Fußball-Betrug
Wettskandal: Europa greift durch
Heute Krisentreffen bei der Uefa. In Italien wird ein Klubchef mit angeblichen Kontakten zur Mafia festgenommen.
Berlin. Theo Zwanziger ließ überhaupt keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen. Nachdem der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kurzzeitig in den Ruch gekommen war, den neuerlichen, auch den deutschen Fußball umfassend betreffenden Wettskandal herunterzuspielen ("Korruption und Bestechung haben wir auch, aber wer hat das denn nicht?"), gingen er und sein Verband gestern medial in die Gegenoffensive. "Dieser Verband nimmt die Dinge ernst", sagte Zwanziger auf einer Pressekonferenz in der Frankfurter DFB-Zentrale. "Und um es klar zu sagen: Ein Sportverband ist absolut überfordert, organisierte Kriminalität - auch noch mit internationalem Charakter - allein zu bekämpfen. Es geht um gesellschaftliche Kriminalität, da brauchen wie die Unterstützung der Staatsanwaltschaft."
Seit die Bochumer Staatsanwälte die Dimension ihres seit mehr als einem Jahr andauernden Ermittlungsverfahrens offen legten, und seitdem bekannt geworden ist, dass unter insgesamt rund 200 europaweit manipulierten Fußballspielen auch 32 in Deutschland verschoben worden sein sollen, müht sich der DFB um Erklärungen. Wie konnte es dazu kommen, dass das Frühwarnsystem für zweifelhafte Bewegungen auf dem Wettmarkt vermeintlich versagt hat? Schließlich zahlt der DFB für die Überwachung der Spiele bis einschließlich der vierten Liga jährlich rund 200 000 Euro.
"Wir haben ein Warnsystem aufgebaut, das uns in den letzten Jahren geholfen hat. Wir haben in der Vergangenheit doch gezeigt, dass wir die Dinge nicht bagatellisieren", sagte ein angriffslustiger Zwanziger und erhielt Unterstützung vom Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL) Christian Seifert: "Kein Verband, kein Frühwarnsystem der Welt kann organisierte Kriminalität, die Spiele manipulieren will, zu 100 Prozent aufdecken."
DFB und DFL haben nun eine siebenköpfige Task Force gegründet und hoffen auf mehr Informationen durch die Europäische Fußball-Union (Uefa). Die will heute mit den neun Nationalverbänden, die in den Wettskandal verwickelt sind, über den Stand der Ermittlungen diskutieren. Für den DFB nimmt Generalsekretär Wolfgang Niersbach an dem Krisentreffen in Nyon teil. Nicht ohne Süffisanz verriet der DFB-Chef zudem, man habe erst neulich einen Trainer vorsorglich gebeten, nicht auf ein Spiel seiner Mannschaft zu wetten, "weil wir nicht wollten, dass es im Pokalgeschehen zu einer nicht ganz eindeutig statutenmäßigen Verhaltensweise kommt". Der Name des Zockers: Mario Basler, Trainer von Viertligist Eintracht Trier, der vor einem Pokalspiel erklärt hatte, er würde auf einen Sieg seiner Mannschaft wetten. Basler ist Werbepartner des Wettanbieters Digibetwetten.
Der Anwalt eines Verhafteten nannte unterdessen Details aus dem Durchsuchungsbeschluss. Seinem Mandanten Deniz C., der seit Donnerstag in Untersuchungshaft sitze, werde gewerbsmäßiger Bandenbetrug in acht Fällen sowie erpresserischer Menschenraub vorgeworfen, sagte Rechtsanwalt Burkhard Benecken. Der 30 Jahre alte Mann aus Herten soll mit sechs Verdächtigen aus dem Ruhrgebiet auf manipulierte Partien in der Schweiz, Belgien, Türkei, Kroatien und Slowenien gewettet haben. Deniz C. soll sogar einen Wettanbieter aus Nürnberg verschleppt und eingesperrt haben, um Wettschulden einzutreiben.
Während Sportpolitiker in Deutschland längst hellhörig geworden sind und wie die designierte Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) das Verbot von Fußballwetten unterhalb der obersten beiden Ligen für "diskussionswürdig" halten, erreichte der Wettskandal gestern Italien: Die Polizei nahm neun Verdächtige fest, darunter den Klubpräsidenten des Drittligisten Potenza Calcio, Guiseppe Postiglione. Die Gruppe steht unter dem Verdacht, das Zweitligaspiel zwischen Ravenna und Lecce (1:3) am 26. April 2008 manipuliert zu haben. Postiglione soll auf das Spiel gewettet und 86 000 Euro gewonnen haben. Im Visier der Ermittler seien außerdem weitere sieben Spiele der dritten Liga, in der Potenza derzeit den viertletzten Platz belegt. Der Gruppe werden auch Verbindungen zur Mafia nachgesagt.







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