09.07.10Fussball-WM 2010 in Südafrika
Wie Deutschland den Abstand zu Spanien verkürzen will
2012 wartet die nächste große Aufgabe für die deutsche Mannschaft. Dann ist EM. Bis dahin soll der Abstand zu Spanien verkürzt sein.
Von Alexander Laux
Foto: Getty
Ein tief enttäuschter Philipp Lahm nach der 0:1-Niederlage der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Spanien bei der WM in Südafrika.
Erasmia.
Vor zwei Jahren, am 29. Juni 2008, machte die deutsche Nationalmannschaft ihre erste Grenzerfahrung mit Spanien. Im Wiener Ernst-Happel-Stadion verlor sie das EM-Finale mit 0:1 und war dabei völlig chancenlos. Zwei Jahre später, nach dem 0:1-K.-o. im
WM-Halbfinale
, bekam die DFB-Auswahl erneut ihre Grenzen aufgezeigt - was auf den ersten Blick wie Stillstand klingt. Aber der Eindruck täuscht. Am Mittwochabend spielte eine Mannschaft, die noch mitten in ihrer Entwicklung steckt, gegen ein Team in der Blüte seiner Leistungsstärke.
Von der "
besten Mannschaft
, in der er bisher für Deutschland gespielt" habe, hatte Philipp Lahm vor dem Turnier geschwärmt und durfte sich bestätigt darin fühlen, dass die Nationalmannschaft unter der Führung von Bundestrainer Joachim Löw ein beachtliches internationales Niveau erreicht hat. Aber um "die beste Mannschaft der Welt" zu schlagen, wie Bastian Schweinsteiger die Spanier einstufte, dafür war diese DFB-Elf noch nicht bereit.
"Um gegen so eine Mannschaft bestehen zu können, musst du kompakt stehen und taktisch sehr gut spielen, aber in dieser Hinsicht haben uns in der Vorbereitung ein paar Tage gefehlt", glaubte Schweinsteiger. Doch selbst bei einem längeren Zusammensein mit den verspätet angereisten Bayern-Spielern wäre wohl kaum der Umstand zu kompensieren gewesen, dass die Spanier sowohl in ihrer Nationalmannschaft als auch im Verein - sechs Feldspieler kamen vom FC Barcelona - seit einigen Jahren ihren Spielstil zur Reife gebracht haben. Anders als die Deutschen waren Xavi & Co. selbst in Bedrängnis in der Lage, schnelle, präzise Pässe zu spielen und wie ein unkontrollierbarer Bienenschwarm über die Deutschen herzufallen. In der Defensive diente Spanien erneut als Lehrmeister für eine kompakte Arbeit in nahezu perfekter Raumgestaltung.
Allerdings war der Angriffsschwung ohne den gesperrten Thomas Müller auch entscheidend geschwächt. Ausfälle dieser Güte kann der deutsche Kader eben auch noch nicht verkraften. "Thomas hat zuletzt überragend gespielt, er war torgefährlich und unberechenbar. Er hätte uns gegen Spanien sehr gut getan", gestand Löw ein. Nach dem Halbfinalaus wurde noch im Stadion darüber diskutiert, ob der Rückstand zu den Spaniern bis zur
EM 2012
aufgeholt werden kann. "Wir haben die Möglichkeiten, das Niveau der Spanier zu erreichen und ganz oben mitzuspielen, weil unsere Qualität stimmt", glaubt Lahm, "uns steht alles offen, aber es wird kein Selbstgänger." Der "Mangel an Erfahrenheit", der laut Schweinsteiger letztlich den Ausschlag für den Sieg der Spanier gegeben habe, spricht auf der anderen Seite dafür, dass sich die Mannschaft bis zum Turnier in Polen und der Ukraine steigern kann und wird. Anders als bei früheren Turnieren ist kein einziger Rücktritt zu erwarten. Joachim Löw, sollte er erwartungsgemäß Bundestrainer bleiben, kann mit hochtalentierten Fußballern wie Mesut Özil, Thomas Müller oder Sami Khedira weiter am Verfeinern seines von der Offensive geprägten "Systems des Handelns" feilen.
Erleichtern könnte Löw die "Passschule für Fortgeschrittene", die Louis van Gaal bei Bayern München in der kommenden Saison wieder anbietet. Der Niederländer, der den Fußball vor allem als Spiel definiert, das von Geschwindigkeit und Genauigkeit in den Pässen geprägt ist, dürfte nicht nur den Bayern-Block mit Lahm, Schweinsteiger, Müller, Klose und Badstuber verbessern, sondern auch auf Nachahmer in den anderen Bundesligaklubs stoßen. Mit den gestiegenen technischen Fertigkeiten könnte indirekt auch das Selbstvertrauen in die eigene Stärke steigen, das den Nationalspielern am Mittwochabend fehlte, sie hemmte und in eine zaghafte Passivität trieb.
Ein großes Plus dieser Spielergeneration ist ihr Wissensdurst und ihr Ehrgeiz, die Bandbreite ihres Könnens zu vergrößern. Diese Gier dürfte durch den Konkurrenzdruck von unten noch befeuert werden. Manuel Neuer, eigentlich vor Turnierbeginn nur die Nummer zwei, hat sich zwar vorerst den Stammplatz im Tor gesichert, doch beim ersten Schwächeanfall des Schalkers stünde René Adler (Leverkusen) bereit. Mats Hummels und Kevin Großkreutz (beide Dortmund), Benedikt Höwedes (Schalke) und Stefan Reinartz (Leverkusen) drängen ins Team, Serdar Tasci (Stuttgart), bislang nur als WM-Tourist in Südafrika dabei, passt mit seinen vertikalen Pässen im Grunde ausgezeichnet in das Konzept Löws.
Ob dieser beim nächsten Versuch, die bestehenden Grenzen zu überwinden, auf Michael Ballack setzt, ist die spannendste Personalie für den Bundestrainer. "Ich werde nach dem Turnier nicht zum Bundestrainer gehen und ihm die Binde zurückgeben", erneuerte Lahm zwar seinen Wunsch, dem Team weiter als Kapitän vorzustehen. Zugleich ruderte er nach seinen offensiven Aussagen in dieser Woche zurück: "Wenn Michael das Amt wieder zugetragen wird, ist es eben so, damit hätte ich kein Problem. Auch in diesem Fall würde ich weiter Verantwortung übernehmen." Was auch notwendig wäre, um Spanien auf Augenhöhe zu begegnen. Denn dort gibt es im Team nicht einen herausragenden Star, sondern eine Ansammlung von herausragenden Teamspielern.
Internationale Pressestimmen zu Deutschland - Spanien:
"El País": "Heldenhaft und kunstvoll: Das beste Spanien steht im Finale. Das fantasievolle Spiel und das spanische Temperament haben die deutsche Maschine ausgeschaltet. Bislang hatte die Nationalelf ihr fußballerisches Können noch nicht unter Beweis stellen können. Aber im wichtigsten Augenblick zeigte sie ihre beste Version."
"El Mundo": "Spanien zieht die Welt in seinen Bann. Das Land hat ein Ticket in die Ewigkeit gelöst. Die Nationalelf hat wie noch nie gespielt und wie nie zuvor gewonnen. Die spanischen Spieler sind klein, aber was sie für ihr Land geleistet haben, ist die große Metapher einer Utopie. Deutschland, den Giganten der Vergangenheit, haben sie auf ein Nichts reduziert."
"El Periódico de Catalunya": "Rote Herrlichkeit in Südafrika. Die spanische Nationalelf hat gespielt wie im Film und gewonnen wie die Deutschen – mit einem riesigen Kopfballtor."
"As": "Tiqui-taca und ein furioses Tor! So wie Spanien gespielt hat, wird wohl im Paradies gespielt. Gegen das beste Deutschland der vergangenen Jahre hat die spanische Nationalelf einen entzückenden und hypnotischen Fußball entfaltet."
"Marca": Wir sind die Besten der Welt (und am Sonntag Weltmeister). Das war ein Meisterwerk, ein Tor für die Geschichte. Der perfekte Kopfball Puyols hat die riesigen Deutschen fertig gemacht. Deutschland hat im ganzen Spiel nur eine einzige Torchance gehabt."
"Sport": "Das, was wir in Durban gesehen haben, war ganz groß. Groß ist auch der historische Meilenstein, den die spanische Nationalmannschaft gesetzt hat."
"Daily Telegraph": "Niemand erwartete die spanische Inquisition aus der Luft. ... Das wäre doch bestimmt unter der Würde solcher Stilisten. Aber doch: Es war Puyol, dessen Haar in alle Richtungen flog, wie bei einem englischen Schäferhund auf Stöckchenjagd, der Spanien ins WM-Finale köpfte. Es war so, als entdeckte man die Rolling Stones als Straßenmusikanten am Leicester Square oder Lewis Hamilton beim Autoscooter auf dem Rummelplatz – einfach ziemlich unwahrscheinlich."
"The Times": "Wer zum Konter greift, wird durch den Konter umkommen. Joachim Löw ist mit Recht dafür gelobt worden, den besten Fußball der WM zu spielen. Gegen Spanien, einem stilistisch ganz anderen Gegner als Deutschlands vorherigen Widersachern, gelang es ihm allerdings nicht, eine effektive Alternative zu finden, und dafür musste er am Ende teuer bezahlen."
"The Guardian": "Spanien schreibt Geschichte, indem es sich wiederholt. Das Land zieht ins WM-Finale ein, weil es die Formel für Glorie gefunden hat."
"Daily Mail": "König Carles! Puyol feuert Spanien ins erste WM- Finale. Bei all der Schönheit ihres Fußballs der wundervoll kultivierten Füße war es das kompromisslose Biest aus dem Herzen der Abwehr, das Spanien ins Finale beförderte."
"The Independent": "In einem Turnier der dauernden Revisionen, wo gute Rufe so schnell verloren gehen wie sie erarbeitet werden, zeigte sich, dass Deutschland das übrige Europa doch nicht so sehr distanziert hat. Gegen das englische und argentinische Chaos blühten sie auf. Gegen das dicht gestellte, quirlige spanische Mittelfeld ging die Geschichte anders aus."
"The Sun": "Puyols Überraschungsschlag versenkt die Deutschen - Das echte Spanien ist schließlich doch noch in Südafrika angekommen. Der deutsche Brummi wurde von der Straße gedrängt. Es war ein großartiger Schlagabtausch zwischen zwei europäischen Schwergewichten.
"Expressen": "Der alte, faltige, langhaarige Puyol entschied das Duell gegen die Jugend. Spanien bereitet sich jetzt auf das Finale vor und Deutschland auf eine strahlende Zukunft."
"Mirror": "Spanien hat jahrzehntelang gelitten. Nun fand es den Weg ins gelobte Land. An einem Abend, wo Ballbesitz fast alles war, waren Vicente Del Bosques Männer einfach zu clever und einfallsreich für Deutschlands aufstrebende Generation."
"Daily Express": Es ist wahrscheinlich nur ein kleiner Trost für den hellsehenden Tintenfisch im Aquarium in Oberhausen und die übrigen Einwohner dieser deutschen Stadt, dass sein untrügerisches Gespür für Sieger intakt geblieben ist."
"Algemeen Dagblad": "Spanien rechnete ab mit Deutschland, das in diesem Turnier Australien, Argentinien und England niedergeschmettert hatte. Doch in Durban war wenig zu sehen von diesem herzerfrischenden Spiel. Die Elf von Joachim Löw, der wieder seinen blauen Glückspulli angezogen hatte, wurde von Spanien in die Zange genommen."
"De Telegraaf": "Komm nur, Spanien! Oranje muss Sonntag in Johannesburg auf Kosten Spaniens Weltmeister werden. Die Spanier wirkten zwar viel stärker als Deutschland, doch den Unterschied in der Kampfkraft konnten sie erst spät in der zweiten Hälfte zur Wirkung bringen."
"de Volkskrant": "Joachim Löw wollte gern daran glauben, dass die Hackordnung von 2008 bei der WM 2010 nicht mehr gilt. Doch zwei Jahre nach dem Kniefall vor Spanien im EM-Finale mussten die Deutschen feststellen, dass sie die Kluft zwischen sich und dem Europameister zwar verkleinert, aber nicht geschlossen haben."
"Voetbalkrant": "In der zweiten Halbzeit kam Deutschland wieder hoch, aber Spanien nahm die Sache schnell in die eigenen Hände. Und Puyol bekam eine Chance, seinen Aussetzer in der ersten Hälfte wieder gut zu machen. Sein Kopfball war unhaltbar. Spanien spielte durch und kam nach seinem besten Kampf in diesem Turnier verdient weiter."
"La Gazzetta dello Sport": "Fiesta Spagna, Ciao Germania. Del Bosque freut sich über seine 11 Bestien, Löw gibt sich geschlagen."
"Tuttosport": "Spanien geht in die Geschichte ein. Puyol wird zum Helden. Ciao Germania."
"Corriere dello Sport": "Puyol zwingt Deutschland nieder. Der Oktopus Paul hatte wieder recht. Sonntag wird die WM einen neuen Herrscher bekommen."
"La Repubblica": "Das war zu viel Spanien für Deutschland. Die Beatles des Fußballs hören nicht auf zu spielen."
"Libertà": "Paul irrt nicht: Der Oktopus erwies sich als schlechtes Omen für die Deutschen."
"Il Secolo": "Spanien Olé, die Spanier schreiben WM-Geschichte."
Stimmen zum Spiel Deutschland gegen Spanien:
Bundestrainer Joachim Löw: "Kompliment an die Spanier. Ich glaube, dass sie Weltmeister werden, sie sind in den vergangenen zwei, drei Jahren die Besten gewesen. Sie sind spielerisch so gut, sie haben uns an die Grenzen gebracht. Manche konnten die Hemmungen nie richtig abbauen. Die Spanier lassen den Ball so laufen, dass man häufig hinterherrennt. Wir kamen nicht zu den nötigen Ballgewinnen und haben viel Kraft gebraucht."
Trainer Vicente Del Bosque (Spanien): "Ich möchte keine Namen nennen, aber einige Spieler haben heute eine außergewöhnliche Arbeit geleistet. Sowohl in der Abwehr als auch im Angriff. Wir haben noch ein Spiel vor uns, aber derzeit fühlen wir uns mit dem Ball und physisch unglaublich wohl. Das niederländische Team hat bei dieser WM die Werte des holländischen Fußballs sehr gut präsentiert. Es wird ein schweres Spiel."
Kapitän Philipp Lahm (Bayern München): "Die Enttäuschung ist sehr groß. Wir haben uns viel vorgenommen, es ist uns nicht gelungen. In der ersten Halbzeit haben wir nicht mutig genug nach vorne gespielt. Nach hinten haben wir nicht viel zugelassen. Und dann muss seine wenigen Chancen nutzen. Auf das Spiel um Platz 3 habe ich heute überhaupt keine Lust."
Manuel Neuer (Schalke 04): "In diesem Moment ist die Enttäuschung sehr groß. Wir wissen aber, dass wir ein gutes Turnier gespielt haben. Wir haben zu wenig nach vorne gemacht, uns zu wenige Chancen erarbeitet. Uns hat vielleicht ein bisschen der Mut gefehlt. Wir haben in fast jedem Spiel in der ersten Halbzeit Tore gemacht, dadurch stieg unser Selbstbewusstsein. Das war heute anders. Dann hat Spanien das Heft in die Hand genommen und viel mehr Chancen herausgespielt."
David Villa (Spanien): "Die Seleccion hat heute ihr bestes Spiel des Turniers gezeigt. In den wichtigen Momenten kann sich diese Mannschaft immer noch steigern. In unserer Geschichte hat es das noch nicht gegeben, dass wir in ein WM-Finale einziehen. Wir haben einfach eine tolle Gruppe, die schon bei der EM hervorragende Arbeit geleistet hat. Jetzt wollen wir noch mehr."
Günter Netzer (Ex-Nationalspieler): "Spanien war die eindeutig bessere Mannschaft, in fast allen Belangen. Wir waren zu passiv, haben viele Bälle verloren und Spanien war technisch besser."
Miroslav Klose (Bayern München): "Wir waren zu sehr mit der Defensive beschäftigt. Die Spanier haben sich clever fallen lassen. Wenn wir mal in Ballbesitz kamen, waren wir zu kaputt und müde zum Umschalten. Wir haben uns bemüht, Ruhe ins Spiel zu bringen und unsere Ballstafetten hinzulegen. Aber wir haben nicht zwingend genug nach vorne gespielt. Ich bin schon enttäuscht, dass es nichts wird mit dem WM-Titel."
DFB-Präsident Theo Zwanziger: "Ich denke, die Mannschaft hat das gegen einen starken Gegner gegeben, was möglich ist. Die Spanier haben klasse Spieler. Sie waren heute die bessere Mannschaft. Den Ausfall von Thomas Müller hat man heute gemerkt. Aber es ist eine tolle WM. Ich bin traurig für die Mannschaft, aber nicht enttäuscht. Wir sind mit einer ganz jungen Truppe unter den besten vier Mannschaften der Welt. Ihr gehört die Zukunft. Die Spanier sind schon vier Jahre weiter."
Teammanager Oliver Bierhoff: "Es sollte nicht sein. Die Mannschaft hat uns viel Freude gemacht, aber heute war Spanien die bessere Mannschaft. Das Fazit für das Turnier ist dennoch positiv, es steckt unheimlich viel Potenzial in der Mannschaft. Sie hat begeisternden Fußball gespielt."
Bastian Schweinsteiger: "Man ist schon verärgert, wenn man kurz vor dem Finale steht und dann nicht so spielt, wie man es vorhat. Natürlich hatte Spanien mehr Ballbesitz, sie haben sehr gute Passspieler. Aber wir müssen besser stehen, sind zu häufig dem Ball hinterher gelaufen. Gegen Spanien bekommt man nicht viele Torchancen, die wenigen muss man dann nutzen. Spanien hat verdient gewonnen, sie sind noch eine Stufe besser als England oder Argentinien. Aber man hat gesehen, dass wir eine gute junge Mannschaft mit Zukunft haben."
Thomas Müller: "Im Moment ist eine Riesenenttäuschung da. Das Ergebnis ist für uns eine Katastrophe. Spanien hat exzellente Fußballer, nichtsdestotrotz wäre auch gegen Spanien für uns was drin gewesen. Leider konnten wir nicht an unsere vorherigen Leistungen anknüpfen."