pflichtaufgabe. Ohne Esprit, ohne Kraft. Durfte nach 45 Minuten in der Kabine bleiben.
Mario Götze: Das Pendeln zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld überforderte ihn. Ein Spiel zum Vergessen für den 19-Jährigen.
Andre Schürrle: Wie viele Kollegen lange nicht zu sehen. Dann mit Zug zum Tor. Mit 6. Treffer im 13. Spiel belohnt. Ging insgesamt mit unter.
Mesut Özil: Der Spielmacher versuchte einiges, nicht viel gelang. Die wenigen Ideen fanden keinen Abnehmer. Wirkte genervt. Zur Pause raus.
Lukas Podolski: Jetzt wie Berti Vogts bei 96 Länderspielen! Das war für ihn das Beste. Spielte wie mit Bleischuhen. Ein einziger Schuss!
Miroslav Klose: Der persönliche Kampf um die EM-Form wird knapp. Zu selten im Spiel, konnte sich nicht durchsetzen. Zu schwacher Schuss (49.).
Marco Reus: Kam nach der Pause, startete gleich mit einem Flankenlauf. Ein Lichtblick. Mutiger Weitschuss (57.) – dann sein Premierentor (64.).
Ilkay Gündogan: Der Dortmunder brachte auch keine Organisation in die Mittelfeld-Zentrale. In den Zweikämpfen wenigstens bissig.
Julian Draxler: Debüt nach 62 Minuten: 52. Neuling unter Löw. Führte sich mit einer Schusschance ein. Der 18-Jährige belebte die Offensive.
Lars Bender: Nach dem fünften Gegentor sollte er im defensiven Mittelfeld noch Schlimmeres verhindern.
Sven Bender: Der Dortmunder Double-Gewinner erlöste Höwedes erst beim Stand von 3:5 auf der rechten Verteidiger-Position.
Cacau: Durfte auch noch ein paar Minuten mitmachen. Rückt für Klose in die Angriffsspitze. Bewirken konnte er nichts mehr.
Quelle: dpa
Der EM-Fahrplan der Fußball-Nationalmannschaft
Der EM-Fahrplan der Fußball-Nationalmannschaft
11. Mai: Treffpunkt in Frankfurt/Main und Abreise ins Trainingslager auf Sardinien
14. Mai: Ankunft von Miroslav Klose im Trainingslager
15. Mai: Ankunft der fünf Dortmunder EM-Kandidaten
18. Mai: Umzug ins Trainingslager in Südfrankreich
20. Mai: Ankunft von Mesut Özil und Sami Khedira
26. Mai: Länderspiel gegen die Schweiz in Basel
27. Mai: Ankunft der acht Bayern-Spieler in Südfrankreich
29. Mai: UEFA-Meldeschluss für den 23-köpfigen EM-Kader
30. Mai: Transfer von Nizza nach Leipzig
31. Mai: Länderspiel gegen Israel in Leipzig
1. – 3. Juni: Kurzer Heimaturlaub der Nationalspieler
4. Juni: Anreise ins EM-Quartier nach Danzig
9. Juni: Deutschland – Portugal in Lwiw
13. Juni: Deutschland – Niederlande in Charkow
17. Juni: Deutschland – Dänemark in Lwiw
21./22. Juni: evtl. EM-Viertelfinale in Warschau/Danzig
27./28. Juni: evtl. EM-Halbfinale in Donezk/Warschau
1. Juli: evtl. EM-Finale in Kiew
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